H2News: Herr Dr.-Ing. Tim Böltken, die Ineratec GmbH ist 2016 gegründet worden; was hat Sie damals dazu bewogen, in synthetische Kraftstoffe einzusteigen?
Dr.-Ing. Tim Böltken: Wir sind 2016 aus der Überzeugung gestartet, dass die Energiewende nicht allein eine Frage von Elektronen ist. Viele Bereiche unserer Wirtschaft bleiben langfristig auf Moleküle angewiesen: Luftfahrt, Schifffahrt, bestimmte Industrieprozesse, Chemie und Teile der kritischen Infrastruktur. Gleichzeitig war am Karlsruher Institut für Technologie klar erkennbar, dass Power-to-Liquid (PtL) technologisch reif genug war, um vom Labor in industrielle Anwendungen überführt zu werden. Unser Antrieb war deshalb sehr konkret: Wir wollten CO₂ und erneuerbaren Wasserstoff in synthetische Kohlenwasserstoffe verwandeln, die in bestehender Infrastruktur nutzbar sind und dort Emissionen senken, wo direkte Elektrifizierung allein nicht ausreicht.
H2News: Wie hat sich der Markt für synthetische Kraftstoffe seit Ihrer Gründung bis heute entwickelt?
Böltken: Der Markt hat sich fundamental verändert. 2016 mussten wir vor allem erklären, warum synthetische Kraftstoffe überhaupt gebraucht werden. Heute diskutieren wir nicht mehr über das „ob“, sondern über Skalierung, Kosten, Zertifizierung und Versorgungssicherheit. In Europa besteht mit der ReFuelEU Aviation eine konkrete Gesetzgebung, die den Markthochlauf unterstützen soll. Marktseitig hat sich die Nachfrage nach synthetischen Kraftstoffen zwar konkretisiert, die heute noch hohen Kosten für diese Kraftstoffe stehen aber einem industriellen Hochlauf im Weg. Diese Herausforderung lösen wir bei Ineratec: wir liefern die erste kostenkompetitive Lösung für die großskalige Produktion von synthetischen Kraftstoffen.
H2News: Sie sprechen auf Ihrer Webseite von einer „nächsten Ära der Energieversorgung“, welche Technologien umfasst das?
Böltken: Neben der direkten Elektrifizierung diverser Sektoren bieten wir ein weiteres Standbein: Im PtL-Verfahren erzeugen wir aus erneuerbarem Strom, grünem Wasserstoff und CO₂ aus industriellen oder biogenen Quellen synthetische Moleküle und Kraftstoffe, die in der bestehenden Infrastruktur genutzt werden können, wie z.B. der Luftfahrt oder der chemischen Industrie. Ineratec liefert dafür die passende Technologie, die die Eingangsstoffe mit hoher Effizienz in Wertprodukte umwandelt.
H2News: Können Sie einmal erklären, wie aus CO₂ und grünem Wasserstoff in Ihren Reaktoren ein synthetischer Kraftstoff wird?
Böltken: Im ersten Schritt wandeln wir CO₂ und grünen Wasserstoff zunächst in Synthesegas um. Dafür nutzen wir unsere vollelektrifizierte RWGS-Technologie (Wasser-Gas-Shift-Reaktion). Im zweiten Schritt wandeln wir dieses Synthesegas in der Fischer-Tropsch-Synthese in längere Kohlenwasserstoffketten um. Hierfür nutzen wir unsere im Kern mikrostrukturierten Reaktoren. Aus den Kohlenwasserstoffketten lassen sich dann je nach Wunsch diverse Kraftstofffraktionen gewinnen: nachhaltiges Kerosin (e-SAF), sauberer Diesel (e-Diesel), oder e-Naphtha für die chemische Industrie. Der große Vorteil ist, dass es sich jeweils um drop-in-fähige Produkte handelt, die mit bestehender Infrastruktur, Motoren und Logistikketten kompatibel sind.
H2News: Sie haben die mikrostrukturierten Reaktoren angesprochen; was genau macht diese patentierte Technologie so viel effizienter als konventionelle Blasensäulenreaktoren?
