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„LOHC bietet klare Vorteile für den H2-Transport”

Mit der LOHC-Technologie (Liquid Organic Hydrogen Carrier) will das Erlangener Unternehmen Hydrogenious LOHC Technologies eine Brücke zwischen der Erzeugung von Wasserstoff und dessen Nutzung an weit entfernten Orten schlagen. Der COO Dr. Stefan Bürkle erklärt, warum LOHC als Trägermedium Vorteile gegenüber anderen Wasserstoff-Transportoptionen bietet und wie das Unternehmen mit seinem IPCEI (Important Project of Common European Interest) Green Hydrogen @ Blue Danube den kommerziellen Durchbruch schaffen will.

von | 01.08.25

Dr. Stefan Bürkle, Chief Operating Officer bei Hydrogenious LOHC
© Hydrogenious LOHC
„LOHC bietet klare Vorteile für den H2-Transport”
LOHC

Einfache Handhabung: Sowohl das hydrierte als auch das dehydrierte Benzyltoluol lassen sich bei Umgebungstemperatur und -Druck lagern. (© Hydrogenious LOHC)

H₂News: Herr Dr. Stefan Bürkle, was ist LOHC überhaupt?

Dr. Stefan Bürkle: LOHC steht für Liquid Organic Hydrogen Carrier, also ein flüssiger organischer Wasserstoffträger. Es handelt sich dabei um eine ölartige Verbindung, die Wasserstoff in einem katalytischen Prozess chemisch speichern und bei Bedarf wieder freisetzen kann. Der Wasserstoff wird durch eine Hydrierung in den Trägerstoff, bei uns Benzyltoluol, eingebunden. Das mit Wasserstoff „beladene“ LOHC-H wird dann zum Zielort transportiert und kann dort durch eine Dehydrierung wieder aus dem Trägermaterial herausgelöst werden. Dabei bleibt das LOHC-Material unverändert und kann wiederverwendet werden – ähnlich wie eine Pfandflasche, die man nach dem Gebrauch zurückgibt, damit sie neu befüllt werden kann.

H₂News: Wie oft kann ein- und dieselbe Menge an LOHC für den Transport wiederverwendet werden?

Dr. Bürkle: Im Prinzip unendlich oft. Es gibt nur eine minimale Degradation über die Zeit. Um dies auszugleichen, fügen wir regelmäßig eine kleine Ergänzungsmenge – wir nennen das „Make-up” – neu hinzu.

LOHC Konzept

Grafische Darstellung der LOHC-Freisetzungsanlage am Hermann-Josef-Krankenhaus in Erkelenz (NRW) (© Hydrogenious LOHC)

H₂News: Gibt es auch andere Unternehmen, die LOHC-Technologie anbieten, oder sind Sie der einzige Hersteller auf dem Markt?

Dr. Bürkle: Ja, es gibt Konkurrenten auf dem LOHC-Markt. Diese verwenden jedoch andere Liquid Organic Hydrogen Carriers. Zwei prominente Unternehmen verwenden Toluol als Trägermedium. Toluol hat aber entscheidende Nachteile, weil die Freisetzung des Wasserstoffs deutlich höhere Temperaturen erfordert. Ein weiterer Unterschied: Aus unserem Dehydrierprozess kommt bereits 99,9 Prozent reiner Wasserstoff raus, der beispielsweise in der Raffinerie direkt ohne weitere Aufbereitung verwendet werden kann.

H₂News: Für welche Anwendungsfälle eignet sich LOHC besonders, gerade im Vergleich zu anderen Transportoptionen?

Dr. Bürkle: Für die Nutzung von LOHC sind die Skaleneffekte entscheidend. Kleine Projekte funktionieren technisch, sind aber nicht kommerziell sinnvoll. Besonders effektiv ist der Einsatz von LOHC bei Projekten, in denen Wasserstoff vom Hafen ins Hinterland transportiert werden muss. Bei Ammoniak gibt es aufgrund der Toxizität oft Beschränkungen. Ein gutes Beispiel dafür ist unser Projekt am Hermann-Josef-Krankenhaus in Erkelenz. Dort werden wir mit Hilfe von LOHC ein stationäres Brennstoffzellensystem mit Wasserstoff versorgen. Ein Ammoniak-Tank direkt neben einem Krankenhaus wäre undenkbar.

H₂News: Ist LOHC aus Ihrer Sicht die beste Transportoption für Wasserstoff?

