H2News: Frau Gitta Connemann, der industrielle Mittelstand gilt als Rückgrat der deutschen Wirtschaft. Welche politischen Maßnahmen halten Sie derzeit für besonders wichtig, um mittelständische Industrieunternehmen nachhaltig zu stärken?
Gitta Connemann: Der Mittelstand gilt nicht nur als Rückgrat der deutschen Wirtschaft. Er ist tatsächlich das Kraftwerk unserer Wirtschaft und ihre Kreativabteilung. Über 99 Prozent aller Unternehmen in unserem Land gehören dazu. Dieser Mittelstand ist kein abstrakter Begriff. Er hat viele Gesichter und Geschichten. Die mittelständischen Unternehmen sichern Arbeitsplätze. Sie treiben Innovationen voran. Sie schaffen Arbeit. Halten unser Land am Laufen.
Der deutsche Mittelstand hat immer wieder gezeigt, wie widerstandsfähig er ist. Corona. Hohe Energiepreise. Steigende Zinsen. Unsichere Weltlage. Gerade in extrem schwierigen Lagen findet er Antworten. Das Problem ist aktuell aber nicht die einzelne Krise. Es ist die Summe. Betriebe haben ihr Eigenkapital angegriffen. Investitionen werden verschoben. Mitarbeiter fehlen weiter. Und dennoch steht der Mittelstand immer noch. Unsere Betriebe sind stark. Aber sie brauchen jetzt Rückenwind.
H2News: Welche konkreten Maßnahmen haben Sie bereits umgesetzt?
Connemann: Angesetzt haben wir bei den größten Problemen: dem Fachkräftemangel, den volatile Energiepreise, der lähmenden Bürokratie und den zu hohe Steuern und Abgaben. Diese Probleme kosten Substanz und Kraft. Wir setzen auf Digitalisierung, Innovation, Fachkräfte, Investitionen und Entlastung. Mit dem Investitionsbooster haben wir das größte Abschreibungspaket in den letzten beiden Jahrzehnte auf den Weg gebracht. Davon profitieren Unternehmen unmittelbar. Die Aktivrente wirkt. Mit dem Energiepreispaket sorgen wir dafür, dass Energie bezahlbar bleibt. Durch das GKV-Beitragsstabilisierungsgesetz haben wir die Beitragsentwicklung gedämpft.
H2News: Welche Chancen sehen Sie für den Mittelstand durch die Sicherheits- und Verteidigungsindustrie?
Connemann: Der Hochlauf in der Sicherheits- und Verteidigungsindustrie entfaltet nachhaltige Breitenwirkung. Denn es handelt sich um eine Querschnittsbranche mit engen Verbindungen wie z.B. der Metall- und Elektroindustrie oder Informations- und Kommunikationstechnologien. Solche branchenübergreifenden Verflechtungen sowie Dual-Use-Produkte bieten dem industriellen Mittelstand neue und beträchtliche Potenziale. Dazu ist der industrielle Mittelstand unverzichtbar. Deshalb flankiert unser Bundesministerium für Wirtschaft und Energie (BMWE) auch Initiativen, mit denen Mittelständler stärker mit der Sicherheits- und Verteidigungsindustrie vernetzt werden wie zum Beispiel über die von uns geförderte Online-Vernetzungsplattform SVI-Connect.
H2News: Reichen diese Maßnahmen bereits aus, oder was ist noch geplant?
Connemann: Natürlich reicht das noch nicht. Weitere Maßnahmen müssen folgen und sind geplant. Nach dem Motto: Ein Staat, der nicht bremst, sondern ermöglicht. Weniger Hürden. Mehr Vertrauen. Und Entscheidungen, die schneller wirken. Und der Mittelstand selbst? Er muss offen bleiben für neue Technologien. Er muss den Mut haben, Geschäftsmodelle weiterzuentwickeln. Beides gehört zusammen. Politik und Wirtschaft dürfen nicht nebeneinander her arbeiten. Sie dürfen nicht übereinander, sondern müssen miteinander sprechen. Und gemeinsam Lösungen finden.
H2News: Viele Unternehmen leiden unter akutem Fachkräftemangel – insbesondere im technischen und handwerklichen Bereich. Wo sehen Sie die größten Hebel, um gegenzusteuern?
Connemann: Korrekt. Der Fachkräftemangel ist eine der größten Baustellen. Wir kennen das aus technischen Berufen schon lange. Das Problem wächst aber auch im Handwerk, selbst in kaufmännischen Bereichen. Viele Betriebe suchen händeringend und finden niemanden. Das bremst Wachstum, während gleichzeitig der Druck durch Regeln und Vorgaben wächst. Das kostet Zeit, Kraft und Geld. Ressourcen, die eigentlich in neue Ideen fließen sollten. Vorneweg: in Deutschland gilt Berufsfreiheit. Wir können – glücklicherweise – niemanden zwingen, einen bestimmten Beruf zu ergreifen. Wir können nur gemeinsam werben. Dafür gibt es mehrere Hebel. Der größte liegt bei den Unternehmen selbst – durch attraktive Arbeitsplätze mit Perspektive, auch durch Nutzung neuer Technologien.