Böltken: Unsere Mikrostrukturtechnologie intensiviert die chemische Reaktion durch besseren Wärme- und Stofftransport, während das dafür benötigte Volumen stark verkleinert wird. In unserem Prozess können Temperaturprofile deutlich besser kontrolliert werden, während wir hochaktive und hochselektive Katalysatoren von unseren industriellen Partnern nutzen. Dieser Aufbau macht unsere Anlagen kompakter und erlaubt eine modulare Skalierung. Statt immer größere Einzelapparate zu bauen, können wir standardisierte Reaktormodule vervielfältigen. Aufgrund der Kompaktheit können wir diese Module in bestehende Infrastrukturen installieren und somit schnell und kostengünstig skalieren.
H2News: Werfen wir einen Blick auf ERA ONE: Die PtL-Anlage in Frankfurt-Höchst hat im Juni 2026 die ISCC-EU-Zertifizierung erhalten. Was bedeutet das konkret für Ihre Kunden?
Böltken: Für unsere Kunden bedeutet die Zertifizierung vor allem regulatorische Sicherheit. Die bei ERA ONE produzierten Kraftstoffe sind als Renewable Fuel of Non-Biological Origin (RFNBO) anerkannt und können auf entsprechende Zielvorgaben in Verkehr, Luftfahrt und Industrie angerechnet werden. Gleichzeitig bestätigt die Zertifizierung die erneuerbare Herkunft der eingesetzten Rohstoffe, die Einhaltung der RED-III-Anforderungen (Renewable Energy Directive) und eine Treibhausgasreduktion von mindestens 70 Prozent gegenüber fossilen Kraftstoffen. Für Abnehmer schafft das Planbarkeit, Nachweisfähigkeit und eine belastbare Grundlage für langfristige Abnahmeverträge. Wichtiger ist für uns aber fast noch, dass wir mit ERA ONE die kommerzielle Reife der Technologie im industriellen Maßstab bewiesen haben. Mit diesem Grundstein lassen sich nun größere, kommerziell attraktive Projekte realisieren.
H2News: Wie viele Anlagen dieser Art gibt es aktuell weltweit?
Böltken: ERA ONE ist eine wirkliche Pionieranlage mit dem von uns gewählten Technologiepfad. Es ist aber sehr positiv zu sehen, dass insbesondere international viele weitere Projekte für die Produktion von nachhaltigen synthetischen Kraftstoffen entwickelt werden. Neben Asien sehen wir nach wie vor die USA und Südamerika als spannenden Exportmarkt für unsere Technologie. Gleichzeitig setzen wir darauf, dass in Europa der Kurs gehalten wird und wir somit zukünftig die Abhängigkeit von Erdölimporten weiter reduzieren.
H2News: Kommen wir zu LIFELINE: die Produkte beruhen auf derselben Technologieplattform wie ERA ONE. Was hat Sie dazu bewogen, mit LIFELINE eine containerisierte, mobile Version Ihrer Technologie zu entwickeln?
Böltken: ERA ONE zeigt, dass unsere Technologie im industriellen Maßstab funktioniert. Mit LIFELINE gehen wir den nächsten Schritt: Wir übertragen diese Plattform in ein robustes, standardisiertes und transportierbares Anlagenkonzept. Der Auslöser war die Erkenntnis, dass Kraftstoffversorgung nicht nur eine Klimafrage ist, sondern auch eine Resilienzfrage.
LIFELINE adressiert die Verwundbarkeit heutiger Kraftstoffketten. Fossile Kraftstoffe werden über lange, zentrale und geopolitisch anfällige Lieferketten bereitgestellt. Das ist ein Risiko für Luftfahrt, kritische Infrastruktur, Industrie und Sicherheitsakteure. Mit LIFELINE wollen wir Kraftstoffproduktion dezentralisieren, Lieferketten verkürzen und Versorgungssicherheit schaffen.
H2News: Wie unterscheidet sich LIFELINE technisch von einer stationären Anlage wie ERA ONE?
Böltken: Die technologische Basis ist dieselbe, aber die Systemauslegung ist eine andere. ERA ONE ist eine stationäre, netzgebundene Anlage an einem Chemie- und Industriestandort. LIFELINE ist unter anderem auf flexible Standorte, standardisierte Module sowie remote operation ausgelegt. Die Anlage kann je nach Konfiguration mit unterschiedlichen CO₂- oder Synthesegasquellen umgehen, integriert Synthese und Upgrading und ist auf den Betrieb mit schwankender erneuerbarer Energie vorbereitet.

