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„Die wettbewerbsfähige Wasserstoffproduktion ist der größte Engpass im Hochlauf”

Kyocera setzt auf Hochleistungskeramik als Schlüsseltechnologie für die Wasserstoffwirtschaft. Im Interview erläutert Sven Vogt, wie keramische Komponenten von der Elektrolyse über den Transport bis zur Anwendung extreme Bedingungen meistern – und warum die jahrzehntelange Erfahrung aus Japan dem Unternehmen dabei zugutekommt. Ein Einblick in Materialien, die Haltbarkeit, Effizienz und Sicherheit entlang der gesamten Wertschöpfungskette gewährleisten sollen.

von | 19.12.25

Sven Vogt arbeitet seit April 2021 Market Analyst bei der Kyocera Europe GmbH
© Kyocera Europe GmbH
Kyocera: „Komponenten für die Wasserstoffproduktion sind der größte Engpass im Hochlauf”

H₂News: Herr Vogt, welche Rolle spielt das Unternehmen konkret in der Wasserstoffwirtschaft, und warum ist dieses Feld für Sie strategisch wichtig?

Sven VogtKyocera zählt zu den führenden Unternehmen im Bereich Hochleistungskeramiken und elektronischer Komponenten – zwei Schlüsseltechnologien für die Wasserstoffwirtschaft. Dabei fokussieren wir uns auf die Entwicklung und Optimierung von Materialien für die Elektrolyse, Brennstoffzellen sowie Speicher -und Transportlösungen. Dazu gehören spezifische Komponenten und Materialien für hohe und kryogene Temperaturen und die Wasserstoffatmosphäre. Unsere langjährige Erfahrung in Japan – einem globalen Vorreiter mit der weltweit ersten nationalen Wasserstoffstrategie (2017) – bildet dabei eine solide Grundlage für unsere Innovationskraft und Expertise in diesem Zukunftsfeld. Unser Ziel ist es, neue Wachstumsmärkte in den Bereichen Energie, Mobilität und Industrie zu erschließen und gleichzeitig unseren Beitrag zur Dekarbonisierung zu leisten. Seit vielen Jahren engagieren wir uns schon im ESG-Bereich – dieses Engagement möchten wir weiter ausbauen und mit innovativen Lösungen unterstützen.

H₂News: In der Wasserstofferzeugung – etwa bei Elektrolyseuren – sind Materialien enormen Belastungen ausgesetzt. Welche Kyocera-Komponenten kommen hier zum Einsatz, und welche Vorteile bringen sie in puncto Haltbarkeit und Effizienz?

Vogt: In Elektrolyseuren und anderen Systemen der Wasserstofferzeugung sind die Materialien extremen Bedingungen ausgesetzt – etwa hohen Temperaturen, Druckunterschieden oder korrosiven Gasen. Genau hier spielen unsere Hochleistungskeramiken ihre Stärken aus. Kyocera entwickelt unter anderem keramische Rohre, die sich durch hervorragende Gasdichtheit und thermische Stabilität auszeichnen. Ihre kontrollierte Porosität ermöglicht eine präzise Gasdiffusion und -trennung, während sie zugleich äußerst beständig gegenüber chemischen und korrosiven Einflüssen bleiben. Hinzu kommen ihre hohe mechanische Festigkeit, lange Lebensdauer und flexible Gestaltungsmöglichkeiten in Design und Geometrie – je nach Anwendungsfall.

Siliziumkarbid Keramik Wärmetauschersystem

Siliziumkarbid Keramik Wärmetauschersystem (© Kyocera Europe GmbH)

H₂News: Welche weiteren keramischen Komponenten spielen in der Elektrolyse eine wichtige Rolle?

Vogt: Unsere keramischen Wärmetauscher können für das thermische Management eingesetzt werden. Dank ihrer hohen Temperatur- und chemischen Beständigkeit sowie einer Wärmeleitfähigkeit von bis zu 180 W/mK sorgen sie für effiziente und stabile Prozesse, selbst unter extremen Bedingungen. Darüber hinaus liefern wir Isolatoren, Dichtungen und Trägermaterialien, etwa für Membranen oder Katalysatoren – alles Komponenten, die entscheidend zur Haltbarkeit und Leistungsfähigkeit moderner Wasserstoffproduktionssysteme beitragen. Mit Blick auf kommende Entwicklungen arbeiten wir bereits an weiteren Produkten, die künftig in der Wasserstofferzeugung zum Einsatz kommen werden.