H2News: Wie unterstützt die Politik die Unternehmen dabei konkret?
Connemann: Das BMWE hat das Kompetenzzentrum Fachkräftesicherung geschaffen. Dieses unterstützt Unternehmen dabei, Fachkräfte zu gewinnen und langfristig zu binden. Dazu gehört auch die Rekrutierung neuer Zielgruppen wie etwas von Quereinsteigerinnen und Quereinsteigern. Besonders wichtig bleibt die Ausbildung im eigenen Betrieb. Sie ist und bleibt der beste Weg, Fachkräfte von morgen zu sichern. In der Allianz für Aus- und Weiterbildung engagieren wir uns deshalb dafür, für die duale Ausbildung zu werben, zu attraktivisieren, Ausbildungsangebot und -nachfrage besser zusammenzubringen. Dies tun wir aktuell unter anderem mit dem Sommer der Berufsausbildung, bei dem die Partner der Allianz gemeinsam für die duale Ausbildung werben. Auch eine frühzeitige Berufsorientierung spielt eine wichtige Rolle. Dafür unterstützen wir Ausbildungsbotschafterinnen und Ausbildungsbotschafter, die Schülerinnen und Schülern auf Augenhöhe die Chancen einer Ausbildung näher bringen.
H2News: Welche Rolle spielen Fachkräfteeinwanderung und ältere Beschäftigte bei der Lösung?
Connemann: Wir sind auf qualifizierte Fachkräfteeinwanderung angewiesen. Damit Betriebe künftig leichter Fachkräfte gewinnen können, richten wir eine digitale Work and Stay-Agentur ein. Ihr Ziel ist es, die Visa- und Verwaltungsverfahren der Erwerbs- und Bildungsmigration umfassend zu digitalisieren und zu beschleunigen. Das erleichtert Unternehmen den Zugang zu internationalen Fachkräften.
Last not least: Silver Agers sind oft Gold Standard. Die zu Beginn dieses Jahres in Kraft getretene Aktiv-Rente schafft nunmehr endlich einen Anreiz, dass erfahrene Fachkräfte ihr Wissen und ihre Erfahrung länger einbringen können.
H2News: Die Industrie klagt seit Jahren über hohe Bürokratielasten. Wie ernst nimmt die Politik dieses Problem inzwischen?“
Connemann: Die gute Nachricht zuerst: Wir haben verstanden, dass sich etwas ändern muss. Das deutlichste Signal war die Schaffung eines Ministeriums für Digitalisierung und Staatsmodernisierung. Der Bürokratierückbau ist dadurch zur zentralen Chefsache gemacht worden. Zu Recht. Unsere Betriebe brauchen Freiraum. Es gibt zu viele Regeln. Zu viele Formulare. Zu viel Misstrauen. Das bremst und kostet: 64 Milliarden Bürokratiekosten pro Jahr belasten Mittelstand und Handwerk massiv. Hinzu kommt der Erfüllungsaufwand. Laut einer Studie des ifo Instituts verliert die deutsche Wirtschaft bis zu 146 Milliarden Euro pro Jahr durch den bürokratischen Aufwand. Das muss sich ändern. Wir brauchen schnellere Verfahren und weniger Bürokratie. Spürbar. Nicht irgendwann, sondern jetzt. Und deshalb handeln wir.
H2News: Welche konkreten Entlastungen können mittelständische Unternehmen in naher Zukunft tatsächlich erwarten?
Connemann: Hier nur einige Beispiele: Wir haben die Zahl der Beauftragten reduziert, Genehmigungs- und Planungsverfahren für Infrastrukturprojekte beschleunigt, den Bauturbo eingelegt, Reallabore ermöglicht. Und es geht weiter: Der Koalitionsausschuss hat Anfang Juli beschlossen, Berichtspflichten pauschal abzubauen. Der Bund wird alle Berichtspflichten pauschal abschaffen. Es sei denn, dass eine Bundesministerin oder ein Bundesminister diese für zwingend notwendig hält. Das muss dann allerdings begründet werden. Zudem sollen 25 Prozent der Dokumentationspflichten innerhalb eines Jahres abgeschafft werden. Das gibt unserer ständigen Arbeit, Unternehmen, Bürgerinnen und Bürger sowie die Verwaltung zu entlasten, kräftigen Rückenwind. Ein erstes und ein zweites Entlastungskabinett haben wir in dieser Wahlperiode auch schon vorgelegt. Aber machen wir uns nichts vor: Bürokratierückbau bleibt eine zähe Daueraufgabe. Auch weil uns die EU immer wieder neue Lasten zuspült. Und nicht jeder Freiraum wirklich genutzt wird. Wir müssen alle gemeinsam wieder zu einem Mentalitätswechsel kommen: Gegen die Angst! Auf die Freiheit!
