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„Die größten Gefahren der Wasserstofftechnik liegen in den unscheinbaren Schwachstellen”

Dr. Bernd Schrittesser hat mit Scioflex Hydrogen ein spezialisiertes Prüflabor aufgebaut, das die versteckten Schwachstellen der Wasserstoffwirtschaft aufdeckt. Im Interview erklärt er, warum herkömmliche Prüfmethoden nicht ausreichen und welche kritischen Materialprobleme die Branche unterschätzt.

von | 03.09.25

Dr. Bernd Schrittesser, CEO von Scioflex Hydrogen

H₂News: Herr Dr. Schrittesser, Sie haben Scioflex Hydrogen als spezialisiertes Prüflabor für Wasserstoffmaterialien aufgebaut. Was war Ihre Motivation, diesen Nischensektor zu besetzen?

Dr. Bernd Schrittesser: Unsere Motivation war von Anfang an ganz klar: Sicherheit ist die Grundvoraussetzung für eine funktionierende Wasserstoffwirtschaft. Viele Labore prüfen zwar Werkstoffe, aber kaum jemand unter realistischen Wasserstoffbedingungen. Genau dort haben wir eine Marktlücke gesehen. Wir wollten ein Labor schaffen, das die Brücke zwischen akademischer Forschung und industrieller Anwendung schlägt – mit hoher wissenschaftlicher Tiefe, modernster Technik und einem klaren Blick auf die Bedürfnisse der Industrie.

H₂News: Welche Erfahrungen machen Sie in Ihrer Prüfpraxis?

Schrittesser: Am häufigsten sehen wir Versprödungseffekte bei Stählen, Permeation und Alterungsprozesse bei Polymere sowie Elastomerwerkstoffen. Die Branche unterschätzt oft die Kombination aus dem Lastkollektiv welches mit Druck, Temperatur, mechanischer Beanspruchung in Kombination mit Medien wie zB Wasserstoff auf das Bauteil wirken. – dies führt zu Langzeiteffekte, die im Alltag kritisch werden können. Viele verlassen sich auch auf Daten aus Erdgas-Anwendungen. Diese sind aber nicht übertragbar und in einem Bereich wo Sicherheit eine große Rolle spielt, gehen wir lieber auf Nummer sicher. Die größten Gefahren der Wasserstofftechnik liegen nicht in der Konstruktion selbst, sondern in den unscheinbaren Schwachstellen – Schweißnähte, Wärmeeinflusszonen, Dichtungen, Übergänge.

H₂News: Aus welchen Branchen kommen hauptsächlich Ihre Kunden und wie hat sich die Nachfrage in den letzten Jahren entwickelt?

Schrittesser: Unsere Kunden kommen vor allem aus der Stahl- und Polymerindustrie, sowie Netzbetreiber, Energie-OEMs bis hin zu Zertifizierungsstellen. Rückblickend gesehen, hat die Nachfrage in den letzten 12 Monaten stark zugenommen, besonders aus dem Ausland. Während vor einem Jahr der Fokus noch auf dem Bereich Machbarkeitsstudien gelegt wurde, sehen wir heute ganz klar den Trend hin zu konkreten Zulassungsprojekten und Umwidmungen. Unsere Kunden sind dort, wo Wasserstoff nicht nur diskutiert, sondern umgesetzt wird.

Schrittesser

Pipeline-Prüfung (© SCIOFLEX Hydrogen)

H₂News: Ihr Team vereint Expertise aus Kunststofftechnik, Pulvermetallurgie und Elastomertechnologie. Wie wichtig ist diese interdisziplinäre Aufstellung für die Herausforderungen von Wasserstofftechnologie?

Schrittesser: Diese Vielfalt ist für uns entscheidend. Wasserstoff ist kein reines Stahl-Thema. Kunststoffe spielen bei Leitungen und Dichtungen eine große Rolle, additive Fertigungsverfahren bei neuen Werkstoffen und Leichtbau, und Elastomerwerkstoffe sind für Dichtsysteme und damit für die Sicherheit unverzichtbar. Die Wasserstoffwirtschaft ist ein Puzzle – und wir bringen die richtigen Teile zusammen, um ein vollständiges Bild zu ermöglichen.

H₂News: Deutschland und Österreich investieren massiv in den Wasserstoffhochlauf. Wie beurteilen Sie in diesem Kontext den Status Quo bei der Frage nach Wasserstoff-Standards und Normierung?

Schrittesser: Der Status Quo ist derzeit noch fragmentiert. International existieren unterschiedliche Ansätze, und die Industrie ist in vielen Bereichen schneller als die Normungsgremien. Standards sind aber der Schlüssel zu Vertrauen, Vergleichbarkeit und Skalierung. Deutschland und Österreich investieren massiv, und Europa muss eine führende Rolle einnehmen. Ich selbst sind bin im Bereich ISO- und DIN-Gremien aktiv, weil wir überzeugt sind: Nur wenn Standards Hand in Hand mit der Industrie entwickelt werden, kann die Wasserstoffwirtschaft Fahrt aufnehmen.

H₂News: Ein abschließender Blick in die Zukunft: Welche Entwicklungen erwarten Sie in der Wasserstoff-Materialprüfung, welche müssen/sollten kommen? Und: Wo sehen Sie Scioflex in fünf Jahren?

Schrittesser: Ich erwarte, dass die Materialprüfung in Zukunft intensiver durchgeführt werden wird – mit schnelleren Testzyklen und KI-gestützten Prognosen, die den Lebenszyklus von Materialien vorhersagen können. Was meiner Meinung nach unbedingt erfoderlich ist, ist eine weltweite Harmonisierung von Testmethoden, damit Unternehmen nicht für jeden Markt neu prüfen müssen.

Für SCIOFLEX Hydrogen sehe ich den Weg klar: In fünf Jahren wollen wir als europäisches Kompetenzzentrum für Wasserstoff-Materialprüfung etabliert sein – ein Partner, der für Industrie, Forschung und Politik gleichermaßen der erste Ansprechpartner ist, wenn es um Materialzuverlässigkeit und Sicherheit geht.

H₂News: Herr Schrittesser, vielen Dank für das Interview!

 

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