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„Mit Wasserstoff-Zertifizierung lassen sich die Erlöse verdreifachen“

Die Zertifizierung von grünem Wasserstoff ist für Produzenten essenziell – doch die Regulatorik ist komplex. Das Berliner Start-up FuelCert will Unternehmen den Weg durch den Zertifizierungsdschungel bahnen. Im H2Talk erklären die Gründer Katharina Sailer und Johan Grope, wie Zertifizierung funktioniert und warum sie besonders für KMU herausfordernd, aber lukrativ sein kann.

von | 09.07.25

FuelCert wurde Anfang 2025 von Johan Grope und Katharina Sailer gegründet. Gemeinsam blicken die Berater:innen auf 15 Jahre Erfahrung mit erneuerbare Kraft- und Brennstoffen zurück
Foto: Robert Werner (Instagram: @anderenallen)
Sailer

H₂News: Frau Sailer, Herr Grope, wer genau ist FuelCert?

Katharina Sailer: FuelCert ist ein spezialisierter Dienstleister, der für Unternehmen die Dokumentation für die Zertifizierung von erneuerbarem Wasserstoff, Wasserstoffderivaten und Biokraftstoffen übernimmt. Wir sind quasi die Steuerberater:innen in der Welt der Nachweisführung bzw. Zertifizierung von erneuerbaren Kraft- und Brennstoffen. Dafür begleiten wir unsere Kunden entlang der gesamten Nachweisführungskette bis zu den Meldeprozessen des entsprechenden Absatzmarktes – also z.B. die Abwicklung der Treibhausgasminderungsquote.

H₂News: Worin genau besteht Ihre Dienstleistung, und wie verdienen Sie damit Geld?

Sailer: Wir decken die gesamte Bandbreite der RFNBO- und Biokraftstoff-Zertifizierung ab. Das beginnt bei der Dokumentationserstellung für den Zertifizierungsprozess, die dann bei der Prüfstelle eingereicht wird. Ein zentraler Baustein sind die Massen- und Treibhausgasbilanzen, die wir für unsere Kunden erstellen. Anschließend stellen wir die entsprechenden RFNBO- und Nachhaltigkeitsnachweise aus.

Darüber hinaus übernehmen wir die regelkonforme Abwicklung aller Meldepflichten – sei es bei der Quotenstelle oder der deutschen Emissionshandelsstelle DEHSt. Viele Unternehmen sind mit diesen komplexen Anforderungen überfordert, daher bieten wir auch umfassende Beratungsdienstleistungen zu Vermarktungsoptionen, Nachweisführung und den regulatorischen Anforderungen erneuerbarer Kraft- und Brennstoffe an. Ergänzend führen wir Schulungen durch, in denen wir Unternehmen die Zertifizierung und Regulatorik von erneuerbaren Kraft- und Brennstoffen näherbringen.

Johan Grope: Wir bieten Standard-Pakete im Rahmen der Unterstützung bei der Zertifizierung und den Meldeprozessen sowie für Schulungen an. Je nachdem, wie viel der erforderlichen Leistungen unsere Kunden an uns auslagern wollen, können Sie die entsprechenden Pakete modular wählen. Für individuelle Beratungsleistungen erstellen wir entsprechende passgenaue Angebote.

H₂News: Wer sind Ihre wichtigsten Konkurrenten?

Grope: Unsere wichtigsten Konkurrenten im Markt sind derzeit Atmen und GreenTrax. Was Fuelcert jedoch unterscheidet: Wir passen unsere Lösung zu 100 % an die Prozesse und Bedürfnisse unserer Kunden an – und nicht umgekehrt. Zudem setzen wir bewusst zunächst nicht auf ein vollautomatisiertes System, sondern begleiten unsere Kunden in den ersten Projekten persönlich und flexibel, da wir festgestellt haben, dass viele Prozesse noch nicht automatisierbar sind.

H₂News: Hatten Sie schon erste Pilotkunden und -projekte?

Grope: Erste Pilotkunden haben wir bereits erfolgreich begleitet – sie zeigen sich sehr zufrieden und haben bereits ihr Interesse an einer weiteren Zusammenarbeit signalisiert.

Sailer

Der Zertifizierungsprozess umfasst zahlreiche Aktuere (Grafik: FuelCert)

H₂News: Wie funktioniert Zertifizierung?

Sailer: Der Gesetzgeber gibt die Spielregeln vor, nach welchen beispielsweise Wasserstoff als „erneuerbar“ gilt. Die Zertifizierung zeigt auf, dass bzw. ob sich der Produzent an diese Spielregeln hält.

Grope: Zu Beginn findet eine Erstzertifizierung des Produzenten statt. Dafür werden u.a. der Herstellungsprozess initial erfasst und die erforderlichen Qualifikationen und Strukturen im Unternehmen geprüft. Nachdem der Produzent erstmalig diese Zertifizierung erfolgreich durchlaufen hat, kommt es nach sechs Monaten zur Re-zertifizierung. Danach erfolgt die Re zertifizierung in einem jährlichen Turnus.