H2News: Energiepreise und steigende Produktionskosten setzen energieintensive Branchen weiterhin unter Druck. Wie kann Deutschland als Industriestandort international wettbewerbsfähig bleiben?
Connemann: Entlastung ist das Gebot der Stunde. Die Kosten müssen runter. Dafür hat unser Energieministerium richtig Gas gegeben. Wir haben die Absenkung der Stromsteuer für Unternehmen des produzierenden Gewerbes und der Land- und Forstwirtschaft auf den EU-Mindeststeuersatz eingeführt. Die Gasspeicherumlage zum Jahreswechsel 2025/2026 abgeschafft. Die Netzentgelte gesenkt. Wir finanzieren die EEG-Umlage über den Bundeshaushalt. Diese Umlage, die vor allem kleine und mittlere Unternehmen belastet hat, läge derzeit bei etwa 5 Cent pro Kilowattstunde. Das ist ein echter Kostenblock, den der Bund übernimmt. Um die energieintensive Industrie im internationalen Wettbewerb weiter zu entlasten, führen wir für die Jahre 2026 bis 2028 den Industriestrompreis ein. Und weiten die Strompreiskompensation rückwirkend für 2025 aus. Zuletzt haben wir mit der EU-Kommission die Details der neuen Kraftwerksstrategie beschlossen, mit der neue, wasserstofffähige Gaskraftwerke bis spätestens 2031 ans Netz gehen sollen. Diese Anlagen liefern flexibel bei Dunkelflauten Strom. Sie vergrößern das verfügbare Stromangebot und bringen damit weitere Preisentlastung am Strommarkt. Perspektivisch sollen sie bis 2045 vollständig auf klimaneutralen Wasserstoff umgestellt werden.
H2News: Die industrielle Zulieferbranche ist stark exportorientiert. Welche Auswirkungen haben geopolitische Unsicherheiten und Handelskonflikte aktuell auf den deutschen Mittelstand?
Connemann: Geopolitische Unsicherheiten und Handelskonflikte setzen einer Exportnation wie Deutschland besonders schwer zu. Wir spüren aktuell, wie die Auswirkungen des Iran-Kriegs unsere Konjunktur dämpft. Das bemerken auch unsere kleinen und mittleren Betriebe unmittelbar, auch wenn diese „nur“ importieren oder die Exportwirtschaft beliefern. Deshalb ist es so wichtig, neue Ex- und Importmärkte zu erschließen. Dafür brauchen wir weitere Freihandelsabkommen. So können wir unsere Handelsbeziehungen diversifizieren und für mehr Resilienz und gegen einseitige Abhängigkeiten sorgen. Deshalb war der Abschluss mit Mercosur, Indien und Indonesien so wichtig. Damit erschließt sich Europa große Märkte. Darüber hinaus muss die EU ihre Instrumenten gegen unfaire Wettbewerbsverzerrungen einsetzen. Klar ist aber auch: Einer Abschottungspolitik erklären wir eine Absage.
H2News: Digitalisierung und Automatisierung verändern Produktionsprozesse rasant. Wie kann die Politik mittelständische Unternehmen dabei unterstützen, technologisch Schritt zu halten?
Connemann: Digitalisierung ist schon längst keine Option mehr, sondern Pflichtaufgabe. Sie entscheidet über Marktpräsenz, Wettbewerbsfähigkeit und Umsatz. Die rasante technologische Entwicklung bringt allerdings auch immer neue Anforderungen an Cybersicherheit, Software und digitale Infrastruktur mit sich. Zur Wahrheit gehört: Die Digitalisierung der Unternehmensprozesse, der Einsatz von KI, Cybersicherheit sind für viele Mittelständler Herausforderungen und manchmal auch Überforderungen. Denn damit ist der Einsatz von Geld, Zeit und Kraft verbunden. Diese Ressourcen werden aber häufig an anderer Stelle gebraucht. Das schafft nicht jeder Betrieb aus eigener Kraft. Dabei unterstützen wir als BMWE.
Dazu gehören unsere Mittelstand-Digital Zentren, die Transferstelle Cybersicherheit im Mittelstand und den European Digital Innovation Hub. Dabei handelt es sich um starke Netzwerke mit umfassender Expertise. Dort erhalten Mittelständler Informationen und Qualifikation zu Themen wie Digitalisierung, IT- und Cybersicherheit, Robotik, Automation, digitale Fabriken, digitaler Produktpass und der Einführung von KI. Diese Anlaufstellen sind eine gute Startadresse für die komplexen digitalen Fragen, die Unternehmen lösen müssen.
