H₂News: Herr Cadmus, wie kamen Sie aus der Immobilienbranche zum Wasserstoff?
Dr. Alan Cadmus: Ich war schon immer technisch interessiert, auch wenn ich gelernter Jurist bin. Ich habe mich auch schon frühzeitig für das Thema Wasserstoff interessiert, weil ich ihn als idealen Energieträger ansehe. Aber natürlich gab es kaum Berührungspunkte. 2020 bin ich nach meinem Ausscheiden aus der Polis Immobilien AG auf die Idee gekommen, man könnte Grundstücksentwicklung doch auch mal anders definieren – nicht für Bürogebäude, sondern für eine Wasserstoffproduktionsanlage. Ich habe also mit einigen Mitgründern PtX Development ins Leben gerufen. Nach einer Research-Phase sind wir in die Projektentwicklung gegangen – ohne damals im Detail zu wissen, worauf wir uns eingelassen haben.
H₂News: Wie sind Sie dabei vorgegangen?
Cadmus: Schritt 1 war, Partner zu suchen, die etwas von erneuerbaren Energien und Wasserstoff verstehen. So stießen wir auf GP Joule, die zu dem damaligen Zeitpunkt bereits ein erstes Wasserstoffprojekt in Nordfriesland betrieben und über 15 Jahre Erfahrung hatten. Sie waren damals auch am Elektrolyseurhersteller H-Tec Systems, heute Quest One, beteiligt. Das überzeugte uns, und es kam zu einer Beteiligung. Damit konnte es dann losgehen.

v.l.n.r.: Konstantin Faller, Frank D. Masuhr, Dr. Alan Cadmus (Bild: © PtX Development, Fotograf: Reinaldo Coddou)
H₂News: Wie unterscheidet sich ein Wasserstoffprojekt von anderen Immobilienprojekten?
Cadmus: Am Anfang ist das grundsätzliche Verfahren sehr ähnlich – im Grunde ist ein Wasserstoffprojekt zunächst ein besonders komplexes Immobilienprojekt. Denn es kommen, wie bei allen Industrieanlagen, neben der Beschaffung eines geeigneten Grundstücks Themen wie Emissions- und Explosionsschutz für die Planungs- und Genehmigungsverfahren hinzu. Dabei ist unser Mitgeschäftsführer Frank D. Masuhr eine große Unterstützung: Er kommt aus dem Bereich der Entwicklung anspruchsvoller Industrieanlagen und kennt sich gut in der Branche aus. Ein weiterer Punkt, dessen Komplexität nicht zu unterschätzen ist, ist der Energiemarkt. Er bestimmt, welche Anforderungen ein Elektrolyseur erfüllen muss. Aus diesem Grund ist unser dritter Geschäftsführer, Konstantin Faller, Energiemarktexperte.
H₂News: Welche Anforderung an einen Elektrolyseur ist aus Ihrer Sicht zentral?
Cadmus: Die Hauptanforderung ist, dass der Elektrolyseur mit der Verfügbarkeit des grünen Stroms harmoniert. Die Produktion ist ja sehr volatil, und bei einer Dunkelflaute kann man keinen grünen Wasserstoff produzieren. Daher sollten die Vollaststunden möglichst effizient ausgenutzt werden.
H₂News: Kommen wir zu Ihrem Großprojekt in Lubmin. Diesen Standort haben Sie in Ihrer eingangs erwähnten Researchphase als optimal identifiziert. Was macht diesen Ort so gut für die Wasserstoffproduktion?
Cadmus: Es gibt drei wichtige Faktoren, abgesehen davon, dass es sich dabei um ein Industriegebiet mit Energieschwerpunkt handelt. Erstens: Dort gibt es eines der größten Umspannwerke von 50Hertz und damit einen Netzknoten, über den man von überall her Strom beziehen kann, insbesondere von den Offshore-Parks vor Rügen. Zweitens befindet sich direkt auf unserem Nachbargrundstück der Ausgangspunkt des Wasserstoffkernnetzes. Uns war direkt klar, dass Wasserstoff in industriellen Mengen nur über eine Pipeline transportiert werden kann. In einen Lkw passt viel zu wenig, und auch Kesselwagen helfen nicht wirklich weiter, obwohl wir einen Gleisanschluss neben unserem Grundstück haben.
