"Hydrogen is a 'no-regret option' for industrial process heat."

Das Start-up NextHeat hat zum Ziel, die Prozesswärme in der Industrie durch den Einsatz von Wasserstoff zu dekarbonisieren. Im Gespräch mit H₂News erklärt der Business Development Manager Fernando Reichert, wie diese Vision entstanden ist, wie die Komplettlösung des Unternehmens aufgebaut ist und an welcher Stelle ein Algorithmus zur intelligenten Stromnutzung verwendet wird. Mit Blick auf die Kunden wird sichtbar: Die Einsatzbereiche der NextHeat-Technologie sind vielfältig.

von | 17.04.26

Fernando Reichert ist seit Januar 2023 Business Development Manager bei NextHeat
© Fernando Reichert / NextHeat
„Wasserstoff ist in der industriellen Prozesswärme eine ‚No-Regret-Option‘“

H₂News: Herr Reichert, NextHeat wurde im Jahr 2023 als Spin-off der Technischen Hochschule Nürnberg Georg Simon Ohm gegründet. Welche Vision stand hinter der Gründung?

Fernando Reichert: Bei der Gründung hatten wir zunächst das Ziel, Wasserstoff-Heizgeräte zu entwickeln. Ich komme selbst aus dem Bereich Wasserstoffverbrennung und habe zu der Zeit Brenner entwickelt. Wir haben aber schnell gemerkt, dass Wasserstoff-Heizgeräte hinsichtlich Effizienz und Preis nicht mit Wärmepumpen konkurrieren können.

Wir haben den Fokus dann verlagert: Auf die industrielle Prozesswärme, also auf Prozesse, die aufgrund der hohen Temperaturen nicht mit Wärmepumpen versorgt werden können. Unser Ziel ist es, diese Industrie zu dekarbonisieren, oder zumindest einen Beitrag dazu zu leisten.

H₂News: Warum setzt NextHeat gezielt auf die industrielle Prozesswärme?

Reichert: Die Prozesswärme in der Industrie entspricht ungefähr dem Energiebedarf des gesamten Stromsektors in Deutschland. Das ist für eine Versorgung über Stromnetze schlicht zu viel und auch Wärmepumpen können dies nicht allein leisten. Außerdem wird vor allem in den „Hard-to-abate“-Sektoren oft noch zu 90 Prozent mit fossilen Brennstoffen geheizt.

Wasserstoff ist hier eine „No-Regret-Option“. Es gibt aktuell keine effizientere Alternative für die hohen Temperaturen, die diese Unternehmen benötigen.

NextHeat und das Gassicherheitsunternehmen Karl Dungs GmbH & Co. KG kooperieren

NextHeat und das Gassicherheitsunternehmen Karl Dungs GmbH & Co. KG kooperieren © NextHeat/ Karl Dungs GmbH & Co. KG

H₂News: NextHeat stellt Komplettlösungen bereit, die in bereits bestehende Systeme integriert werden können. Wie kann ich mir diese Komplettlösungen vorstellen? 

Reichert: Wir ermöglichen eine Wasserstoffherstellung direkt vor Ort beim Kunden. Unsere Elektrolyseure produzieren CO2-freien Wasserstoff, wenn die Strompreise günstig sind. Der Wasserstoff wird dann über Leitungen zu den Industrieanlagen transportiert und dort zum Beispiel in Keramik- oder Metallöfen genutzt.

Die Kunden betreiben ihre Anlage hybrid: Läuft der Wasserstoffspeicher leer oder die Preise sind ungünstig, schaltet die Anlage wieder auf Erdgas.

H₂News: Funktioniert dies mithilfe Ihres Algorithmus, der eine intelligente Stromnutzung sicherstellen soll?  

Reichert: Ja, ganz genau. Unsere Elektrolyseure nutzen Strom, wenn er günstig ist. Dabei analysieren wir viele Strommärkte wie den Day-Ahead- oder den Intraday-Markt.

