„Kommunen spielen eine Schlüsselrolle beim Wasserstoffhochlauf“

Im Interview mit dem Fachinformationsportal gwf Gas + Energie erklärt Dr. rer. pol. Dipl.-Ing. Désirée Schulte, wie das H₂-Netzwerk Ruhr e.V. den Wissenstransfer rund um Wasserstoff organisiert und welche Formate sich speziell an junge Menschen, insbesondere an Frauen und Mädchen, richten. Außerdem spricht sie über die Rolle der Kommunen beim Hochlauf der Wasserstoffwirtschaft, die Erwartungen der Mitglieder an die Politik und kommende Veranstaltungen im Jahr 2026.

von | 13.03.26

Dr. rer. pol. Dipl.-Ing. Désirée Schulte ist seit Juli 2023 Geschäftsführerin des H₂-Netzwerks Ruhr e.V.
© CM Foto
„Kommunen spielen eine Schlüsselrolle beim Wasserstoffhochlauf“

gwf: Frau Dr. Schulte, Wasserstoffnetzwerke gibt es in Deutschland inzwischen viele. Was unterscheidet das H₂ Netzwerk Ruhr von anderen Initiativen?

Dr. Désirée Schulte: Zum einen ganz klar unsere Historie: Uns gibt es bereits seit 2008 – also zu einer Zeit, als Wasserstoff in der öffentlichen Debatte noch kaum eine Rolle gespielt hat. Unsere Gründungsmitglieder hatten damals bereits die Vision, dass Wasserstoff ein zentraler Baustein der Energiewende werden kann. Aus zunächst acht Mitgliedern ist über die Jahre eines der größten Netzwerke Deutschlands geworden. Heute zählen wir rund 95 Mitglieder – von Kommunen über Forschungseinrichtungen bis hin zu mittelständischen Unternehmen und internationalen Industrieakteuren.

Was uns aber vor allem auszeichnet, ist unsere starke fachlich-technische Ausrichtung. Wir verstehen uns nicht als reines Marketing- oder Projektlabel, sondern als Plattform für Wissenstransfer. Unsere Mitglieder kommen mit konkreten Fragestellungen zu uns – regulatorisch, technisch, strategisch – und genau darauf richten wir unsere Formate aus.

gwf: Wie sieht dieser Wissenstransfer konkret aus?

Dr, Schulte: Wir arbeiten mit unterschiedlichen Formaten. Ein zentrales Element sind unsere Fachgruppen – etwa zu Regulatorik, Anlagenbau, Energiewirtschaft oder Politik. Dort gehen wir sehr tief ins Detail. In der Fachgruppe Regulatorik werden beispielsweise aktuelle Gesetzesvorhaben wie das Wasserstoffbeschleunigungsgesetz eingeordnet, oft durch Expertinnen und Experten aus Kanzleien oder der Praxis.

Daneben bieten wir Webinare, Mitgliederabende und Fachveranstaltungen an. Wichtig ist uns, dass unsere Mitglieder nicht nur zuhören, sondern aktiv mitarbeiten. Die intrinsische Motivation ist sehr hoch. Viele bringen eigene Fragestellungen ein, berichten aus laufenden Projekten oder teilen Erfahrungen – genau davon lebt ein Netzwerk.

gwf: Sie haben eine eigene Fachgruppe Politik etabliert. Welche Erwartungen formulieren Ihre Mitglieder an die Politik?

Dr. Schulte: Der zentrale Punkt ist Verlässlichkeit. Unsere Mitglieder investieren Zeit, Geld und Know-how in Wasserstoffprojekte. Dafür brauchen sie einen stabilen, verständlichen und langfristig verlässlichen regulatorischen Rahmen. Ständige Richtungswechsel oder unklare Förderkulissen erschweren den Hochlauf enorm.

Darüber hinaus geht es um die klare politische Unterstützung von Wasserstoffvorhaben – sei es durch Förderprogramme, Genehmigungsbeschleunigung oder strategische Einbindung in Energie- und Industriepolitik. Und nicht zuletzt wünschen wir uns, dass die Metropole Ruhr als Transformationsregion weiterhin im Fokus bleibt. Wir haben hier Industrie, Infrastruktur, Know-how und eine enge Verzahnung von Forschung und Praxis – das ist ein echtes Pfund.

gwf: Viele Ihrer Mitglieder sind Kommunen. Welche Rolle spielen diese beim Wasserstoffhochlauf?

Dr. Schulte: Kommunen spielen eine Schlüsselrolle. Sie beschäftigen sich intensiv mit strategischen Fragen: Wo können wir Wasserstoff einsetzen? Wie passt das zur kommunalen Wärmeplanung? Welche bestehenden Infrastrukturen lassen sich umwidmen?