Die Anlage ERA ONE. © Ineratec GmbH
H2News: Sie sprechen auf Ihrer Webseite von integrierten Ausfallsicherungen; was genau passiert, wenn eine Komponente ausfällt oder ein Versorgungsweg unterbrochen wird?
Böltken: Der Grundgedanke ist, dass die Anlage nicht an einem einzelnen kritischen Punkt hängen darf. Deshalb setzen wir auf modulare Architektur, Redundanzen bei kritischen Komponenten und eine Auslegung, die Wartung und Austausch erleichtert. Wenn eine Komponente ausfällt, soll nicht die gesamte Kraftstoffproduktion zum Stillstand kommen. Wenn ein Versorgungsweg unterbrochen ist, muss die Anlage je nach Auslegung alternative Betriebszustände ermöglichen, etwa durch Zwischenspeicher, flexible Feedstocks oder Inselbetrieb. Das Ziel ist nicht Unverwundbarkeit, sondern kontrollierte Weiterbetriebsfähigkeit und schnelle Wiederherstellung.
H2News: Wie schnell lässt sich eine LIFELINE-Anlage denn an einem neuen Standort in Betrieb nehmen?
Böltken: Unser Anspruch ist eine deutlich schnellere Inbetriebnahme als bei klassischen, individuell geplanten Großanlagen. Der entscheidende Hebel ist Standardisierung: vorgefertigte Module, klar definierte Schnittstellen, transportfähige Einheiten und ein wiederholbarer Anlagenaufbau. Die konkrete Dauer hängt vom Standort, den Genehmigungen, den verfügbaren Rohstoffen und der Infrastruktur ab. Aber gegenüber konventionellen Projektansätzen reduziert LIFELINE die Komplexität deutlich, weil wir nicht jedes Projekt von Grund auf neu entwickeln müssen.
H2News: LIFELINE wird sowohl für militärische als auch zivile Anwendungen beworben; für welche Szenarien ist das Produkt in erster Linie gedacht?
Böltken: Im zivilen Bereich geht es um Flughäfen, Häfen, Insel- und abgelegene Standorte, kritische Infrastruktur sowie industrielle Kunden, die eine resiliente Versorgung mit synthetischen Kraftstoffen benötigen. Im Verteidigungsbereich geht es um einsatznahe oder strategisch geschützte Kraftstoffproduktion und um die Fähigkeit, bestehende Plattformen mit drop-in-fähigen, synthetischen Kraftstoffen zu versorgen. Der gemeinsame Nenner ist immer derselbe: Dort, wo Kraftstoffversorgung kritisch ist, muss sie unabhängiger, flexibler und nachhaltiger werden.
H2News: Und wie viel Kraftstoff kann eine einzelne LIFELINE-Einheit realistisch produzieren?
Böltken: Das hängt von Standort, Stromverfügbarkeit, Wasserstoff- und CO₂-Versorgung sowie der konkreten Konfiguration ab. Im Kontext skalierter LIFELINE- beziehungsweise Giga PtX-Anwendungen sprechen wir über Größenordnungen von mehreren tausend Tonnen synthetischem Kraftstoff pro Jahr pro Einheit.
H2News: Sie haben LIFELINE sowohl auf der Eurosatory 2026 als auch auf der ILA Berlin 2026 präsentiert. Fielen die Reaktionen auf den Messen unterschiedlich aus?
Böltken: Ja, die Perspektiven waren unterschiedlich, aber die Grundreaktion war sehr ähnlich: großes Interesse an dezentraler Kraftstoffproduktion. Auf der Eurosatory stand Resilienz für Verteidigung, kritische Infrastruktur und strategische Versorgung im Mittelpunkt. Auf der ILA Berlin wurden stärker Luftfahrt, e-SAF, Fuel-to-Flight-Konzepte und die Dekarbonisierung des Fliegens diskutiert. Die verbindende Erkenntnis war: Versorgungssicherheit und Klimaschutz sind keine Gegensätze. Synthetische Kraftstoffe können in beiden Kontexten einen sehr konkreten Beitrag leisten.
H2News: LIFELINE soll bei Giga PtX eine zentrale Rolle spielen. Das Vorhaben zielt darauf ab, mithilfe eines dezentralen europäischen Netzwerks aus modularen PtL-Anlagen perspektivisch den Kraftstoffbedarf der NATO decken. Wie kam es zu dem Projekt?