H₂News: Also Strom- und Pipelineanbindung. Was war der dritte Faktor?
Cadmus: Das Wasser. Für eine Gigawatt Anlage benötigen wir etwa eine Million Tonnen Wasser jährlich – das geht nur an einem Standort, der direkt am Meer liegt. Zusätzlich haben wir dort den Vorteil, dass wir den Einlaufkanal des ehemaligen Kernkraftwerks Greifswald nutzen können. Das Wasser daraus kommt aus dem Spandowerhagener Wiek hinter der Insel Usedom und ist bereits mit Süßwasser durchmischt. Es handelt sich also um Brackwasser mit einem wesentlich geringeren Salzgehalt als in der offenen Ost- oder Nordsee. Das erleichtert die spätere Entsalzung sehr.

Visualisierung der von PtX Development geplanten Großelektrolyseur-Anlage in Lubmin (© PtX Development)
H₂News: Die Anlage soll eine Leistung von einem Gigawatt erreichen. Wie kamen Sie zu dieser Größe?
Cadmus: Als wir uns 2021 das 13,5 Hektar große Grundstück sicherten, wussten wir, dass wir für industrielle Zwecke große Mengen Wasserstoff produzieren wollten – eine genaue Kapazität hatten wir noch nicht vor Augen. Eine Machbarkeitsstudie ergab dann, dass ein Gigawatt eine realistische Zielgröße ist. Diese Kapazität macht wirtschaftlich Sinn und hat auch eine große Symbolkraft. Aus diesen Gründen haben wir uns dann darauf festgelegt. Ob es am Ende 10 % mehr oder weniger Leistung werden, ist im Moment noch nicht absehbar.
H₂News: Der erste Bauabschnitt soll 210 Megawatt umfassen. Wie ist der aktuelle Stand?
Cadmus: Aktuell befinden wir uns in der Entwicklungsphase, die durch die Beteiligung der Kommanditgesellschaft für Anlage und Leasing (KGAL) durchfinanziert ist, ein großes, unabhängiges Asset Management Unternehmen aus München. Das freut uns sehr. Diese Phase umfasst die Grundstücksbeschaffung, Planung, Entwicklung und Antragstellung – sowohl eines Bauantrags als auch des Antrags nach Bundesimmissionsschutzgesetz (BImSchG).
H₂News: Welche Schritte stehen als nächstes an?
Cadmus: Wir müssen die Technologie- und Anbieterentscheidungen treffen. Das ist aber keine Frage, die man beim Kaffee entscheiden kann – dafür müssen wir uns intensiv mit verschiedenen Zulieferern beschäftigen und Experten-Gutachten einholen. Anschließend steht mit den Anbietern zusammen die Front-End Engineering and Design (FEED)-Study an, die in den BImSchG-Antrag einfließt. Den benötigen wir Ende dieses oder Anfang nächsten Jahres. Etwa ein Jahr danach mit der dann hoffentlich erfolgten Genehmigung können wir die Final Investment Decision (FID) treffen.
H₂News: Wann könnte die Anlage in Betrieb gehen?
Cadmus: Aktuell planen wir, dass die Anlage 2028, spätestens Mitte 2029 in Betrieb geht. Allerdings ist das Ganze ein sehr komplexer Prozess, den in dieser Größenordnung noch niemand in Deutschland durchgeführt hat. Deswegen sind alle Zeitangaben immer als vorläufig zu betrachten.
H₂News: Wie sieht es bei der Abnahme aus? Haben Sie schon Gespräche mit potenziellen Kunden?