Dr. Bürkle: In manchen Use Cases ist sie das. Die einfachste Lösung wäre natürlich der Transport von gasförmigem Wasserstoff ganz ohne Zwischenträger. Das ist aber je nach Herkunft des Gases und der Entfernung zum Verwendungsort nur bedingt wirtschaftlich sinnvoll. Der kostengünstigste grüne Wasserstoff kommt aus Regionen mit hohem Potenzial für Wind- und Solarenergie, die oftmals weit entfernt sind. Für den langen Transportweg braucht man einen Umwandlungsschritt. Und in diesem Fall denke ich, dass LOHC die wirtschaftlichste Transportoption darstellt.

H₂News: Sie haben fast 10 Jahre bei Linde Engineering gearbeitet, einem der weltweit führenden Unternehmen für den Transport von gasförmigem und flüssigem Wasserstoff. Wie bewerten Sie die heutige Trailer-Logistik aus einer wirtschaftlichen Perspektive?

Dr. Bürkle: Der gasförmige Wasserstofftransport in Trailern ist für überschaubare Mengen geeignet. Ein Trailer transportiert etwa 200-300 Kilogramm Wasserstoff. Das erfordert viel Stahl und macht die Lkw-Logistik für kleine Mengen teuer. Für den Hochlauf einer Wasserstoffwirtschaft mit viel größeren Mengen eignet sich das aber nicht. Zum Vergleich: Allein unsere ersten industriellen Anlagen werden etwa 5 Tonnen Wasserstoff pro Tag ein- bzw. ausspeichern können. Das entspräche etwa 20 Trailern Druckwasserstoff täglich! In einem herkömmlichen LKW für den Transport flüssiger Kraftstoffe mit 30 m3 können wir dank unserer LOHC-Lösung hingegen bis zu 1.500 kg Wasserstoff transportieren, würden also nur 3 statt 20 LKW benötigen. Kurz: LOHC verfügt über klare Vorteile in Bezug auf die CO₂-Emissionen und die Transportlogistik verglichen mit gasförmigem Wasserstofftransport.

LOHC Truck

LOHC per LKW: Das flüssige Transportmedium lässt sich in konventioneller Infrastruktur für flüssige Kraftstoffe transportieren. (© Hydrogenious LOHC)

H₂News: Warum setzt Hydrogenius auf LOHC und nicht auf etablierte Wasserstoffträger wie Ammoniak?

Dr. Bürkle: Ammoniak ist hochgiftig und muss wie gasförmiger Wasserstoff gekühlt werden – etwa auf -45 Grad. LOHC verfügt hingegen über ein vergleichbares Gefahrenpotenzial wie Diesel. Es kann ungekühlt und unter Nutzung vorhandener Infrastruktur für Lagerung und Transport von Mineralölprodukten umgeschlagen werden. Das ist neben der toxikologischen und ökologischen Unbedenklichkeit der größte Vorteil. Wir scheuen den direkten Wettbewerb mit Ammoniak also keineswegs.

H₂News: Sie sprechen von einem wirtschaftlichen Wettbewerb – wie unterscheiden sich die Kosten von LOHC und Ammoniak?

Dr. Bürkle: Bei Greenfield-Projekten – bei denen sowohl die Einspeicher- als auch die Ausspeicheranlage komplett neu errichtet werden – sind beide Träger absolut ex-aequo. Das zeigen jüngste Studien unabhängiger Engineering-Kontraktoren. Wenn man aber vorhandene Infrastruktur verwenden kann, haben wir einen wirtschaftlichen Vorteil.

H₂News: Können Sie das konkretisieren?

Dr. Bürkle: Insbesondere beim Import könnte die Mineralölproduktinfrastruktur in großen Häfen wie Rotterdam verwendet werden. Dort gibt es die ideale Infrastruktur, die ad hoc für die Speicherung und den Umschlag unseres LOHC verwendet werden könnte. Die vorhandene Ammoniakinfrastruktur hingegen ist bereits vollständig von der Düngemittelindustrie belegt. Das heißt, dass für den Wasserstofftransport via Ammoniak in jedem Fall ein Neubau von Anlagen erforderlich ist.

H₂News: Ihr bekanntestes Projekt ist wahrscheinlich das IPCEI Green Hydrogen @ Blue Danube. Können Sie dies kurz erläutern?

