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„NRW bringt beste Voraussetzungen als Wasserstoff-Knotenpunkt mit“

Im Interview erläutert Dr. Katharina Schubert von der Landesgesellschaft für Energie und Klimaschutz NRW.Energy4Climate, wie sich der Aufbau der Wasserstoffwirtschaft in NRW entwickelt, welche Ziele H2.NRW verfolgt und wie Versorgungssicherheit und Wirtschaftlichkeit Hand in Hand gehen können. Außerdem zeigt sie Leuchtturmprojekte aus der Wasserstoffbranche auf.

von | 23.01.26

Frau Dr. Katharina Schubert ist seit Oktober 2025 Teil der Geschäftsführung von NRW.Energy4Climate
© NRW.Energy4Climate
„NRW bringt beste Voraussetzungen als Wasserstoff-Knotenpunkt mit“

H₂News: Frau Dr. Schubert, NRW gilt als einer der zentralen Industriestandorte Europas. Warum spielt gerade hier der Aufbau einer Wasserstoffwirtschaft eine so wichtige Rolle – und welche strategische Vision verfolgt NRW.Energy4Climate dabei?

Dr. Katharina Schubert: Nordrhein-Westfalen hat das Ziel und die Chance, die erste klimaneutrale Industrieregion Europas zu werden. Dafür sind Wasserstofftechnologien unverzichtbar. Wasserstoff wird gerade in den Bereichen eine entscheidende Rolle spielen, in denen eine Elektrifizierung nicht oder nur schwerlich möglich ist. Ein Beispiel ist die Chemiebranche, in der Wasserstoff als Rohstoff benötigt wird, um Erdgas und Öl zu ersetzen. Auch in der Zement-, Ziegel- und Glasindustrie sowie bei der Stahlherstellung ist eine Defossilisierung aufgrund der speziellen Temperatur-, Prozess- oder Produktanforderungen ohne Wasserstoff kaum möglich.

Um die großen Wasserstoffbedarfe für die energieintensiven Industrieunternehmen vor Ort zu sichern, arbeitet Nordrhein-Westfalen daran, ein zentraler Knotenpunkt für die Wasserstoffwirtschaft in Europa zu werden. Das Land bringt dafür beste Voraussetzungen mit. So wird nicht nur ein großer Teil des Wasserstoffkernnetzes durch Nordrhein-Westfalen verlaufen und absehbar eine Anbindung der ersten Wasserstoffkavernenspeicher erfolgen. Auch die zentrale Lage im European Hydrogen Backbone mit Anbindungen an zukünftige Wasserstoffimportkorridore sowie relevante Seehäfen ist optimal. Hinzu kommt die Vorreiterrolle beim Ausbau der Erneuerbaren Energien, was zusätzlich den Aufbau dezentraler Elektrolyseanlagen für die heimische Wasserstofferzeugung in den Fokus rückt. Und nicht zuletzt besteht auch ein klares politisches Bekenntnis der Landesregierung zur Wasserstoffwirtschaft, was ihren Hochlauf in allen drei Bereichen, also Erzeugung, Transport und Anwendung, unterstützt.

H₂News: Mit der Leitstelle H2.NRW bündelt Ihre Organisation zahlreiche Aktivitäten rund um den Wasserstoff. Können Sie uns erläutern, welche konkreten Aufgaben und Ziele diese Leitstelle hat?