Ein Machine-Learning-Algorithmus, den wir selbst entwickelt haben, entscheidet dann, wann es günstig ist, Strom zu kaufen und Wasserstoff zu produzieren. Er optimiert also die Gebote. So lassen sich die Stromkosten für den Prozesswärmemarkt deutlich senken und die Wirtschaftlichkeit verbessern.

H₂News: Können Sie konkrete Projektbeispiele nennen?

Reichert: Ein Projekt ist eine Lackierstraße für Stahlteile. Dort wird Stahlblech mit einer Pulverbeschichtung lackiert. Die Anlage benötigt hohe Temperaturen, damit die Farbe richtig haftet. Die Firma plant seit fünf Jahren eine Umstellung auf Wasserstoff, bisher war das wirtschaftlich nicht machbar. Mit unserem Konzept bleibt die Wettbewerbsfähigkeit bestehen.

Ein weiteres Projekt ist ein Ziegelwerk, diese Branche ist noch energieintensiver. Dort greift das gleiche Prinzip wie bei der Lackierstraße: CO2-neutraler Wasserstoff zu vergleichsweise niedrigen Kosten.

H₂News: Ihre Kunden profitieren also von einer CO2-freien Energieversorgung auf Wasserstoffbasis zu vergleichbaren Preisen wie die von Erdgas?

Reichert: Richtig. Durch die CO2-freie Wasserstoffversorgung sparen sie zudem CO₂-Zertifikate ein, was Kosten reduziert. Und sie können dadurch ihre Produkte nachhaltiger gestalten, was für ihre Kunden eine Rolle spielt. „Grüne“ Produkte sind in vielen Branchen ein Wettbewerbsvorteil.

Außerdem übernehmen wir 90 Prozent der Gesamtkosten eines Projekts. Die Kunden sind nur noch für die Umrüstung der Anlage, den Netzanschluss und die Genehmigungen verantwortlich.

H₂News: Welche Kundengruppen können die Dienste von NextHeat in Anspruch nehmen?

Reichert: Unsere Kunden kommen aus sehr verschiedenen Branchen. Die meisten sind jedoch Unternehmen, die bereits Erfahrung mit Wasserstoff haben, etwa aus Forschungsprojekten. Diese sind mit den Vorteilen von Wasserstoff bereits vertraut. Branchenübergreifend sind es besonders energieintensive Sektoren wie Keramik, Metall oder Glas.

H₂News: Welche nächsten Schritte plant NextHeat?

Reichert: Wir möchten unser Konzept standardisieren. Ziel ist ein Produkt, das wir replizieren können, auch gemeinsam mit Partnern wie Stadtwerken. So kann es leicht in anderen Projekten umgesetzt werden, ohne dass die Kunden jedes Mal von vorne anfangen müssen. Wir wollen von einem Projektentwickler zum Anbieter einer standardisierten Lösung werden.

H₂News: Wie schätzen Sie die zukünftige Entwicklung des Wasserstoffmarkts in Deutschland ein?

Reichert: Subventionen spielen aktuell eine große Rolle, zum Beispiel für Wasserstofftankstellen. Aber ein langfristiger Markt entsteht nur durch wirtschaftlich tragfähige Geschäftsmodelle. Der Bedarf an industrieller Prozesswärme ist zwar in etwa so groß wie der gesamte Strommarkt. Allerdings müssen die Kosten für Wasserstoff sinken.

Aus meiner Sicht fehlt außerdem eine ganzheitliche Systembetrachtung. Bis zum Jahr 2030 wird sich die Kapazität der erneuerbaren Energien verdoppeln. Die Nutzung wird hingegen voraussichtlich nicht im gleichen Maße wachsen. Die Frage ist dann: Was passiert in Zeiten, in denen mehr Energie produziert als benötigt wird? Wasserstoff kann bei dieser Lücke im Strommarkt aushelfen. Gleichzeitig braucht es politische Anreize, die Überschusseinspeisungen zu verbrauchen.

Wasserstoff leistet also einen relevanten Beitrag, wichtig dabei sind eine ganzheitliche Systemperspektive und Kostensenkungen.

H₂News: Herr Reichert, vielen Dank für das Interview!

 

Hier finden Sie weitere Informationen zu NextHeat

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