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„Unser erster Elektrolyseur entsteht nicht in Deutschland, sondern in Frankreich“

Nicolas Dohn leitet bei der Westfalen AG die Wasserstoffgeschäfte. Das mittelständische Unternehmen aus Münster transportiert bereits seit über 40 Jahren Wasserstoff per Trailer zu seinen Kunden und sieht sich als „Sprachrohr des Mittelstandes". Im Interview erklärt Dohn, warum der Preis das zentrale Hindernis für den grünen Wasserstoffhochlauf ist und weshalb Westfalen den ersten eigenen Elektrolyseur nicht in Deutschland, sondern in Frankreich baut.

von | 12.09.25

Dr. Nicolas Dohn, Group Business Development & Product Manager Hydrogen
© Westfalen AG
Dr. Nicolas Dohn

H₂News: Herr Dr. Dohn, wie wichtig ist Wasserstoff für die Westfalen AG?

Dr. Nicolas Dohn: Wasserstoff ist für zwei unserer drei großen Geschäftsbereiche ein zentraler Baustein: bei den Industriegasen und in der Mobilität. Wasserstoff erlaubt uns damit eine Art innerbetriebliche Sektorenkopplung. Wir beliefern eine breite Palette von Kunden mit Wasserstoff, insbesondere Mittelständler, aber auch einige sehr große Unternehmen. Prominente Beispiele sind Daimler Truck, bei dem wir letztes Jahr „Supplier of the Year“ geworden sind, oder der Stahlhersteller ArcelorMittal, mit dem wir kürzlich eine langfristige Kooperation geschlossen haben.

H₂News: Wie sind Sie konkret im Wasserstoffbereich aufgestellt?

Dr. Dohn: Wasserstoff in Flaschen und Bündeln produzieren wir schon sehr lange, Wasserstoff im Trailer seit über 40 Jahren – das ist Brot-und-Butter-Geschäft für uns. Wir produzieren grauen Wasserstoff selbst, beispielsweise in Salzbergen im südlichen Emsland, wo wir ein Joint Venture mit der örtlichen Raffinerie haben. Wir beliefern zum einen die Raffinerie direkt, zum anderen befüllen wir dort unsere LKW-Trailer und beliefern Kunden in der Region. Zusätzlich haben wir ein großes Netzwerk an Partnern, von denen wir Wasserstoff einkaufen – seit 2022 auch grünen – und dann an Kunden ausliefern können. Unser Fokus liegt auf der „letzten Meile“ zwischen Wasserstoffquelle und Verbraucher. 

H₂News: Beschäftigen Sie sich auch mit alternativen Transportformen wie flüssigem Wasserstoff oder Ammoniak?

Dr. Dohn: Momentan beschränken wir uns auf gasförmigem Wasserstoff. Der Grund: Unsere Kunden nutzen den Wasserstoff gasförmig, und das ist für die Anwendungen zurzeit die günstigste Anlieferungsform. Ich kann mir vorstellen, dass andere Energieformen im Kontext von Importen künftig eine Rolle spielen. Preislich könnte Ammoniak in großen Mengen interessant werden, für Anwendungen mit hohen Reinheiten auch flüssiger Wasserstoff.

H₂News: Sehen Sie das geplante Wasserstoff-Kernnetz als Konkurrenz für Ihr Trailer-Geschäft?

Dr. Dohn: Im Gegenteil, wir ergänzen uns gut. Für sehr große Mengen – Stahlwerke oder Kraftwerke – ist der Pipeline-Transport die erste Wahl. Pipelines eignen sich aber meist nicht für kleine oder mittlere Mengen, weil der Anschluss sehr teuer ist und erst langfristig realisierbar: Wenn erste Großkonzerne angeschlossen werden, heißt das nicht, dass automatisch auch KMU angeschlossen werden. Wir werden also weiter unsere Kunden am günstigsten per Trailer beliefern können, während die ganz großen Abnehmer besser mit der Pipeline bedient sind.

(© Westfalen AG)

H₂News: Wer sind Ihre wichtigsten Wasserstoffabnehmer?

Dr. Dohn: Da findet sich das ganze Spektrum: vom klassischen Stahlveredler, der mit Wasserstoff Stahl härtet, über die Chemieindustrie, das Tankstellengeschäft und neuerdings auch zahlreiche Forschungs- und Entwicklungsinstitute. Wir bedienen auch andere innovative Vorhaben wie Raumwärme-Konzepte, z.B. in den Niederlanden, wo wir Ende 2022 eine der ersten Wasserstoff-Odorierungen für Haushalte realisiert haben. Im Mobilitätsbereich betreiben wir seit 2016 eine Wasserstofftankstelle in Münster-Amelsbüren und haben 2022 eine mobile Wasserstofftankstelle entwickelt, mit der wir unter anderem den RVK in Köln belieferten – Europas größten Wasserstoff-Busflottenbetrieb.