Cadmus: Wir sprechen schon mit Abnehmern und es gibt bereits erste Vorverträge von Abnahmevereinbarungen. Wir sehen die Abnehmer in erster Linie in der Industrie – der Stahlindustrie und vor allem chemische Industrie. Die chemische Industrie nutzt seit Jahrzehnten Wasserstoff für ihre Prozesse, allerdings grauen Wasserstoff. Die einfachste Möglichkeit, diese Prozesse zu dekarbonisieren, ist, den grauen Wasserstoff durch grünen zu ersetzen. Dabei können alle Prozesse so weiterlaufen wie bisher und es gibt keine Umstellungsschwierigkeiten oder große Investitionen für neue Infrastruktur. Außerdem gehört diese Branche zu den Sektoren, die sich nur mit Wasserstoff wirklich dekarbonisieren lassen. Und diese Branchen ohne Alternative zum Wasserstoffeinsatz sind es, die beim Hochlauf vorangehen werden.
H₂News: In Lubmin planen mehrere Unternehmen Wasserstoffprojekte – Lhye, H2Apex, Deutsche Regas und so weiter. Wie gestaltet sich das Miteinander?
Cadmus: Inzwischen kennen wir unsere Nachbarn sehr gut. Da gibt es in der Tat eine gewisse Zusammenarbeit, insbesondere bei der Nutzung der Infrastruktur. Wir versuchen zum Beispiel, den Zugang zu dem Netzknoten von 50Hertz für alle zu erleichtern oder bei der Wasseraufbereitung zu kooperieren.
H₂News: Das klingt nicht nach Konkurrenz.
Cadmus: Nein, zum gegenwärtigen Zeitpunkt noch nicht. Es gibt mehr als genug Strom und ausreichend Wasser vor Ort und auch die Pipeline kann mehr aufnehmen, als wir alle zusammen produzieren können. Der Wettbewerb wird dann später bei der Strombeschaffung und Abnahme herrschen, aber bis dahin ist es ja für uns alle noch etwas hin. Hinsichtlich der Elektrolyseverfahren halten wir es für wahrscheinlich, dass wir zu unterschiedlichen Ergebnissen kommen und unterschiedliche Technologien und Anbieter wählen werden. Es gibt auch unterschiedliche Zeitpläne, sodass jeder trotz der freundschaftlichen Gespräche genügend eigenen Gestaltungsspielraum haben wird.

Visualisierung der von PtX Development geplanten Großelektrolyseur-Anlage in Lubmin (© PtX Development)
H₂News: Wie beurteilen Sie die politische Unterstützung für Ihr Projekt?
Cadmus: Wir erleben eine außerordentlich positive Einstellung – von der Gemeinde über alle Behörden bis hin zum Bundeswirtschaftsministerium. Alle setzen sich für unser Projekt ein und begrüßen es. Das betrifft auch die Genehmigungsbehörden, soweit wir mit ihnen in Kontakt stehen.
H₂News: Wie viele Arbeitsplätze werden durch Ihr Projekt in der Region entstehen?
Cadmus: Unsere Elektrolyse ist ja, wenn man so will, eine chemische Fabrik. Es werden also hochqualifizierte Mitarbeiter vor Ort benötigt, um die Anlagen zu betreiben und zu warten. Wir rechnen mit 70 bis 100 Mitarbeitern allein bei uns. Dadurch werden dann natürlich weitere hochqualifizierte Arbeitsplätze in der mittelständischen Wirtschaft geschaffen.
H₂News: Wie sehen Sie derzeit die Zukunft der Branche?
Cadmus: Ich bin sehr optimistisch. Ohne die Umsetzung der Wasserstoffstrategie wird sich die Dekarbonisierung der Industrie nicht umsetzen lassen. Und weil das von allen gewünscht wird, sind wir positiv eingestellt. Wasserstoff ist ein innovativer Bereich – wenn es Deutschland gelingt, hier Know-how aufzubauen, wird das unsere Wirtschaft beleben.
H₂News: Herr Cadmus, vielen Dank für das Interview!
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