H₂News: Herr Schmidt, warum ist Wasserstoff für Sie so entscheidend?
Gunar Schmidt: Wir betrachten die Energiewende als ein Zusammenspiel verschiedener Energieträger – sie wird nicht allein durch Elektrifizierung realisierbar sein. Molekulare Energieträger bleiben unverzichtbar. Unsere Kunden – Stadtwerke, nachgelagerte Netzbetreiber und große Industrien – brauchen planbare Energiemengen. Wasserstoff kann hier fossiles Erdgas perspektivisch ersetzen. Deshalb haben wir früh begonnen, unsere Infrastruktur vorzubereiten. Wir sehen uns nicht als reiner „Pipelinebetreiber“, sondern als Teil einer Gesamttransformation, die wir mitgestalten.
H₂News: Welche Rolle spielt Ontras im Wasserstoff-Kernnetz?
Schmidt: Wir errichten ein ca. 600 km umfassendes Wasserstofftransportnetz für Mittel- und Ostdeutschland – das Ontras H2-Startnetz. Rund 80 Prozent davon entstehen durch die Umstellung bestehender Gaspipelines, etwa 20 Prozent werden neu gebaut. Dabei handelt es sich um die größte Einzelinvestition, die im VNG-Konzern je beschlossen wurde. Wir sind sehr dankbar für das Vertrauen, dass in uns und unsere Vorhaben gesetzt wird. Das Ontras H2-Startnetz ist Bestandteil des deutschlandweiten Wasserstoff-Kernnetzes, das im Herbst 2024 genehmigt wurde. Ausgangspunkt ist Mitteldeutschland, wo wir bereits im April die ersten 25 km Wasserstoffleitung am Energiepark Bad Lauchstädt in Betrieb genommen haben. Perspektivisch wird vom Ostseehafen Lubmin über Leipzig, das mitteldeutsche Chemiedreieck und bis nach Salzgitter eine durchgängige Transportachse entstehen, die Erzeuger, Speicher und industrielle Abnehmer verbindet. Gleichzeitig treiben wir mit dem Nordic-Baltic Hydrogen Corridor auch eine Importquelle voran. Für uns ist das eine historische Aufgabe, vergleichbar mit dem Aufbau des Erdgasnetzes in den 1970er Jahren.
H₂News: Welche Abschnitte haben aktuell Priorität?
Schmidt: Fast alle Projekte haben hohe Priorität und müssen vorangetrieben werden. Die ersten Netzabschnitte für den kommerziellen Transport werden in der Leipziger Region umgestellt. Parallel werden weitere Umstellungen, etwa Richtung Berlin realisiert, und vor allem die Neubauprojekte vorangetrieben, bei denen wir umfangreichen Genehmigungsverfahren entgegensehen.
H₂News: Wie läuft die technische Umstellung von Leitungen?
Schmidt: Zuerst steht eine Machbarkeitsstudie mit TÜV und Sachverständigen an. Dabei prüfen wir vorhandene Dokumentationen, entnehmen Materialproben, führen intelligente Molchungen durch und beseitigen gegebenenfalls Mängel. Anschließend folgt das Genehmigungsverfahren nach § 113c EnWG. Die erste Umstellung bei Bad Lauchstädt dauerte zwei bis drei Jahre – ein intensiver Lernprozess, der künftige Projekte beschleunigen wird. Es sind zahlreiche Prüfungen notwendig, die die Eignung der Leitung für den Wasserstofftransport attestieren, z. B. die H₂-Integritätsbwertung, die bruchmechanische Bewertung oder die Prüfung bestehender Armaturengruppen. Besonders wertvoll ist dabei die fortlaufende Regelwerksarbeit des DVGW, die durch klare Vorgaben und praxisnahe Standards Planungssicherheit schafft und die Umsetzung erleichtert. Am Ende muss die Leitung sicher, dokumentiert und genehmigt sein.

Pipelinetrasse für das Wasserstoff-Kernnetz (© Ontras Gastransport GmbH)
H₂News: Können umgestellte Leitungen weiterhin Erdgas transportieren?
Schmidt: Technisch ja. Rechtlich entscheidet die Genehmigung. Das gibt uns Flexibilität in der Übergangszeit: Wir können Leitungen ertüchtigen, aber zunächst noch mit Erdgas fahren, bis die Wasserstoffmengen verfügbar sind.
H₂News: Welche Betriebserfahrungen sammeln Sie bisher bei der Umstellung mit Wasserstoff?