Böltken: Giga PtX ist aus der gemeinsamen Analyse entstanden, dass Europas Kraftstoffversorgung in Krisen- und Verteidigungsszenarien stärker dezentralisiert und resilienter werden muss. Energie entscheidet über Handlungsfähigkeit. Wenn fossile Lieferketten über lange Distanzen, zentrale Raffinerien und Seewege laufen, entsteht ein strategisches Risiko. Gemeinsam mit der Rheinmetall AG haben wir deshalb ein Konzept entwickelt, das Kraftstoffproduktion in Europa verteilt, erneuerbare Ressourcen lokal nutzt und bestehende militärische wie zivile Infrastruktur einbindet.
H2News: Inwiefern kommt LIFELINE konkret im Projekt Giga PtX zum Tragen?
Böltken: LIFELINE ist der technologische Baustein, aus dem ein solches Netzwerk entstehen kann. Eine einzelne Anlage schafft lokale Produktionsfähigkeit. Viele standardisierte Anlagen an geeigneten Standorten ergeben ein resilientes, skalierbares Netzwerk. Für Giga PtX bedeutet das: LIFELINE liefert die PtL-Technologie, die Modularität, die Standardisierung, die Off-Grid-Fähigkeit sowie die Möglichkeit, Kraftstoffe nahe am Bedarf zu produzieren.
H2News: Mit Ineratec, Rheinmetall, der E.ON Energie Deutschland GmbH, Sunfire SE und Greenlyte Carbon Technologies sind mehrere Partner bei Giga PtX an Bord; wer übernimmt im Konsortium welche Rolle?
Böltken: Die Rollen ergänzen sich entlang der Wertschöpfungskette. Ineratec bringt die Technologie für Kraftstoffsynthese, Anlagenmodularisierung und Upgrading ein. Rheinmetall bringt die Perspektive der Verteidigungslogistik, Systemintegration und der sicherheitsrelevanten Anwendung ein. E.ON Energie Deutschland steht für Energieinfrastruktur und die Einbindung in relevante Versorgungsstrukturen. Sunfire adressiert den grünen Wasserstoff über Elektrolyse. Greenlyte Carbon Technologies bringt CO₂-Abscheidung und Kohlenstoffbereitstellung ein. Entscheidend ist, dass Giga PtX kein einzelnes Produkt, sondern ein Systemansatz ist.
H2News: Bleiben wir kurz beim Verteidigungsbereich: Welche Rolle spielt die Verteidigungsindustrie für die künftige Bedeutung von e-SAF?
Böltken: Die Verteidigungsindustrie kann für e-SAF und synthetische Kraftstoffe insgesamt eine wichtige Beschleunigerrolle spielen. Streitkräfte benötigen Energieträger mit hoher Energiedichte, langer Lagerfähigkeit und Kompatibilität mit bestehenden Plattformen. Genau dort liegen die Stärken synthetischer Kraftstoffe. Wenn Verteidigungsakteure e-Fuels qualifizieren, nachfragen und in Versorgungskonzepte integrieren, entstehen frühe, anspruchsvolle Märkte. Diese können Skalierung, Standardisierung und Investitionen beschleunigen. Davon profitiert am Ende auch die zivile Luftfahrt.
H2News: Und wie schätzen Sie die Entwicklung des Gesamtmarktes für e-Fuels in den nächsten Jahren ein?
Böltken: Ich erwarte keinen linearen, sondern einen stufenweisen Hochlauf. Die ersten Märkte entstehen dort, wo Alternativen begrenzt sind, regulatorische Nachfrage entsteht und Zahlungsbereitschaft vorhanden ist: Luftfahrt, Schifffahrt, Chemie, Spezialkraftstoffe und resiliente Energieversorgung. Parallel werden Skalierung, Standardisierung und technologische Verbesserungen die Kosten senken. Wichtig ist, dass Politik, Industrie und Finanzierung jetzt verlässlich zusammenkommen. E-Fuels werden nicht überall die Lösung sein, aber sie werden überall dort unverzichtbar, wo wir klimaneutrale Moleküle brauchen.
H2News: Vielen Dank für das Interview, Dr.-Ing. Tim Böltken!
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