Die Nationale Wasserstoffstrategie hat für 2030 mindestens 10 GW heimischer Elektrolyseleistung vorgesehen. Bis Oktober 2025 hat Deutschland jedoch nur rund 0,2 GW Elektrolysekapazität in Betrieb genommen. Hanna Schumacher, Unterabteilungsleiterin Wasserstoff im Bundesministerium für Wirtschaft und Energie, hat das Abrücken von dem Elektrolyse-Ausbauziel am 8. Juli auf einer Veranstaltung der Deutschen Industrie- und Handelskammer bestätigt.
Trotz der Zielverfehlung hält die Bundesregierung an anderen Instrumenten fest und justiert diese nach. Die Bundesnetzagentur hat bereits Ende 2024 das Wasserstoff-Kernnetz genehmigt. Damit die Umsetzung dieses genehmigten Netzes nicht an langwierigen Folgeverfahren scheitert, hat der Bund mit dem Wasserstoff-Beschleunigungsgesetz zusätzlich Genehmigungsverfahren verkürzt.
Auch institutionell stellt die Bundesregierung die Weichen neu. Den Nationalen Wasserstoffrat hat sie am 9. Juli mit neuen Mitgliedern besetzt und dabei stärker auf Wirtschaftskompetenz ausgerichtet. Die Neuausrichtung fällt in dieselbe Woche wie die Distanzierung vom Ausbauziel und zeigt: Der Rückzug vom Elektrolyseziel bedeutet keinen Rückzug aus der Wasserstoffpolitik insgesamt, sondern eine Kurskorrektur. Wasserstoff gilt weiterhin als Zukunftsmarkt mit industriellem Potenzial.
Henne-Ei-Problem bremst den Markthochlauf
Erzeugung, Infrastruktur, Speicherung, Transport und Anwendung existieren in Europa bereits in Ansätzen, greifen aber wirtschaftlich noch nicht ineinander. Stabile Preissignale, langfristige Abnahmeverträge und verlässliche Fördermechanismen fehlen vielerorts. Daraus entsteht ein Henne-Ei-Problem: Ohne ausreichendes, bezahlbares Angebot bleibt die Nachfrage zurück, ohne große Abnehmer fehlt der Produktionsanreiz.
Der Bundesrechnungshof hat im Oktober 2025 kritisiert, dass die Bundesregierung trotz milliardenschwerer Förderung die Ziele ihrer Wasserstoffstrategie verfehlt. Er hat dabei auf Risiken für Klimaneutralität, Industriestandort und die Stabilität der Bundesfinanzen hingewiesen. Der geopolitische Kontext verstärkt den Handlungsdruck: Energiekrisen der vergangenen Jahre haben die Abhängigkeit Europas von fossilen Importen offengelegt. Wasserstoff kann diese Abhängigkeit verringern, Lieferquellen diversifizieren und Energie saisonal speichern.
„Der Wasserstoffmarkt scheitert derzeit nicht an der Technik. Er scheitert an fehlenden und inkonsistenten Rahmenbedingungen„, sagte Dr. Timm Kehler, Geschäftsführer des Branchenverbands Die Gas- und Wasserstoffwirtschaft. „Solange Wasserstoff zwar gesellschaftlich sinnvoll, aber unternehmerisch unattraktiv ist, wird es keinen funktionierenden Markt geben.„
Die Solarindustrie liefert ein Warnbeispiel
Die deutsche Solarindustrie zeigt, wie eine inkonsistente Förderpolitik einen Markt zerstören kann. Anfang der 2000er-Jahre hat Deutschland den Weltmarkt für Photovoltaik angeführt, heute hält China in allen Wertschöpfungsstufen Marktanteile von über 80 Prozent. Die EEG-Novelle 2012 hat die Einspeisevergütung gekürzt und die Förderung bei 52 GW installierter Leistung gedeckelt. Das PV-Marktvolumen ist von 2012 bis 2014 um rund 90 Prozent eingebrochen, die Beschäftigtenzahl der Branche ist im selben Zeitraum von etwa 120.000 auf 50.000 gesunken. Der Branchenumsatz hat zwischen 2011 und 2014 um 74,2 Prozent nachgegeben.
„Die Solarindustrie hat 20 Jahre gebraucht, um dahin zu kommen, wo sie heute steht. Die Wasserstoffwirtschaft gibt es als ernsthaftes politisches Projekt erst seit 5 bis 6 Jahren„, ordnet Uwe Kerkmann, CEO des H2UB in Essen, ein.
