Der Leitfaden zur Wasserstoffwirtschaft in Thüringen macht deutlich, dass der Diskurs sich nicht mehr um die Frage dreht, ob Wasserstoff ein relevanter Bestandteil des zukünftigen Energiesystems sein wird, sondern vielmehr darum, wie der Hochlauf effizient, sektorenübergreifend und marktkompatibel gestaltet werden kann. Trotzdem steht der Wasserstoffmarkt heute noch vor dem klassischen Henne-Ei-Problem: Erzeugungskapazitäten müssen ausgebaut werden, während gleichzeitig Transport- und Verteilinfrastrukturen entstehen. Die Nutzer in Industrie, Mobilität, Wärmeversorgung und Wasserwirtschaft benötigen Planungssicherheit bei dem Wasserstoffpreis, der Verfügbarkeit und den regulatorischen Rahmenbedingungen.
Der Leitfaden analysiert auch die geopolitischen Rahmenbedingungen. Das von den Forschenden entwickelte Mehrebenenmodell zeigt: Der größte Handlungsdruck lastet auf der regionalen Ebene, während die politischen Entscheidungen auf nationaler, europäischer und internationaler Ebene entscheidend für den Erfolg sind.
„Grüner Wasserstoff steht vor allem im Bereich der Industrie und Energieversorgung in Konkurrenz mit dem billigeren, aber klimaschädlichen Erdgas“, so Fabian Pflügler von der FSU Jena.
Geopolitische Rahmenbedingungen belasten Markthochlauf
Das angekündigte EU-USA-Zollabkommen sieht Importe von US-Energieprodukten im Wert von 750 Milliarden US-Dollar bis Januar 2029 vor – fast eine Verdreifachung der bisherigen US-Importe von 65 Milliarden Euro. Die massiven Importe an billigem US-Erdgas „verunsichern die Wasserstoffbranche zusätzlich erheblich“.
Aber in dem Leitfaden betonen die Forschenden, dass der weitere Ausbau der erneuerbaren Energien in Deutschland und eine gezielte Förderung durch den Bund und die EU eine wettbewerbsfähige heimische Industrie etablieren könne. So könnten die Risiken und Abhängigkeiten, die durch den Import von fossilen Energien entstehen, deutlich reduziert werden und in den nächsten zehn Jahren einen Wasserstoffpreis von etwa 3 Euro pro Kilogramm ermöglichen.
Von der Theorie zur Praxis: Konkrete Anwendungsfelder
Der Leitfaden untersucht vier zentrale Sektoren und zeigt konkrete Einsatzpotenziale auf.
„Die Sektorenkopplungseffekte zeigen das enorme Potenzial einer integrierten regionalen Wasserstoffwirtschaft“, erläuterte Phillip-Simon Keitel vom SolarInput e.V. „Durch die synergetische Nutzung können wir Mehrwerte schaffen, die über die reine Dekarbonisierung hinausgehen.“
Stahlindustrie als größter Hebel
Die Stahlindustrie verursacht 30 Prozent der industriellen Emissionen in Deutschland. Pro Tonne grünem Wasserstoff lassen sich in der Direktreduktion von Eisenerz 28 Tonnen CO₂ einsparen. Bis 2050 prognostizieren Experten einen Wasserstoffbedarf von etwa 70 TWh für die stoffliche Nutzung in Direktreduktionsanlagen und 33 TWh für die energetische Nutzung in Sekundärstahlproduktion und Weiterverarbeitung.
Das Stahlwerk Thüringen produziert bereits CO₂-reduzierten Stahl für Bahnprojekte und Off-Shore-Windparks in Europa. Zukünftig soll grüner Wasserstoff die Produktion klimaneutral gestalten.
Zementindustrie: 20 Prozent weniger CO₂-Emissionen möglich
Die Zementindustrie emittiert jährlich 20 Millionen Tonnen CO₂ in Deutschland. Das Projekt „Grüner Kalk“ nutzt Wasserstoff zur Methanisierung von abgeschiedenem CO₂. Am Standort Deuna könnte die Abscheidung von 620.000 Tonnen CO₂ pro Jahr erfolgen, was 62 Prozent der derzeitigen Standortemissionen entspricht.