H₂News: Der sichere Transport von Wasserstoff ist eine der großen Herausforderungen. Welche Lösungen oder Materialien aus Ihrem Portfolio unterstützen die Entwicklung von Leitungen, Tanks oder anderen Speichersystemen?

 

Hochdruckkolben

Hochdruckkolben (© Kyocera Europe GmbH)

Vogt: Der sichere Transport und die Lagerung von Wasserstoff stellen eine große technische Herausforderung dar – insbesondere, wenn es um flüssigen Wasserstoff und damit um extreme Temperaturen geht. Kyocera arbeitet hier an verschiedenen Lösungen, die auf unserer langjährigen Erfahrung mit Hochleistungskeramiken basieren. Für kryogene Anwendungen entwickeln wir aktuell spezielle keramische Durchführungen, die auch unter tiefsten Temperaturen zuverlässig abdichten und elektrische Isolation gewährleisten. Bereits im Einsatz sind keramische Kolben und Spalttöpfe als Komponenten für Pumpensysteme. Die Kolben überzeugen durch ihre hohe Verschleißfestigkeit und hervorragenden Gleiteigenschaften, was eine besonders lange Lebensdauer ermöglicht. Die Spalttöpfe wiederum sind nicht magnetisierbar und wirken wärmeisolierend – so werden Verdunstungsverluste minimiert. Gleichzeitig bieten sie eine ausgezeichnete elektrische Isolation.

 

H₂News: Welche weiteren Entwicklungen verfolgen Sie im Bereich Transport und Speicherung?

Vogt: Ein weiteres spannendes Feld sind keramische Substrate, die wir als Trägermaterialien für Katalysatoren anbieten, zum Beispiel für chemische Prozesse, bei denen Wasserstoff aus Transportmedien abgespalten wird. Diese Substrate zeichnen sich durch ihre hohe Korrosionsbeständigkeit und Langlebigkeit aus und sind bereits als Muster verfügbar. Darüber hinaus entwickeln wir Materialien mit besonders hoher Diffusionsbarriere, die den Durchtritt von Wasserstoff effektiv verhindern – ein entscheidender Faktor für die Sicherheit von Tanks und Leitungen. Ergänzend dazu bietet Kyocera auch Lösungen für den Sensorbereich an, unter anderem Druck-, Temperatur- und Gaskonzentrationssensoren speziell für den Wasserstoffeinsatz, sowie entsprechende Komponenten. Ein Beispiel sind unsere keramischen Multilayer-Gehäuse, welche dabei für Schutz und Zuverlässigkeit sorgen – auch unter anspruchsvollen Bedingungen. Insgesamt verfolgen wir das Ziel, den sicheren und effizienten Transport von Wasserstoff entlang der gesamten Wertschöpfungskette mitzugestalten – von der Speicherung bis zur Anwendung

H₂News: Ob in Brennstoffzellen oder industriellen Prozessen: Welche Einsatzbereiche profitieren besonders von Kyoceras Technologien, und wo sehen Sie kurzfristig den größten Bedarf?

Vogt: Aufgrund ihrer Hitze- und Wasserstoffbeständigkeit sind unsere Materialien und Komponenten insbesondere für den Wasserstoffproduktionsprozess nützlich. Bei industriellen Prozessen betrifft dies vor allem Hochtemperaturreaktoren, Reformierung und Ammoniakspaltung. Brennstoffzellen können ebenfalls von unseren Technologien profitieren, unter anderem von keramischen Separatoren, Dichtungen und Sensoren. Kyocera verfügt in diesem Bereich über umfassende Erfahrung – unsere SOFC-KWK-Systeme werden beispielsweise in Japan erfolgreich zur kombinierten Strom- und Wärmeversorgung von Haushalten eingesetzt. Die Nutzung von Wasserstoff für Endanwendungen, wie z. B. in Haushalten oder Autos wird in Japan eher fokussiert als in Europa. Kurzfristig sehen wir vor allem Bedarf für Komponenten in der Wasserstoffproduktion, da dies derzeit einen der größten Engpässe für den Hochlauf der Wasserstoffwirtschaft darstellt. Zudem gilt es, Materialien für Transport- und Speicherlösungen zu entwickeln – sowohl in großem als auch kleinem Maßstab.