Die Zertifizierung erfolgt durch eine akkreditierte Prüfstelle auch Zertifizierungsstelle genannt. Der zertifizierte Produzent ist dann berechtigt, Nachhaltigkeitsnachweise über beispielsweise den erzeugten Wasserstoff auszustellen. Diese muss er der zuständigen Behörde, dem Umweltbundesamt und seiner Zertifizierungsstelle vorlegen. Die Zertifizierungsstelle prüft deren Richtigkeit im Laufe des folgenden Zertifizierungsprozesses als Voraussetzung für eine erfolgreiche Re-Zertifizierung.

H₂News: Wieso ist sie so wichtig für den Wasserstoffhochlauf?

Sailer: Aus unternehmerischer Sicht ist die Zertifizierung von erneuerbarem Wasserstoff und dessen Derivaten wichtig, um nachweisen zu können, dass regulatorische Anforderungen in Bezug auf die Nachhaltigkeit und insbesondere die Treibhausgasminderung erfüllt wurden. Die EU gibt der Industrie vor, bis 2030 42% erneuerbaren Wasserstoff oder Wasserstoffderivate überall dort einzusetzen, wo heute grauer Wasserstoff zum Einsatz kommt. Auch im Verkehr gibt es auf europäischer Ebene eine Quote für Wasserstoff und dessen Derivate von mindestens 1 % bis 2030. Aber es ist ebenso ein wichtiges Werkzeug, um von staatlichen Beihilfen wie Subventionen und Fördermitteln oder von CO2-Märkten profitieren zu können.

Grope: Und es hat ganz konkrete monetäre Vorteile: Mit Hilfe der Treibhaugasminderungsquote lassen sich die Erlöse für H2 als Kraftstoff im besten Fall verdreifachen.

Sailer

Der Erlös aus der THG-Quote ist volatil, kann für Produzenten aber sehr attraktiv sein (Grafik: FuelCert)

H₂News: Haben Sie den Eindruck, dass die Nachfrage zunimmt?

Sailer: Ja, die Nachfrage nimmt deutlich zu, seit die RFNBO-Zertifizierung seit Dezember 2024 offiziell möglich ist. Viele Elektrolyseurbetreiber beschäftigen sich schon jetzt mit dem Thema, obwohl viele Anlagen noch gar nicht in Betrieb sind. Gerade im Vorfeld werden häufig Anfragen zur THG-Bilanzierung gestellt, die beispielsweise für Förderanträge entscheidend sein kann.

H₂News: Wie ist es bei den Kunden um das Wissen zum Thema Zertifizierung bestellt?

Grope: Unserer Erfahrung nach ist es vor allem kleine und mittelständige Unternehmen herausfordernd, sich mit der Zertifizierung zu beschäftigen. Das liegt nicht zuletzt auch an den nötigen Ressourcen. Große Produzenten streben meist an, die Dokumentation für die Zertifizierung selbst umzusetzen. Außerdem haben diese Häuser auch oft ihre eigene Public Affairs Abteilung und bleiben somit regulatorisch immer auf dem neusten Stand.

H₂News: Die RED-Kriterien der EU werden in der Branche oft scharf kritisiert. Wie stehen Sie dazu?

Sailer: Wir helfen bei der Umsetzung der aktuellen Vorgaben. Ob die Regelungen sinnvoll sind, müssen andere bewerten.

H₂News: Was sind Ihre nächsten Ziele als Unternehmen?

Grope: Aktuell begleiten wir Kunden hinsichtlich RFNBO noch überwiegend in den ersten Schritten der Nachweisführungskette. Im Bereich der Biokraftstoffe unterstützen wir hingegen bereits bei den Meldeprozessen, wie z.B. der Abwicklung der Treibhausgasminderungsquote oder der Meldung im Rahmen des Brennstoffemissionshandelsgesetzes (BEHG) bei der Deutsches Emissionshandelsstelle. Wir freuen uns, dies zukünftig auch mehr für unsere RFNBO-Kunden machen zu dürfen.

Darüber hinaus nutzen wir unsere Erfahrungen aus den praktischen Projekten, um unsere Dienstleistung effizienter zu gestalten. Wir scheuen uns dabei nicht grundsätzlich vor dem Thema Automatisierung, wollen dies nur zugunsten unserer Kunden sehr überlegt in den Prozess integrieren. Diesbezüglich verfolgen wir auch mit großer Spannung die Entwicklungen bei den Behörden, insbesondere in Bezug auf Register wie die Unionsdatenbank und das Herkunftsnachweisregister des Umweltbundesamtes.

Gerade sind wir außerdem dabei, eine PPAMatching Plattform quasi ein „Tinder für PPAs“ – aufzubauen. Hier sollen PPA-Käufer (z.B. Betreiber von Wärmepumpen, Elektrolyseuren, Industrieunternehmen) die Möglichkeit bekommen, die für Ihre Anforderungen passenden PPA-Angebote zu finden und mit den potenziellen PPA-Anbietern direkt in Kontakt zu treten.

H₂News: Fau Sailer, Herr Grope, vielen Dank für das Interview!

 

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