H2News: Viele Familienunternehmen berichten von zunehmenden Schwierigkeiten bei Unternehmensnachfolgen. Welche politischen Rahmenbedingungen braucht es, damit mittelständische Betriebe langfristig erhalten bleiben?
Connemann: Prognosen zufolge werden bis 2029 weit über 100.000 mittelständische Betriebe jährlich auf Nachfolgesuche sein. Diese Suche ist häufig nicht weniger als eine Existenzfrage. Denn ohne Nachfolge sind Arbeitsplätze, Know-how, Wertschöpfung, Regionen bedroht. Darauf haben wir zum Beispiel mit unserer kostenfreien Unternehmensnachfolgebörse „nexxt-change.org“ und dem „ERP Förderkredit Gründung und Nachfolge“ reagiert. Vor allem aber kommt es für erfolgreiche Betriebsnachfolgen auf die Perspektiven und Investitionsbedingungen des Betriebes an. Deshalb sind strukturelle Maßnahmen wie Bürokratierückbau, steuerliche Erleichterung und Planungssicherheit so wichtig. Die nächsten Generationen brauchen Vertrauen in die Zukunft.
H2News: Die Industrie befindet sich im Spannungsfeld zwischen Klimaschutz, Transformation und Wirtschaftlichkeit. Wie kann die Balance zwischen Nachhaltigkeit und Wettbewerbsfähigkeit gelingen?
Connemann: Die Balance gelingt nur, wenn wir für eine effiziente Dekarbonisierung klare Preis- bzw. Kostensignale setzen, die Unternehmen Entscheidungsfreiheit lassen. Natürlich mindern steigende CO2-Vermeidungskosten die Investitionsmittel. Das Spannungsfeld zwischen Klimaschutz, Transformation und Wirtschaftlichkeit ist real. Dabei müssen wir vermeiden, dass die Zusatzkosten zu Wettbewerbsnachteilen führen – innerhalb und außerhalb Europas.
Nachhaltigkeit ist allerdings nicht nur ein reiner Kostenfaktor, sondern auch Innovationsmotor und Verkaufsfaktor. Saubere Technologien ermöglichen künftiges Unternehmenswachstum. Der globale Green-Tech-Markt wächst zweistellig. Die deutschen Green Tech Unternehmen können einen Exportanteil von 13 Prozent vorweisen. Das ist deutlich mehr als Deutschlands 7 prozentiger Anteil an den weltweiten Exporten insgesamt. Diese Stärke sollten und wollen wir weiter ausbauen. Aber dazu braucht unser Mittelstand fairen Wettbewerb und Technologieoffenheit
H2News: Wenn Sie mit Unternehmerinnen und Unternehmern aus dem industriellen Mittelstand sprechen: Welche Sorgen und Erwartungen begegnen Ihnen derzeit am häufigsten?
Connemann: Immer wieder werden der Fachkräftemangel, die hohen und volatilen Energiepreise, die lähmende Bürokratie und die zu hohe Steuern und Abgaben genannt. Sie kosten die Unternehmen Substanz und Kraft. Hinzu kommt das Gefühl, nicht gesehen zu werden und wachsende Ungeduld. Deshalb sind direkte Gespräche im Betrieb vor Ort auch wichtig, Wirtschaft ist eben auch Psychologie. Gleichzeitig erlebe ich immer wieder enormen Gestaltungswillen, viel Innovationskraft und festen Willen, in Deutschland zu investieren und Arbeitsplätze zu sichern. Der Mittelstand hat viele Gesichter und Geschichten. Er ist der Ausbilder der Nation und das Rückgrat unserer Wirtschaft und Gesellschaft. Für unsere Demokratie ist es wichtig, dass wir zwingend weiter entlasten und Wachstumskräfte entfesseln. Leistung muss sich lohnen – für die Betriebe und ihre Beschäftigten.
H2News: Welches Signal würden Sie unseren Leserinnen und Leserin für die Zukunft mit auf den Weg geben?
Connemann: Haben Sie Zuversicht. Ich habe diesen jeden Tag – dank unseres Mittelstandes. Ich sehe Unternehmen, die unter großem Druck neue Wege gehen, neue Märkte erschließen und ausbilden, auch wenn es schwerer geworden ist. Das ist stark, das ist Substanz. Diese Leistung verdient bessere Rahmenbedingungen. Wir haben in dieser Legislatur schon einiges angestoßen und sind auf dem richtigen Weg. Aber ich sage auch klar: Es reicht noch nicht. Daran arbeiten wir weiter – mit voller Kraft für den Mittelstand.