Gerade im Ruhrgebiet gibt es vielerorts Erdgasnetze, die perspektivisch für Wasserstoff genutzt werden könnten. Das Interesse ist groß, aber die Kommunen schauen natürlich auch nach links und rechts: Was machen die Nachbarn? Wo entstehen erste Anwendungen? Es gibt eine gewisse Dynamik nach dem Motto „wer geht voran, dem folgen andere“. Das ist ganz normal – und genau hier kann ein Netzwerk Orientierung geben.

gwf: Gibt es bereits sichtbare Vorreiter in der Region?

Dr. Schulte: Ja, durchaus. Einige Kommunen und kommunale Unternehmen sind früh in die wasserstoffbasierte Mobilität eingestiegen – etwa bei Müllfahrzeugen oder Fahrzeugen der Straßenreinigung. Unternehmen wie die AGR haben hier frühzeitig Erfahrungen gesammelt, teilweise noch bevor eigene Tankstellen verfügbar waren.

Diese Anwendungen sind wichtig, weil sie Wasserstoff sichtbar machen und praktische Erfahrungen liefern. Die große Frage ist nun: Wie skalieren wir das? Welche weiteren Anwendungsfelder folgen – etwa in der Industrie oder perspektivisch in der Wärmeversorgung?

gwf: Ein Schwerpunkt Ihrer Tätigkeit ist die Nachwuchsarbeit. Wie erreichen Sie junge Menschen für das Thema Wasserstoff?

Dr. Schulte: Mit unserem „Praxistag Wasserstoff“, den wir inzwischen seit mehreren Jahren durchführen. Anfangs hatten wir rund 80 Teilnehmende, heute müssen wir bei etwa 180 Personen eine Grenze ziehen, weil Gelände und Betreuungskapazitäten erschöpft sind.

Die Schülerinnen und Schüler – meist ab der Oberstufe – kommen gut vorbereitet. Sie wollen sehen, anfassen, verstehen. Elektrolyseure, Betankungsvorgänge, wasserstoffbetriebene Fahrzeuge oder Schweißübungen für H₂-taugliche Leitungen – das macht die Technologie greifbar. Und ganz nebenbei entstehen Kontakte für Praktika, Ausbildungen oder duale Studiengänge.

gwf: Sie planen künftig auch spezielle Formate für Mädchen und junge Frauen. Warum ist das wichtig?

Dr. Schulte: Weil technische Berufe und insbesondere Ingenieurberufe nach wie vor stark männlich geprägt sind. Wir sehen aber, dass sich immer mehr junge Frauen für Wasserstoffthemen interessieren. Deshalb werden wir erstmals gezielt am Girls’ Day 2026 teilnehmen und ein eigenes Format anbieten – mit Experimenten, Role Models und Einblicken in technische Berufsbilder.

Wenn wir es schaffen, Hemmschwellen abzubauen und Perspektiven aufzuzeigen, gewinnen wir langfristig Fachkräfte – und das ist für den Hochlauf essenziell.

gwf: Wie nehmen Sie aktuell die Stimmung in Ihrem Netzwerk wahr?

Dr. Schulte: Wasserstoff war immer von Auf- und Abschwüngen geprägt. Es gab Hype-Phasen und Ernüchterung. Entscheidend ist, wer langfristig dabeibleibt. Unsere Erfahrung zeigt: Die Akteure, die schon lange an Wasserstoff glauben und sich tief mit der Technologie beschäftigen, bleiben engagiert – auch wenn es mal länger dauert. Wer nur kurzfristig aufspringen wollte, verlässt den Markt oft wieder. In unserem Netzwerk spüren wir eine stabile, realistische Zuversicht. Man weiß, dass es Zeit braucht – und hält daran fest.

gwf: Worauf dürfen sich Ihre Mitglieder im kommenden Jahr besonders freuen?

Dr. Schulte: Ein Highlight ist jedes Jahr unser Neujahrsempfang, bei dem sich neue Mitglieder vorstellen und intensives Networking im Vordergrund steht. Daneben gibt es mehrere Mitgliederabende, Fachgruppen, den Praxistag Wasserstoff, erstmals den Girls’ Day sowie Messeauftritte, etwa auf der E-world. Hinzu kommen neue Veranstaltungsformate zur Mobilität und ein Sommer-Event. Das alles stemmen wir mit einem vergleichsweise kleinen Team – aber mit enormer Unterstützung unserer Mitglieder. Dieses Engagement ist es, was unser Netzwerk trägt.

gwf: Frau Dr. Schulte, vielen Dank für das Gespräch!

 

Mehr über das H₂-Netzwerk Ruhr e.V.

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