H₂News: Ihr CEO Thomas Perkmann hat in den vergangenen Monaten auf verschiedenen Branchenveranstaltungen deutliche Worte zur Marktsituation vom grünen Wasserstoff gefunden. Wie würden Sie die Herausforderungen zusammenfassen?

Dr. Dohn: Es mangelt nicht an Interesse – das ist bei allen Kunden vorhanden. Woran es in den allermeisten Fällen scheitert, ist der Preis. Wir unterscheiden zwei Abnahmeszenarien: Auf der einen Seite stehen Kunden, die in der Vergangenheit grauen H2 abgenommen haben und jetzt auf grün schwenken möchten. Diese Gruppe müsste für ihr grünes Molekül etwa zwei bis drei Mal so viel zahlen wie zuvor für das graue. Auf der anderen Seite stehen Kunden, die von Erdgas auf grünen Wasserstoff wechseln wollen. Hier liegt der Preisfaktor bei 6 bis 7. Das ist schon ein massiver Unterschied und aus unserer Sicht der Hauptgrund, warum der Markt nur so langsam wächst.

H₂News: Was wären geeignete Maßnahmen, um diese Preislücke zu schließen?

Dr. Dohn: Zwei Optionen liegen besonders nah: Ich muss entweder den grünen Wasserstoff günstiger machen oder fossile Energieträger teurer. Auch eine Quote wäre ein interessantes Mittel, um den Markt in Schwung zu bringen. Zudem ist es aus unserer Sicht ganz wichtig, die Strombezugskosten zu senken. Wir leisten uns in Europa ein anspruchsvolles und sehr teures Strombezugssystem für die Elektrolyse: Der Wasserstoff muss in Neuanlagen ab 2028 nach noch engeren RED-II-Kriterien hergestellt werden. Das heißt, fast jeder Elektrolyseur, der jetzt entschieden wird, muss komplett neue EE-Anlagen nutzen – das macht die Sache wahnsinnig teuer und unnötig komplex. Und damit nicht genug: Die RED II stellt ab 2030 an alle Anlagen, die grünen Wasserstoff produzieren, auch noch das Kriterium der Gleichzeitigkeit energieintensive Branche ist hier so eingeschränkt.

H₂News: Was heißt das?

Dr. Dohn: Wir müssen bereits heute für RED-II-Wasserstoff eine monatliche Strom-Korrelation nachweisen, ab 2030 sogar eine stündliche. Das heißt, wir müssen unsere Elektrolyseure stündlich hoch- und runterfahren und dabei dem Profil unserer erneuerbaren Stromquellen folgen. Um den Elektrolyseur im Durchschnitt auf knapp 50 % auszulasten, muss ich viel mehr EE-Strom reservieren, als ich zu jedem Zeitpunkt verbrauchen kann, z.B. 200% der eigentlichen Kapazität. Und wenn dann mehr EE-Strom vorliegt als der Elektrolyseur verbrauchen kann, muss ich den Überschuss wieder am Markt verkaufen – zu einem Zeitpunkt, wo der Strom sowieso verfügbar ist. Wir riskieren also negative Stromverkaufspreise und leisten uns eine Infrastruktur, die nur 50 % der Zeit läuft. Oder anders gesagt wir kaufen einen Elektrolyseur, damit er 50 % der Zeit stillsteht. Das gibt es so bei keinem anderen industriellen Wirtschaftsgut.

H₂News: Wie bewerten Sie die bisherigen Förderprogramme für grünen Wasserstoff?

Dr. Dohn: Viele Bundesförderungen sind eingestellt worden, aber die vorhandenen waren so komplex, dass sie für uns als großen Mittelständler kaum zu stemmen waren. Wir haben einige Förderungen gewonnen, aber immer im Schulterschluss mit Förderberatungen. Personell wäre es anders nicht umsetzbar: Eine EU-Förderung, etwa von der European Hydrogen Bank, erfordert mehrere Monate Arbeitszeit pro Antrag – und das bei einer geringen Erfolgswahrscheinlichkeit. Für einen Mittelständler ist das völlig abwegig. Die Förderungen müssen so einfach werden, dass sie von der breiten Masse des Mittelstandes – etwa die Hälfte der Wertschöpfung in Deutschland – nutzbar gemacht werden können.