Hydrogenius - Förderbescheid Übergabe in Erlangen

Wirtschaftsminister Robert Habeck und die bayerischen Staatsminister Hubert Aiwanger und Dr. Florian Herrmann übergeben den Förderzuschuss für das IPCEI Green Hydrogen @ Blue Danube in Höhe von 72,5 Millionen Euro an Dr. Daniel Teichmann, CEO und Gründer von Hydrogenious LOHC Technologies. (© Hydrogenious LOHC / Daniel Karmann)

 Dr. Bürkle: Genau genommen handelt es sich um zwei Projekte. In Dormagen entsteht unsere sogenannte „Storage Plant”, in der Wasserstoff aus der Chloralkalielektrolyse von Covestro in LOHC einspeichert wird. Das beladene Material wird anschließend per LKW zu einer Raffinerie in Süddeutschland transportiert. Im Raum Ingolstadt errichten wir daher eine „Release Plant”, die den Wasserstoff aus dem LOHC wieder freisetzt. Das ist unser erstes kommerzielles End-to-End-Referenzprojekt, mit dem wir nachweisen, dass diese Technologie im industriellen Maßstab funktioniert. 

H₂News: Wie viel Energie benötigt die Freisetzung des Wasserstoffs aus dem LOHC?

Dr. Bürkle: Wir benötigen etwa 11 Kilowattstunden pro Kilogramm Wasserstoff für die Freisetzung. Die führen wir über ein Thermalöl zu, das elektrisch beheizt wird. Das ist relativ teuer – optimal wäre eine Wärmequelle auf einem Temperaturniveau von rund 300 Grad. Hier ergeben sich Synergie-Effekte mit Industrien, in denen bereits eine hohe Prozesswärme anfällt, wie zum Beispiel in Raffinerien oder der Stahlindustrie. Wir erwarten aufgrund der Weiterentwicklung der Katalysatoren außerdem, dass künftig auch niedrigere Temperaturen genügen. Bei der Einspeicherung setzen wir übrigens rund 9 Kilowattstunden pro Kilogramm Wasserstoff frei. In Dormagen erzeugen wir damit Dampf, der gegen eine Gutschrift ins Dampfnetz der Covestro eingespeist wird.

H₂News: Wann soll ihr Blue Danube Projekt in Betrieb gehen?

Dr. Bürkle: In etwa 3 Jahren. Aktuell vergeben wir das Front End Engineering Design. Das FEED soll im September beginnen. Wir rechnen dann damit, dass Mitte oder Ende 2026 die finale Investitionsentscheidung getroffen wird und die Anlage Ende 2027, spätestens Anfang 2028, in Betrieb gehen kann.

LOHC-Lieferkette

Das Projekt Hector im Chempark Dormagen und das IPCEI „Green Hydrogen @ Blue Danube” bilden gemeinsam „LOHC Link”, eine einheitliche und umfassende Wertschöpfungskette für grünen Wasserstoff auf Basis der LOHC-Technologie. (© Hydrogenious LOHC)

H₂News: Wie funktioniert Ihr Geschäftsmodell?

Dr. Bürkle: Langfristig sehen wir uns ausschließlich als Technology Provider. Wir stellen die Technologie im Rahmen einer Lizenzvereinbarung zur Verfügung. Dazu gehören spezielle Ausrüstungsteile wie der Reaktor und der Katalysator.

H₂News: Aber aktuell machen Sie mehr als nur die Lizenzierung?

Dr. Bürkle: Genau. Für den Nachweis der Funktionsfähigkeit unserer Technologie müssen wir einmal die gesamte Prozesskette selbst errichten und betreiben. Das ist klassischer Anlagenbau. Wir sehen uns aber nicht primär als Anlagenbauer, sondern wollen unsere Kunden in erster Linie auf dem Weg der Projektentwicklung bis hin zur Inbetriebnahme und Optimierung ihrer Assets mit hochwertigen Dienstleistungen unterstützen.

H₂News: Welche politischen Rahmenbedingungen braucht die LOHC-Technologie für den Durchbruch?

Dr. Bürkle: Bei entsprechender Größe kommen alle Wasserstoffprojekte, unabhängig vom Trägermedium, in Schlagdistanz zur Wirtschaftlichkeit. Entscheidend sind die entsprechenden Regularien und die Umsetzung der RED III. Die Politik muss klare, langfristige Rahmenbedingungen schaffen, damit Investoren die nötige Planungssicherheit haben.

H₂News: Herr Dr. Bürkle, vielen Dank für das Interview!

 

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