Dr. Schubert: Die bei NRW.Energy4Climate angesiedelte Wasserstoffleitstelle H2.NRW ist die zentrale Anlaufstelle des Landes für die Wasserstoffwirtschaft in Nordrhein-Westfalen. Die Angebote richten sich insbesondere an Unternehmen, Kommunen, Infrastrukturbetreiber, Mobilitätsanbieter und Wasserstoffproduzenten. Unser Team hilft beispielsweise bei der Suche nach passenden Fördermöglichkeiten, bei Projektinitiierungen sowie bei der Vernetzung und dem Transfer von Wissen. Außerdem informieren wir zu neuen Entwicklungen, Projekten, Veranstaltungen und Initiativen und stellen Praxisbeispiele dar, um die Umsetzung anderer und neuer Vorhaben zu erleichtern. Ausgewählte Leuchtturmprojekte mit Vorbildcharakter erhalten Unterstützung etwa bei der Optimierung von Konzeptentwürfen oder durch die Vermittlung relevanter Kooperationspartner. Darüber hinaus entwickelt das Team konkrete Vorschläge, um den Hochlauf der Wasserstoffwirtschaft gezielt zu beschleunigen und fungiert als fachlicher Ansprechpartner für die nordrhein-westfälische Landesregierung.

H₂News: Der Aufbau einer funktionierenden Wasserstoffinfrastruktur – von der Produktion über Transport bis zur Anwendung – ist ein komplexes Vorhaben. Wo sehen Sie derzeit die größten Herausforderungen und Chancen für NRW?

Dr. Schubert: In den letzten Jahren wurden einige entscheidende Meilensteine gemeistert. Mit der Genehmigung des Wasserstoffkernnetzes hat Deutschland sich an die Spitze des Wasserstoffinfrastrukturausbaus in Europa gesetzt. Inzwischen sind die ersten Leitungen schon betriebsbereit. Auch großskalige Elektrolyseure sind derzeit in Planung oder schon in Betrieb, ebenso wie erste große Wasserstoffspeicher.

Die derzeit größte Herausforderung liegt in der Diskrepanz zwischen den aktuellen Wasserstoffpreisen und der Zahlungsfähigkeit der Abnehmer. Mit den CO2-Differenzverträgen – früher Klimaschutzverträgen – der Bundesregierung gibt es passende Instrumente, diesen Preisunterschied in der Anfangszeit zu überbrücken. Mittelfristig müssen wir jedoch die Wirtschaftlichkeitslücke zwischen klimaneutralem Wasserstoff und fossilen Energieträgern überwinden, um die Wettbewerbsfähigkeit zu sichern. Eine Schlüsselrolle spielen dabei sogenannte Leitmärkte: Wenn in Ausschreibungs- und Beschaffungskriterien die CO2-Intensität eines Produktes als Zuschlagskriterium mindestens genauso wichtig wird wie der Preis, kann dieses Nachfragesignal viele der aktuellen Hemmnisse abbauen. Im Endprodukt ist der Preisunterschied meist marginal, in der Herstellung der Grundstoffe wie Stahl, Zement oder Glas entscheidet er aber über Wettbewerbsfähigkeit oder Bankrott. Gerade in der öffentlichen Beschaffung liegt ein enormer Hebel.

Grundsätzlich liegt die große – unbedingt zu nutzende – Chance darin, dass wir dank der guten Anbindung an das Kernnetz, eine wachsende regionale Wasserstoffproduktion sowie den leistungsfähigen nordrhein-westfälischen Anlagenbau industrielle Prozesse defossilisieren und gleichzeitig Produzent von grünen Produkten werden. Auf dieser Grundlage können wir die Wirtschaft zukunftsfähig aufstellen, langfristig Arbeitsplätze sichern und Wertschöpfung dauerhaft in den Regionen halten.

H₂News: Zahlreiche Projekte wie RH2INE oder regionale H2-Hubs sind bereits gestartet. Welche Leuchtturmprojekte zeigen aus Ihrer Sicht exemplarisch, wie Wasserstoff die Transformation von Industrie und Mobilität voranbringen kann?

