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Toyota: „Wasserstoff-Mobilität darf nicht auf 100 % grünen Wasserstoff warten“

Im exklusiven H₂News-Interview erklärt Ralph Müller, Pressesprecher Technik & leichte Nutzfahrzeuge bei Toyota, welche Rolle Wasserstoff heute in der Antriebsstrategie des Konzerns spielt und warum der Technologieoffenheit dabei entscheidende Bedeutung zukommt.

von | 05.12.25

Ralph Müller, Pressesprecher Technik & leichte Nutzfahrzeuge bei Toyota
Quelle: Toyota
Wasserstoff-Mobilität darf nicht auf 100 % grünen Wasserstoff warten

H₂News: Herr Müller, Toyota gilt als Pionier der Brennstoffzellentechnologie. Welche Rolle spielt Wasserstoff heute in der Gesamtstrategie des Unternehmens – insbesondere im Vergleich zu batterieelektrischen Lösungen?

Ralph Müller: Wasserstoff ist für Toyota eine Säule der sogenannten Mulipath-Antriebstechnologie, was letztlich Technologieoffenheit bedeutet. Toyota hat sowohl Brennstoffzellen für mobile und stationäre Anwendungen um Portfolio, wobei hier der Wasserstoff gasförmig bei 350/700 bar gespeichert wird. Im Rennsport wird derzeit in verschiedenen Projekten Wasserstoff in flüssiger Form gespeichert (bei -253°C) und in optimierten Hubkolbenmotoren verbrannt.

H₂News: Wie hat sich die Brennstoffzellen-Technologie von Toyota seit dem ersten Mirai weiterentwickelt, und welche zentralen Innovationssprünge konnten erzielt werden?

Ralph Müller: Von der ersten Generation Brennstoffzellen (eingesetzt u.a. im Mirai von 2015 bis 2020 zur 2. Generation (eingesetzt im Mirai von 2020 bis heute) konnte eine Leistungssteigerung bei gleichzeitiger Reduzierung der Baugröße und Kostenreduktion erzielt werden (der Listenpreis des Mirai der 2. Generation ist mehr als 10.000 Euro günstiger gegenüber er 1. Generation!). Die 3. Generation Brennstoffzellen (voraussichtlich ab 2028) wird noch einmal kompakter, effizienter und deutlich kostengünstiger.

H₂News: Toyota arbeitet zunehmend auch an wasserstoffbetriebenen Lkw, Bussen und sogar Motorsportprojekten. Welche Erkenntnisse lassen sich aus diesen Bereichen für die Serienentwicklung ableiten?

Ralph Müller: Aktuell sind Lkw 40-Tonner mit Brennstoffzellenantrieb von Toyota im Alltagsbetrieb in der Erprobung: Einer der Erkenntnis für diesen Bereich ist, dass es unterschiedliche Anforderung seitens der Speditionen hinsichtlich der Größe der Fahrerkabine gibt (mit/ohne Schlafkabinen) und hinsichtlich der Abwägung Nutzlast/Reichweite gibt. So ist geplant, künftig Tanks mit 350 bar oder 700 bar anzubieten, was verschiedene Kombinationen hinsichtlich Fahrerkabine/Schlafkabine, Reichweite und Nutzlast bietet.

H₂News: In Le Mans wurde zuletzt ein mit flüssigem Wasserstoff betriebener Rennwagen vorgestellt. Wie bewertet Toyota das Potenzial dieser Technologie für den breiten Einsatz?

Ralph Müller: Flüssiger Wasserstoff bedingt eine Lagerung bei extrem niedrigen Temperaturen (-253°C). Selbst bei aufwändiger Isolationstechnik muss der Wasserstoff zeitnah entnommen werden, um ein (kontrolliertes) Ablassen durch die Erwärmung und den Übergang in den gasförmigen Zustand (Drucksteigerung) zu vermeiden. Das prädestiniert diese Form der Verwendung für „schnelle Anwendungen“, wie z.B. Rennsport oder den Lkw-Fernverkehr.

H₂News: Toyota kooperiert weltweit mit Partnern wie BMW, Hino oder Air Liquide. Welche Ziele verfolgt das Unternehmen mit diesen Allianzen – und wo liegen die größten Synergieeffekte?

Ralph Müller: Kooperationen senken die Stückkosten und erhöhen die Marktdurchdringung. Dadurch wird ein Hochlauf dieser Technologie begünstigt.

H₂News: Die Verfügbarkeit von Wasserstofftankstellen gilt weiterhin als Engpass. Welche Rolle spielt Toyota beim Aufbau oder der Unterstützung einer H₂-Infrastruktur – insbesondere in Europa und Deutschland?

Ralph Müller: Toyota engagiert sich beim Aufbau von Wasserstoffinfrastrukturen, indem es Partnerschaften eingeht, Projekte unterstützt und die Wasserstofftechnologie durch seine eigene Fahrzeugproduktion vorantreibt. Toyota arbeitet mit Partnern zusammen, um die Entwicklung und den Ausbau von Wasserstofftankstellen zu beschleunigen. So wurde z.B. die Twin-Mid-Flow-Technologie entwickelt, die eine Zapfpistole mit höherem Durchfluss einsetzt. Die Partner Hydrogen Refueling Solutions und ENGIE entwickeln hierzu kompatible Wasserstofftankstellen, die im Rahmen des RHeaDHy-Projekts getestet werden.

H₂News: Wie stellt Toyota sicher, dass der verwendete Wasserstoff tatsächlich „grün“ ist und aus erneuerbaren Quellen stammt?

Ralph Müller: Das Ziel von Toyota ist es, dass nur grün produzierter Wasserstoff zur Anwendung kommt, was zurzeit aufgrund der frühen Hochlaufphase der Wasserstofferzeugung nicht überall sichergestellt werden kann. Andererseits ist es nicht zielführend, mit der Verbreitung von Wassertoff-Mobilitätslösungen zu warten, bis nur 100% grüner Wasserstoff verfügbar ist („Henne-Ei-Problem“). Aber: Bis 2028 soll das gesamte Netz von H2 MOBILITY mit ausschließlich grünem Wasserstoff nach EU-Standard betrieben werden.

H₂News: Welche Kundensegmente oder Einsatzbereiche sieht Toyota derzeit als besonders vielversprechend für Wasserstofffahrzeuge an?

Ralph Müller: Kurz-/mittelfristig zeigt der Nutzfahrzeugsektor ein großes Potenzial. Die Alternative Fuels Infrastructure Regulation der EU („AFIR“) unterstützt diese Tendenz. Diese Verordnung sieht vor, dass bis Ende 2030 entlang des europäischen transeuropäischen Verkehrsnetzes (TEN-V) alle 200 Kilometer eine öffentliche Wasserstofftankstelle errichtet werden muss. Zusätzlich soll an jedem städtischen Knotenpunkt mindestens eine solche Tankstelle entstehen.

H₂News: Wo steht Toyota nach Ihrer Einschätzung im Jahr 2030 beim Thema Wasserstoff – sowohl technologisch als auch marktwirtschaftlich?

Ralph Müller: Aufgrund des Umstandes, dass der Erfolg von Wasserstoff im Mobilitätssektor von vielen Faktoren und Playern abhängig ist, kann hierzu zurzeit keine belastbare Aussage getroffen werden. Toyota hält an seinen Zielen fest (Klimaneutralität in Europa bis 2040; weltweit bis 2050). Und dazu gehören auch Wasserstofflösungen.

Bildquelle, falls nicht im Bild oben angegeben:

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