H₂News: Gelingt es Ihnen demnach aktuell nicht, mit grünem Wasserstoff einen positiven Business Case aufzuziehen?

Dr. Dohn: Ja, und das ist das Problem. Die Politik übersieht gerne, dass ein positiver Business Case die Grundvoraussetzung dafür ist, dass wir von einzelnen Leuchtturmprojekten zum Markthochlauf übergehen. Für alle Teilnehmer entlang der Wertschöpfungskette muss am Ende mehr übrigbleiben, als sie zuvor investiert haben. Dafür wäre es auch wichtig, dass wir die überbordenden Bürokratie und den mittlerweile hochkomplexen Anforderungskatalog auf ein Normalmaß reduzieren. Nur durch wirtschaftliche Attraktivität konnte auch der Hochlauf im Erdgas-Bereich vor einigen Jahrzehnten gelingen. 

H₂News: Um zu einem konkreten Projekt zu kommen: Im Juli 2024 wurden Ihnen vom bayerischen Wirtschaftsministerium 5 Millionen Euro Förderung für den Bau eines Elektrolyseurs in Weißenhorn zugesichert. Wie ist hier der aktuelle Stand?

Dr. Dohn: Das Projekt ist auf Hold. Wir dürfen dort ausschließlich RED-II-Wasserstoff herstellen. Dieser Wasserstoff kann aufgrund seines hohen Preises praktisch nur in der Mobilität eingesetzt werden, da man dort THG-Quoten zur Refinanzierung erlösen kann. Zum Zeitpunkt unserer Antragstellung gab es noch vielfältige Förderprogramme für die Schwerlast-Mobilität. Als wir die finale Investitionsentscheidung (FID) treffen mussten, waren diese aber zum größten Teil weggebrochen. Solange Schwerlast-Mobilität in der Breite praktisch nicht gefördert wird, haben wir nicht die nötige Absatzmenge und können keine FID treffen.

Wasserstoff-Lkw (© Westfalen AG)

H₂News: Wo entsteht dann Ihr erster eigener Elektrolyseur?

Dr. Dohn: Nicht in Deutschland, sondern in der Nähe eines Stahlwerks von ArcelorMittal im französischen Florange: Wir finden dort deutlich bessere Bedingungen vor. Wir haben weitere Projekte in den Niederlanden laufen und überprüfen dort ebenfalls Investitionen. Wir sind auch in Österreich und der Schweiz aktiv und haben unsere Fühler in alle Richtungen ausgestreckt. Frankreich war das erste Projekt, die Niederlande könnten das zweite sein. Wir würden sehr gerne ein Projekt in Deutschland realisieren und glauben, dass das möglich ist, wenn sich die Voraussetzungen ändern.

H₂News: Wie läuft Ihre 2023 gestartete Wasserstofftankstellen-Kooperation mit RWE?

Dr. Dohn: Wir haben das Joint Venture „two4H2“ gegründet und in unseren Kerngeografien in NRW und Niedersachsen ein Konzept für 70 Tankstellen bis 2030 entwickelt. Wir glauben immer noch, dass man 70 Tankstellen bauen kann, aber nicht mehr bis 2030 – dieses Ziel ist leider in weitere Ferne gerückt. Das Joint Venture arbeitet nach wie vor an der Realisierung, aber die Bedingungen sind herausfordernd. Wir haben weder auf der Tankstellen- noch auf der Fahrzeugseite ausreichende Förderung, um den Gap zwischen fossilen Kraftstoffen und grünem Wasserstoff so zu schließen, dass es für Spediteure oder Logistiker in der Breite dauerhaft attraktiv wäre.

H₂News: Wo sehen Sie den deutschen Wasserstoffmarkt trotz der aktuellen Herausforderungen im Jahr 2030?

Dr. Dohn: Das ist schwer zu sagen. Klar ist, dass an Wasserstoff zur Dekarbonisierung verschiedener Sektoren kein Weg vorbei führt. Klar ist aber auch, dass es ohne effiziente Förderung und pragmatische Regulierung nicht funktionieren wird. Wir sehen aktuell, dass diese Themen öfter diskutiert werden und die Debatte in eine gute Richtung geht. Unsere neue Bundeswirtschaftsministerin Katharina Reiche hat Wasserstofferfahrung – eine gute Grundvoraussetzung, um die Probleme nicht nur zu erkennen, sondern auch anzupacken. Ich glaube, näher waren wir noch nie dran. Wir stehen bereit, unsere Kunden stehen bereit. Aber wir brauchen Investitionssicherheit. 

H₂News: Herr Dr. Dohn, vielen Dank für das Interview!

 

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