Dr. Schubert: Ein Projekt, das ich hier herausstellen möchte und das wir als Landesgesellschaft auch eng begleiten, ist das der Klinkermanufaktur Janinhoff. Das Münsteraner Familienunternehmen zeigt eindrucksvoll, wie die traditionelle Ziegelproduktion mit dem Umstieg auf grünen Wasserstoff zukunftsfähig werden kann. Und es macht anderen Mut: Klimaneutral werden und dabei die Wettbewerbsfähigkeit stärken, ist machbar – in der energieintensiven Industrie, im Mittelstand und gerade in Nordrhein-Westfalen.

Auf der Produktionsseite wiederum kann ich den Trailblazer in Oberhausen und das Projekt REFHYNE in Wesseling nennen. Sie gehören zu den ersten in Deutschland, die grünen Wasserstoff für lokale Industrien oder die Mobilität verfügbar machen. Im Brainergy Park Jülich wird ebenfalls gerade ein Elektrolyseur fertiggestellt. Er soll die Brennstoffzellenbusse vor Ort mit Wasserstoff versorgen.

Weitere Beispielprojekte für Wasserstoffmobilität laufen im Kölner Umland, in Düsseldorf und in Wuppertal. In Wuppertal und bald auch in Düsseldorf werden die Elektrolyseure direkt mit Strom aus dem Müllheizkraftwerk betrieben.  Mit dem Projekt „Schlafender Riese“ befindet sich in Lichtenau zudem ein vom Land Nordrhein-Westfalen gefördertes Projekt in der Umsetzung, das insbesondere das Zusammenspiel aus regionaler Windenergie und der Wasserstoffproduktion in den Fokus stellt. Ich könnte noch zahlreiche weitere Vorhaben aus allen Regionen Nordrhein-Westfalens aufführen. Es geht – auch wenn die Berichterstattung zuletzt eher weniger optimistisch war – an vielen Stellen voran.

H₂News: Die Nachfrage nach grünem Wasserstoff wird in den kommenden Jahren stark steigen. Wie kann es gelingen, Versorgungssicherheit und Wirtschaftlichkeit gleichzeitig sicherzustellen?

Dr. Schubert: Entscheidend ist, dass wir zeitnah ein klares Bild der tatsächlichen Wasserstoffbedarfe erhalten. In einigen Anwendungsbereichen steht bereits heute fest, dass kein Weg am Wasserstoffeinsatz vorbeiführt. Hier lassen sich jetzt schon mögliche Bedarfe für Verteilnetzinfrastrukturen herleiten, was insbesondere die Versorgungssicherheit unterstützt und die Infrastruktur planbar macht. Wichtig ist, sicherzustellen, dass Wasserstoff zur Verfügung steht, wenn die Transformation bei den Abnehmern Fahrt aufnimmt. Gleichzeitig sind auch dezentrale Lösungen erforderlich, insbesondere für Unternehmen und Regionen ohne Aussicht auf einen Netzanschluss. Durch gute Abstimmung und ein erfolgreiches Zusammenspiel mit den Erneuerbaren Energien vor Ort lässt sich aber auch hier die Versorgung sicherstellen.

Um die Wirtschaftlichkeit sicherzustellen, benötigt die Wasserstoffwirtschaft gerade in der Aufbauphase gezielte Unterstützungsmaßnahmen. Bestehende Instrumente wie die CO2-Differenzverträge setzen hier genau an der richtigen Stelle an: Sie verringern Investitionsrisiken, schließen temporäre Wirtschaftlichkeitslücken und schaffen so die Grundlagen für den Einsatz von grünem Wasserstoff in der Industrie – gerade für Leuchtturmprojekte und sogenannte First Mover. Ergänzend werden die bereits genannten Leitmärkte zentral sein, um privates Kapital zu mobilisieren und CO2-arme Produkte langfristig ohne staatliche Förderung am Markt zu etablieren.  Durch die öffentliche Beschaffung kann eine zuverlässige Wasserstoffnachfrage geschaffen werden.  Das fördert Versorgungssicherheit und Wirtschaftlichkeit gleichermaßen.

H₂News: Frau Dr. Schubert, vielen Dank für das Interview!

 

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