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„Die Nachfrage nach zertifiziertem grünem Wasserstoff ist hoch“

Aus erneuerbaren Energien über den Elektrolyseur zur Tankstelle: ABO Energy hat in Hünfeld eine deutschlandweit einmalige Wasserstoffanlage in Betrieb genommen. H2-Experte Jörg Wirtz erklärt im Interview, wie das zertifizierte Pilotprojekt funktioniert und Dr. Fabian Hinz berichtet, welche internationalen Vorhaben das hessische Unternehmen geplant hat.

von | 23.07.25

Vor seinem Start bei ABO Energy im Oktober 2021 war Dr. Fabian Hinz unter anderem bei E.ON, Siemens und EnBW tätig
© ABO Energy

H₂News: Sie bezeichnen Ihr kürzlich in Betrieb genommenes Projekt in Hünfeld als „einzigartig in Deutschland“. Warum genau?

Jörg Wirtz: Es ist das erste Projekt in Deutschland, bei dem ein Elektrolyseur mit dem Strom eines Windrads gespeist wird. Zudem ist es eines der ersten Projekte, bei denen der Wasserstoff offiziell als „grün“ zertifiziert wurde.

H₂News: Wie gut funktioniert das Zusammenspiel von Windkraftanlage, Elektrolyseur und Trailerabfüllung/Vertankung in der Praxis?

Wirtz: Wir haben unsere Anlage am 27. Juni einem Stresstest unterzogen. Im Rahmen einer Sternfahrt kamen vier Brennstoffzellen-Nutzfahrzeuge und ein Wasserstoffverbrenner, die ohne Probleme betankt werden konnten. Wie gut das Zusammenspiel in allen Einzelheiten klappt, wird sich über die Zeit zeigen, wenn die Anlage unter Volllast läuft. Den grünen Strom beziehen wir nachgewiesen über Verträge (PPAs) mit drei Erneuerbaren-Energien-Anlagen (sowohl Wind als auch PV). Es sollte also in der Regel nicht nötig sein, zusätzlichen Grünstrom aus dem Netz zu beziehen.

H₂News: Gibt es langfristige Abnahmeverträge für den Wasserstoff aus Hünfeld, oder wie funktioniert der Vertrieb?

Wirtz: Wir konnten bereits mehrere Verträge zur Abnahme des Wasserstoffs über die Trailer-Abfüllstation abschließen. Die Nachfrage nach zertifiziertem grünem Wasserstoff ist hoch, sodass wir voraussichtlich in den nächsten Wochen weitere Abnahmeverträge abschließen werden.

H₂News: Ist eine Erweiterung der Anlage geplant?

Wirtz: Die Tankstelle wurde so konzipiert, dass eine Erweiterung auf 700 bar möglich ist und somit auch Brennstoffzellen-PKW hier tanken können. In einer geplanten zweiten Ausbaustufe können wir die Wasserstoffproduktionskapazität von 600 auf 1.000 Tonnen pro Jahr erhöhen. Auch haben wir schon jetzt eine dritte Trailerbox errichtet, die wir bei hoher Nachfrage in Betrieb nehmen könnten.

Hessen

Eröffnung der Anlage im Juni 2025 (Bild: ABO Energy GmbH & Co. KGaA)

H₂News: Wie funktioniert der Zertifizierungsprozess für Ihren grünen Wasserstoff? Gibt es hier Optimierungspotenzial?

Wirtz: Das Wasserstoffprojekt in Hünfeld-Michelsrombach ist nach dem freiwilligen Zertifizierungssystem CertifHy EU RFNBO zertifiziert. Dabei handelt es sich um ein von der Europäischen Kommission anerkanntes freiwilliges Zertifizierungssystem, das die nachhaltige Produktion und Nutzung von RFNBOs – insbesondere grünem Wasserstoff und e-Fuels – nachweist.

Um die Zertifizierung zu erhalten, müssen unterschiedlichste technische, organisatorische und dokumentarische Anforderungen nach den Systemdokumenten von CertifHy, welche wiederum auf den Vorgaben der EU (insbesondere RED II & RED III) beruhen, eingehalten werden. Die Einhaltung der Anforderungen im laufenden Betrieb wird in einem jährlichen Audit durch eine von CertifHy und der EU anerkannter Zertifizierungsstelle überprüft. In unserem Fall übernimmt das der TÜV Süd.

Durch die Zertifizierung kann der Wasserstoff als RFNBO vermarktet werden, wodurch wir einen höheren Ertrag erwirtschaften können. Großen Optimierungsbedarf sehen wir hier nicht.

H₂News: Wie schwierig waren Planung, Genehmigung und Bau der Anlage, und was bedeutet das für ähnliche Projekte in Deutschland?