Neues Gesetz macht Gaskraftwerke zu Ankerkunden
Mit dem Strom-Versorgungssicherheits- und Kapazitätengesetz haben Bundestag und Bundesrat im Juli 2026 einen Ausschreibungsrahmen für 11 GW Kraftwerkskapazität beschlossen. Bis 2045 sollen mindestens 4 GW Kraftwerksleistung auf Wasserstoff umgestellt werden. Das Gesetz schreibt in Paragraf 17 H₂-Readiness als Pflichtanforderung für alle Langzeitkapazitäten vor. Bestimmte Gaskraftwerke müssen damit von Beginn an für den späteren Wasserstoffbetrieb ausgelegt sein und werden so zu potenziellen Ankerkunden des Wasserstoffmarkts.
Der vorgesehene Höchstwert für die Förderung lag zunächst bei 173.000 Euro je MW. Am 6. Juli 2026 hat die Bundesregierung diesen Wert auf 244.000 Euro je MW angehoben. Ob aus der gesetzlichen Vorgabe tatsächlich Investitionen entstehen, hängt davon ab, ob die Umstellung auf Wasserstoff eng mit dem Hochlauf des Kernnetzes synchronisiert wird.
Start-up-Ökosystem wächst trotz politischer Unsicherheit
Laut Kerkmann ist die Start-up-Szene im Wasserstoffbereich vergleichsweise stabil. Sie wächst langsam, aber kontinuierlich. Die Plattform H2UB in Essen verweist auf rund 170 Start-ups entlang der gesamten Wasserstoff-Wertschöpfungskette in Deutschland, europaweit zählt das Ökosystem rund 600 Start-ups. Diese haben, so Kerkmann, den Hype gut überstanden. Trotzdem bleibt offen, welche dieser Unternehmen den Sprung von der Pilotphase in die industrielle Skalierung schaffen, solange die Nachfrage nach grünem Wasserstoff nur zögerlich entsteht. Kerkmann zufolge stehen jetzt diejenigen Ideen und Projekte im Fokus, die Realisierungschancen haben, also ein höheres Technology Readiness Level mitbringen.
Innerhalb der Wertschöpfungskette verlagert sich der Fokus zunehmend von der Erzeugung auf Off-Take und Nutzung. Zwischen den etablierten Preisen für fossile Moleküle und den Preisen für grünen Wasserstoff besteht weiterhin eine Differenz, die den Aufbau verlässlicher Abnahmestrukturen erschwert.
Start-ups gestalten den Weg zum Business Case mit
Wie Unternehmen trotz dieser Differenz frühzeitig Abnehmer gewinnen, zeigt das Beispiel von Greenlyte Carbon Technologies. Das 2022 gegründete Essener Start-up hat mit der Technologie LiquidSolar einen Ansatz entwickelt, der CO₂ aus der Luft bindet und gleichzeitig Wasserstoff produziert.
„Den Business Case haben wir gemeinsam mit den Abnehmern erarbeitet„, beschreibt Florian Hildebrand, CEO von Greenlyte Carbon Technologies, den Ansatz seines Unternehmens.
Statt mit Preisversprechen in Gespräche mit potenziellen Abnehmern zu gehen, hat Greenlyte gemeinsam mit einem Industry Advisory Board, unter anderem mit Vertretern von Lufthansa, TUI und Uniper, die Kaufkriterien der Abnehmerseite entwickelt.
In einem Markt ohne etablierte Preissignale, ohne verlässliche Nachfragestrukturen und ohne gemeinsame Risikosprache müssen Unternehmen aktiv Vertrauen aufbauen. Kommunikation wird damit zum strategischen Erfolgsfaktor und zur Voraussetzung für Bankability, Off-Take und politische Unterstützung.
Sechs Handlungsempfehlungen für die Kommunikation
Aus den Experteninterviews leitet das CC Collective in ihrem Whitepaper sechs Handlungsfelder für die Kommunikation von Wasserstoffunternehmen ab. Sie sollen dabei helfen, aus technologischer Reife auch wirtschaftliche Anschlussfähigkeit zu machen.
- Den wirtschaftlichen Case sichtbar machen
- Advisory Boards strategisch nutzen
- Externe Stakeholder verstehen und früh einbinden
- Resilienz und Wirtschaftlichkeit als Argument nutzen
- Politische Verlässlichkeit einfordern
- Kommunikation als Marktinstrument denken
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