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„Oberflächennahe Wasserstoffleitungen kombinieren Transparenz und Sicherheit”

Birco, ein Hersteller von Entwässerungssystemen, erobert den Wasserstoffmarkt: Das Unternehmen adaptiert seine Rinnensysteme für die Führung von Wasserstoffleitungen an Tankstellen. Statt auf unterirdische Verlegung zu setzen, verfolgt Birco einen oberflächennahen Ansatz. Im Interview erläutern Marian Dürrschnabel und Andreas Sitter, wie aus der Kernkompetenz Entwässerung eine Schlüsseltechnologie für die H₂-Infrastruktur wurde.

von | 26.09.25

Marian Dürrschnabel (Leitung Produktmanagement/Forschung & Entwicklung) und Andreas Sitter (Verkaufsleitung Deutschland/Leitung Marketing)
© Birco
„Oberflächennahe Wasserstoffleitungen kombinieren Transparenz und Sicherheit”

H₂News: Herr Dürrschnabel, Herr Sitter, Birco ist traditionell für Entwässerungssysteme bekannt. Wie kamen Sie dazu, Ihre Rinnensysteme für Wasserstoffleitungen zu adaptieren?

Marian Dürrschnabel: Unsere Kernkompetenz liegt seit Jahrzehnten darin, hochbelastbare, modulare Rinnensysteme für die Oberflächenentwässerung zu entwickeln. Schon früh haben wir erkannt, dass diese Bauweise sich auch hervorragend für den Schutz und die Führung von Versorgungsleitungen eignet – daraus entstand Bircocanal. Mit dem Aufkommen der Wasserstoffmobilität war der Schritt logisch: Leitungen mit höchsten Sicherheitsanforderungen benötigen eine robuste, zugängliche und gleichzeitig flexible Infrastruktur. Unser vorhandenes Know-how konnten wir somit konsequent auf den Bereich H₂ übertragen.

Luftaufnahme Waiblingen

Luftaufnahme Waiblingen (© Birco)

H₂News: In Waiblingen setzen Sie auf oberflächennahe Gasführung statt unterirdischer Verlegung. Welche technischen Vorteile bietet diese Lösung konkret?

Andreas Sitter: Die oberflächennahe Gasführung kombiniert Transparenz und Sicherheit: Leitungen sind jederzeit zugänglich und kontrollierbar. Leckagen oder Druckverluste können so schneller erkannt werden, was bei Wasserstoff ein wesentlicher Sicherheitsaspekt ist. Zudem vereinfacht die oberflächennahe Bauweise Wartung und Reparatur erheblich – ohne Tiefbauarbeiten, die kosten- und zeitintensiv wären. Auch Anpassungen im laufenden Betrieb sind flexibler möglich.

H₂News: Wie überzeugen Sie skeptische Planer, die aus Sicherheitsgründen lieber „unter die Erde” gehen würden?

Sitter: Zunächst räumen wir mit einem Missverständnis auf: oberflächennahe Verlegung heißt nicht „unbewacht“. Im Gegenteil – unsere Systeme sind so konzipiert, dass austretender Wasserstoff durch offene Abdeckungen sofort nach oben entweichen kann, anstatt sich unbemerkt im Erdreich zu sammeln. Damit wird ein potenzielles Gefahrenmoment sogar minimiert. Entscheidend ist die Kombination aus baulicher Robustheit und einfacher Zugänglichkeit.

H₂News: Ihre Bircocanal-Rinnen müssen Drücke von 350 bis 700 bar sicher handhaben. Welche besonderen Anforderungen stellt Wasserstoff an Ihre Systeme?

Dürrschnabel: Die extremen Druckstufen liegen innerhalb der Leitungen – unsere Aufgabe ist es, die Rohrsysteme sicher zu führen und gleichzeitig die Umgebung zuverlässig zu schützen. Wasserstoff ist ein sehr flüchtiges Molekül, daher spielt die kontrollierte Entlüftung eine zentrale Rolle. Unsere Rinnenkörper bestehen aus hochfestem Beton, kombiniert mit präzise gefertigten Abdeckungen aus Guss. Sie gewährleisten mechanische Stabilität, Lastaufnahme (z. B. bei Tankstellenverkehr) und definierte Austrittsmöglichkeiten für Gas im Notfall. Somit schaffen wir eine zusätzliche Sicherheitsebene rund um die eigentliche Leitung.

BIRCOcanal

BIRCOcanal (© Birco)

H₂News: Sie verwenden offene Doppelsteg-Gussabdeckungen, damit Wasserstoff entweichen kann. Wie balancieren Sie dabei Sicherheitsanforderungen mit praktischen Aspekten wie Witterungsschutz oder Vandalismus aus?