Wirtz: Die Planung und Genehmigung waren insofern herausfordernd, als es sich um ein Pilotprojekt handelt und sowohl wir als auch die zuständigen Behörden mit einigen Aspekten zum ersten Mal konfrontiert waren. Dennoch konnten wir von unserem Knowhow aus Genehmigungsverfahren für Windenergieanlagen profitieren und hatten mit der H2 Mobility eine starke und kompetente Unterstützung bei der Planung und Ausführung an unserer Seite.

Das Genehmigungsverfahren verlief – nicht zuletzt dank der engagierten Arbeit des Regierungspräsidiums Kassel – gut und nach Zeitplan. Aufgrund des Innovationscharakters fand das Projekt auch in der Region großen Anklang.

H₂News: Ihr Unternehmen kommt aus der Windkraft-Branche; nun wollen sich breiter aufstellen – das zeigt schon die Änderung Ihres Namens von ABO Wind zu ABO Energy. Wie groß ist der Anteil des H2-Geschäfts bei Ihnen, und wie soll er sich entwickeln?

Dr. Fabian Hinz: In den ersten zwanzig Jahren nach der Gründung im Jahr 1996 haben wir ausschließlich Windprojekte entwickelt und errichtet. Inzwischen sind wir in allen relevanten Technologien der Energiewende aktiv: Wind, Photovoltaik, Speicher und Wasserstoff. Die Anlage in Hünfeld ist dabei das erste H2-Projekt, das wir errichtet haben. Hierbei konnten wir wertvolle Erfahrung sammeln. Wir entwickeln zudem weitere Wasserstoffprojekte mit einer Leistung von mehreren Gigawatt in Ländern, die zukünftig eine große Rolle in der grünen Wasserstoffwirtschaft spielen könnten. Dazu zählen vor allem Kanada, Argentinien, Finnland und Spanien. Wir sind zuversichtlich, dass sich Wasserstoff mittelfristig zu einem wichtigen Geschäftsbereich für ABO Energy entwickeln wird.

H₂News: Wie weit sind Ihre internationalen Projekte, bzw. welche würden Sie besonders hervorheben?

Hinz: Wir entwickeln eine Reihe von internationalen Wasserstoffprojekten, sowohl für die Einspeisung in das European Hydrogen Backbone als auch für die Herstellung von Derivaten wie Ammoniak oder Methanol. Die meisten dieser Projekte befinden sich in der Konzept- bzw. Machbarkeitsphase.

Besonders hervorzuheben ist unser Wasserstoffprojekt „Toqlukuti’k“, das sich in der kanadischen Provinz Neufundland und Labrador befindet. Als eines von nur vier Unternehmen haben wir bei einer öffentlichen Ausschreibung den Zuschlag erhalten, Windenergie- und Wasserstoffprojekte auf staatlichem „Crown Land“ planen zu dürfen. Da die Gegend sehr schwach besiedelt ist, ergibt die Stromerzeugung aus Windenergie nur in Verbindung mit der Herstellung und des Exports von grünem Ammoniak Sinn. Das Projekt hat das Potenzial für mehrere Gigawatt installierter Leistung – das sind mehrere Hundert Turbinen. Mit Copenhagen Infrastructure Partners (CIP) haben wir einen erfahrenen und finanzstarken Investor und Partner für das Projekt gewinnen können. Ende 2024 haben wir 90 Prozent der Projektanteile an das dänische Unternehmen übertragen. ABO Energy bleibt als Minderheitsanteilseigner und Entwickler am Projekt beteiligt.

H₂News: Wie beurteilen Sie allgemein die Stimmung in der Branche?

Hinz: Die Internationale Energieagentur rechnete in ihrem Jahresbericht 2023 mit einem starken Wachstum der installieren H2-Leistung von durchschnittlich 25 Prozent pro Jahr. Aus unserer Sicht ist die überbordende Euphorie der letzten Jahre allerdings etwas realistischeren Erwartungen an Kosten und Implementierungszeiträumen gewichen.

Wir haben im vergangenen Jahr einige negative Marktsignale wahrgenommen, wie die Einstellung von Projekten, z. B. der Wasserstoffpipeline aus Norwegen. Nichtsdestotrotz sehen wir aber durchaus auch positive Entwicklungen, wie die Genehmigung des Wasserstoffkernnetzes oder die Projektzuschläge bei H2Global oder der European Hydrogen Bank. Wir gehen daher davon aus, dass der Hochlauf der Wasserstoffwirtschaft etwas später und langsamer passieren wird, als dies vor einigen Jahren prophezeit wurde. In der Konsequenz fokussieren wir unsere Entwicklungstätigkeit auf einzelne vielversprechende Projekte.

H₂News: Herr Hinz, vielen Dank für das Interview!

 

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