Schmidt: Zwischen Bad Lauchstädt und Leuna haben wir 25 km umgestellter Transportleitung erfolgreich in Betrieb genommen. Unterschiede zum Erdgas gibt es beim innerbetrieblichen Umgang mit dem neuen Medium Wasserstoff: Eine Wasserstoffflamme ist nahezu unsichtbar, daher setzen wir Wärmebildkameras und spezielle Messgeräte ein. Mitarbeitende wurden geschult, Dienstleister eingebunden, Betriebsregeln angepasst. Spannend war zu erleben, dass vieles aus dem Erdgasbereich übertragbar ist, aber im Detail neue Routinen nötig werden – vom Notfallmanagement bis zur Schutzausrüstung.
H₂News: Wie reagieren Bevölkerung und Kommunen?
Schmidt: Sehr positiv. Wir begleiten die Projekte von Anfang an kommunikativ, etwa im Energiepark Bad Lauchstädt. Dort arbeiten Windpark, Elektrolyseur, Pipeline und Raffinerie zusammen – ein anschauliches Zukunftsmodell. Bürgerinfotage, Dialogforen und transparente Kommunikation sorgen dafür, dass die Menschen die Projekte eher als Standortchance wahrnehmen, denn als Belastung. Viele verbinden damit die Hoffnung auf neue Arbeitsplätze und Investitionen in der Region – sechs der sieben am Energiepark beteiligten Unternehmen stammen aus Mitteldeutschland. Wir sind allesamt bestrebt, die hiesige Wirtschaft zu unterstützen.
H₂News: Wo stehen wir beim Wasserstoffhochlauf politisch?
Schmidt: Das Wasserstoff-Kernnetz ist ein mutiger Schritt, für den uns andere Länder beneiden. Entscheidend ist jetzt, verlässliche und pragmatische Rahmenbedingungen zu schaffen. Fördermittel allein reichen nicht – Investoren brauchen planbare Rendite und klare Regeln. Ebenso wichtig ist die Kraftwerksstrategie: Nur wenn wir wasserstofffähige Kraftwerke absichern, schaffen wir Nachfrage und Versorgungssicherheit.
H₂News: Woher soll der Wasserstoff künftig kommen?
Schmidt: Aus zwei Quellen: heimischen Elektrolyseuren und Importen. Ontras ist beispielsweise am Nordic-Baltic Hydrogen Corridor beteiligt, der Wasserstoff aus Finnland über die baltischen Staaten und Polen nach Deutschland bringen soll. Auch Südeuropa und Nordafrika sind im Gespräch. Heimische Produktion ist zwar wichtig, wird aber nur einen Teil des Bedarfs decken können. Entscheidend ist deshalb, dass wir verlässliche Lieferbeziehungen aufbauen und Mengen kontinuierlich fließen – ein fluktuierendes Netz wird nicht funktionieren. Deshalb müssen wir gleichzeitig Speicher aufbauen, um Schwankungen auszugleichen. Wie beim Erdgasnetz werden Kavernen auch für Wasserstoff eine zentrale Rolle spielen.

Arbeiten für das Wasserstoff-Kernnetz (© Ontras Gastransport GmbH)
H₂News: Welche Rolle spielen Wasserstoffspeicher im künftigen Energiesystem?
Schmidt: Speicher sind ein Schlüssel. Heute gleichen Gasspeicher saisonale Schwankungen aus – genau das brauchen wir auch für Wasserstoff. Die fluktuierende Einspeisung aus Elektrolyseuren darf nicht eins zu eins im Netz landen. Wir müssen sie puffern. Das bedeutet: erste Kavernen umrüsten, später neue Speicher bauen. Ohne Speicher wird der Hochlauf nicht funktionieren.
H₂News: Wie eng arbeiten Sie mit anderen Akteuren zusammen?
Schmidt: Sehr eng. Wasserstoff ist ein Gemeinschaftsprojekt. Die Fernleitungsnetzbetreiber stimmen sich untereinander ab, der FNB Gas bündelt gemeinsame Interessen, der DVGW sorgt für Regelwerke und Weiterbildung. Wenn eine Leitung in Betrieb geht, sind sofort neue Schulungen für Belegschaften und Dienstleister nötig. Dafür brauchen wir gemeinsame Standards, damit wir bundesweit kompatible Strukturen haben.
H₂News: Was ist Ihre wichtigste Botschaft für die nächsten Jahre?
Schmidt: Wir brauchen Planungssicherheit und Vertrauen. Rückschläge gehören dazu, dürfen uns aber nicht entmutigen. Entscheidend sind Investitionen in eine zukunftsfähige Infrastruktur. Wasserstoff ist keine Vision, sondern eine Notwendigkeit – und eine große Chance für den Industriestandort Deutschland. Wir sind bereit.
H₂News: Herr Schmidt, wir danken Ihnen herzlich für das Gespräch.
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