Dürrschnabel: Unsere Entscheidung für offene Gussabdeckungen ist ein bewusstes Sicherheitskonzept: Im unwahrscheinlichen Havariefall muss austretender Wasserstoff sofort kontrolliert nach oben entweichen können – und genau das ermöglichen die Abdeckungen. Gleichzeitig ist die Rinnengeometrie so ausgelegt, dass Regen- oder Oberflächenwasser, das durch die Öffnungen eindringt, gezielt abgeführt wird. Damit bleibt die Funktionsfähigkeit des Systems auch bei Witterungseinflüssen gewährleistet. Ebenso sind die gasführenden Leitungen ein in sich witterungsgeschütztes System. Ein weiterer wichtiger Aspekt ist der Schutz vor unbefugtem Zugriff: Durch das Verschrauben der Abdeckungen stellen wir sicher, dass die Leitungen nicht manipuliert werden können und Vandalismus wirksam verhindert wird. So erreichen wir eine ausgewogene Kombination aus maximaler Sicherheit, technischer Robustheit und Praxistauglichkeit im Betrieb.

H₂News: GP Joule setzt bei allen H₂-Projekten auf Birco-Rinnen. Wie haben Sie diese Partnerschaft aufgebaut?

Sitter: GP Joule ist ein innovativer Partner mit hohem Qualitätsanspruch. Schon in frühen Projektphasen haben wir gemeinsam Lösungsansätze diskutiert und dabei festgestellt, dass unsere Systeme optimal zu den Anforderungen an Wasserstofftankstellen passen. Durch diese enge Zusammenarbeit – von der Planung bis zur Umsetzung – hat sich eine Partnerschaft entwickelt, die auf Vertrauen, Zuverlässigkeit und Innovation basiert. Wir freuen uns, dass GP Joule konsequent auf Bircocanal setzt.

Tankstelle Niebüll (© Birco)

H₂News: Ist GP Joule ein Einzelfall oder etablieren Sie systematisch Kooperationen mit H₂-Projektierern?

Sitter: Die Idee, Bircocanal für die sichere Führung von Wasserstoffleitungen einzusetzen, kam ursprünglich von GP Joule. Damit waren sie ein wichtiger Impulsgeber für uns und sind bis heute ein sehr bedeutender Partner. Diese enge Zusammenarbeit hat uns wertvolle Einblicke in die speziellen Anforderungen von H₂-Projekten gegeben. Natürlich sehen wir, dass das Potenzial für vergleichbare Anwendungen wächst und dass die Nachfrage nach sicheren und flexiblen Leitungssystemen zunimmt. Deshalb prüfen wir laufend neue Einsatzmöglichkeiten und entwickeln unser System konsequent weiter.

H₂News: Der Wasserstoffmarkt wächst rasant, aber die Projekte sind noch sehr individuell. Wie schaffen Sie es, mit einem modularen Standardsystem maßgeschneiderte Lösungen anzubieten?

Dürrschnabel: Die Stärke von Bircocanal liegt in seiner Modularität. Wir bieten standardisierte Bauelemente in unterschiedlichen Größen, Belastungsklassen und Ausstattungsvarianten, die sich flexibel kombinieren lassen. Auf dieser Basis entwickeln wir projektspezifische Lösungen – von der Dimensionierung über die Abdeckung bis hin zu Sonderanschlüssen. So erhalten unsere Kunden ein System, das sowohl industriell erprobt als auch individuell zugeschnitten ist.

H₂News: Birco gehört zur Schweizer Müller-Steinag Gruppe und ist europaweit aktiv. Welche Rolle spielt der internationale Markt für Ihre H₂-Aktivitäten?

Sitter: Der Bedarf an Wasserstoff-Infrastruktur ist ein europäisches Thema. Durch die Zugehörigkeit zur Müller-Steinag Gruppe können wir auf ein starkes Netzwerk, internationale Kontakte und Produktionskapazitäten zurückgreifen. Das verschafft uns die Möglichkeit, auch außerhalb Deutschlands Projekte zu begleiten. Perspektivisch wird der internationale Markt eine zentrale Rolle spielen, da der Aufbau einer H₂-Infrastruktur nur grenzüberschreitend gedacht werden kann.

H₂News: Sehen Sie Deutschland als Vorreiter in Sachen Wasserstoff-Mobilität/-Infrastruktur, oder sind andere Länder bereits weiter?

Sitter: Deutschland nimmt zweifellos eine Vorreiterrolle ein, insbesondere durch politische Förderprogramme und eine hohe Dichte an Pilotprojekten. Gleichzeitig beobachten wir, dass Länder wie die Niederlande, Frankreich oder auch Skandinavien in einzelnen Bereichen sehr pragmatisch und schnell agieren. Wir sehen den Markt daher weniger als Wettbewerb, sondern als gemeinsames Lernfeld: Je mehr internationale Best Practices entstehen, desto schneller etabliert sich Wasserstoff als weitere Mobilitäts- und Energiesäule.

H₂News: Herr Dürrschnabel, Herr Sitter, vielen Dank für das Interview!

 

Mehr über den Bircocanal

 

Bildquelle, falls nicht im Bild oben angegeben:

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