Die vollständige Reduktion dieser CO₂-Menge zu elementarem Kohlenstoff erfordert 113.665 Tonnen Wasserstoff. Dies würde die CO₂-Emissionen Thüringens aus Industrie, Gewerbe und Energieumwandlung um mehr als 20 Prozent senken.
Wärmeversorgung und Gasinfrastruktur
Nach prognostizierten Zahlen wird 2040 21 Prozent der Fernwärmeerzeugung in Thüringen gasbasiert sein. Die 6.082 Kilometer Erdgasleitungen im Bundesland könnten die Gasnetzbetreiber für den Wasserstofftransport ertüchtigen. Erfurt und Jena betrachten Wasserstoff als zentrale Säule ihrer zukünftigen Wärmeversorgung.
Derzeit basiert 49 Prozent der Wärmeversorgung in Thüringen auf Erdgas. Die Betreiber könnten die vorhandene Infrastruktur mit zahlreichen Blockheizkraftwerken auf die Nutzung von Wasserstoff umrüsten.
Abwasserreinigung als Sektorenkopplungs-Ansatz
Die EU-Kommunalabwasserrichtlinie verpflichtet Kläranlagen ab 150.000 Einwohnerwerten bis 2045 zur Einführung einer vierten Reinigungsstufe. Das Forschungsvorhaben PHO2ZON untersucht, wie man Sauerstoff aus der Wasserstoffelektrolyse zur Ozonbehandlung von kommunalem Abwasser nutzen kann.
In Thüringen wären vier Anlagen – Kühnhausen, Gotha, Gera und Jena – unmittelbar betroffen. Bei flächendeckender Umsetzung läge das theoretische Gesamterzeugungspotenzial zwischen 368 und 1.389 Tonnen Wasserstoff jährlich.
Soziale Gestaltung der Transformation
Der Leitfaden betont den frühzeitigen Ausbau von Qualifikationen, insbesondere von Basiswissen zu Wasserstoff, um Beschäftigte auf die neuen Anforderungen vorzubereiten und Unsicherheiten abzubauen.
„Eine sozialverträgliche Gestaltung der Transformation ist zentral„, betonte Stephan Humbert von der FSU Jena. „Technologische Modernisierung muss von sozialem Ausgleich, transparenter Kommunikation und klaren Perspektiven begleitet werden.“
Handlungsempfehlungen für alle Ebenen
Um den Markthochlauf von grünem Wasserstoff in Thüringen erfolgreich zu gestalten, sind koordinierte Maßnahmen auf allen Ebenen erforderlich. Nur durch das Zusammenspiel von strategischer Planung, wirtschaftlicher Förderung und sozialer Gestaltung kann die Transformation gelingen und regionale Wertschöpfung nachhaltig gesichert werden.
Der Leitfaden formuliert dabei konkrete Handlungsempfehlungen für alle Ebenen:
- Schaffung grüner Leitmärkte durch öffentliche Beschaffung und Quoten für lokal produzierten Stahl
- Massive Investitions- und Betriebskostenförderung (CAPEX und OPEX)
- Beschleunigung von Genehmigungsverfahren für Wasserstoff-Projekte
- Stärkung regionaler Netzwerkstrukturen wie der Thüringer Allianz für Wasserstoff in der Industrie (ThAWI)
- Einbindung der Zivilgesellschaft und Sicherung guter Arbeit
Präsentation beim Forschungskolloquium
Die Autoren präsentieren die Ergebnisse des Leitfadens am Donnerstag, den 5. Februar, um 18:15 Uhr im Rahmen des Forschungskolloquiums des Arbeitsbereichs Arbeits- und Wirtschaftssoziologie der FSU Jena. Die Veranstaltung findet im Video-Aufnahmeraum im Universitätshauptgebäude statt und kann online über Zoom verfolgt werden.
Dort stellen die Forschenden unter dem Titel „Wasserstoff-Wirtschaft in Thüringen: Globale Hemmnisse, nationale Potenziale und regionale Handlungsempfehlungen“ die komplexen Zusammenhänge zwischen globalen Entwicklungen, nationalen Rahmenbedingungen und den spezifischen Möglichkeiten für dezentrale Wasserstoffstrukturen in Thüringen vor.
(Quelle: Friedrich-Schiller-Universität Jena Institut für Soziologie/2026)