H₂News: Der Hochlauf der Wasserstoffwirtschaft hängt stark von der Verfügbarkeit robuster Komponenten ab. Wie stellt Kyocera sicher, dass Ihre Produkte den hohen Anforderungen an Sicherheit, Beständigkeit und Langzeitstabilität gerecht werden?

Vogt: Kyoceras langjährige Erfahrung in der Fertigung von Hochleistungskeramiken gewährleistet Sicherheit, Beständigkeit und Langzeitstabilität. Wir haben höchste und strenge Qualitätskontrollen und Materialtests (z. B. Lebensdauersimulationen) und arbeiten eng mit OEMs und Forschungseinrichtungen zur unabhängigen Validierung zusammen. Darüber hinaus haben wir zertifizierte Fertigungsprozesse, welche auch rückverfolgbar sind.

H₂News: Angesichts aktueller Engpässe bei Skalierung, Infrastruktur und Kosten: Wo können Ihre Technologien besonders dazu beitragen, die Hürden der Wasserstoffwirtschaft zu überwinden?

Vogt: Unsere Technologien können an mehreren Punkten dazu beitragen, die bestehenden Hürden der Wasserstoffwirtschaft zu überwinden. Ein zentraler Aspekt ist der Materialeinsatz: Der Ersatz konventioneller Werkstoffe durch Hochleistungskeramik ermöglicht in vielen Fällen eine Miniaturisierung von Bauteilen – und damit eine potenzielle Reduktion von Kosten und Ressourcenverbrauch. Zugleich profitieren wir als global aufgestelltes Technologieunternehmen von jahrzehntelanger Erfahrung in der Serienfertigung von Hightech-Produkten für unterschiedlichste Industrien – von der Halbleitertechnik über die Medizintechnik bis hin zur Chemieindustrie. Dieses Know-how fließt direkt in unsere Entwicklungen für den Wasserstoffsektor ein. Darüber hinaus bieten wir kundenspezifische Lösungen, die exakt auf die jeweiligen Anforderungen zugeschnitten sind. Als Materialspezialist entwickeln wir kontinuierlich neue Werkstoffe, die speziell auf die Herausforderungen der Wasserstoffindustrie abgestimmt sind – etwa in Bezug auf Temperaturbeständigkeit, Dichtigkeit oder Korrosionsschutz.

H₂News: Kyocera investiert viel in Forschung und Entwicklung. Können Sie uns Einblicke geben, an welchen Innovationen Sie aktuell im Bereich Wasserstoff arbeiten?

Vogt: Wir forschen intensiv an der Weiterentwicklung und Optimierung von Materialien und Produkten, zum Beispiel für flüssigen Wasserstoff. Projektdetails können wir noch nicht bekannt geben. Unser Ziel ist es aber, in den kommenden Jahren neue Innovationen auf den Markt zu bringen.

H₂News: Wo sehen Sie Kyocera in fünf bis zehn Jahren in der globalen Wasserstoffwirtschaft, und welchen Beitrag möchten Sie zum Gelingen der Energiewende leisten?

Vogt: Wir haben ein klares Ziel: Wir möchten der Schlüsselzulieferer für robuste, langlebige Materialien in Wasserstoffsystemen sein. Das bedeutet, dass wir auch unsere globale Präsenz und gute Vernetzung mit den Akteuren in den Wasserstoffmärkten Europa, USA und Asien ausbauen werden. Und ganz übergeordnet wollen wir als Unternehmen durch nachhaltige, skalierbare Technologien die Energiewende unterstützen. Unser Einsatz im Bereich Wasserstoff steht im Einklang mit unserem Engagement für den Umweltschutz, sowie unserer Firmenphilosophie, welche Nachhaltigkeit und ein harmonisches Zusammenleben mit der Natur betont.

H₂News: Herr Vogt, vielen Dank für das Interview!

 

Mehr über Kyoceras Lösungen für die Wasserstoffwirtschaft

 

Bildquelle, falls nicht im Bild oben angegeben:

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