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„Wasserstoff braucht verlässliche Rahmenbedingungen und mutige Erstnutzer“

400 Kilometer Erdgasleitung, umgestellt auf Wasserstoff – was klingt wie Zukunftsmusik, ist bei Gascade bereits Realität. Mit dem Programm Flow – making hydrogen happen hat der Fernleitungsnetzbetreiber 2025 einen Schlüsselabschnitt des deutschen Wasserstoff-Kernnetzes in Betrieb genommen: von Lubmin bis ins mitteldeutsche Bobbau. Im exklusiven Interview mit H₂News erklärt Dirk Flandrich, Senior Program Manager Hydrogen, warum bestehende Infrastruktur der unterschätzte Trumpf im Wasserstoff-Hochlauf ist, welche Industrien als erste Abnehmer bereitstehen und was es braucht, damit der Aufbau des Wasserstoff-Kernnetzes in Deutschland gelingt.

von | 29.05.26

Dirk Flandrich ist seit September 2022 Senior Program Manager Hydrogen bei der Gascade Gastransport GmbH
Dirk Flandrich, Gascade: „Wasserstoff braucht verlässliche Rahmenbedingungen und mutige Erstnutzer“ Wasserstoff-Kernnetz

H₂News: Herr Flandrich, wie ist das Programm Flow – making hydrogen happen entstanden?

Dirk FlandrichDas Programm Flow – making hydrogen happen ist aus der sehr frühen Erkenntnis entstanden, dass der Wasserstoff-Hochlauf nur dann funktioniert, wenn wir bestehende Gasinfrastruktur konsequent einbeziehen. Bereits vor mehreren Jahren haben wir bei Gascade analysiert, welche unserer Nord-Süd-Leitungen technisch und geografisch prädestiniert sind, um große Mengen Wasserstoff zu transportieren. Daraus ist gemeinsam mit Ontras und Terranets bw das Programm entstanden.

H₂News: Welche Meilensteine hat das Projekt von der ersten Idee bis zur initialen Wasserstoff-Befüllung durchlaufen?

Flandrich: Am Anfang standen Machbarkeitsstudien und Materialuntersuchungen, gefolgt von der Einbindung in die nationale Wasserstoff-Netzplanung. Ein zentraler Meilenstein war die Entscheidung, mit welchem Leitungsabschnitt wir starten. Diese Wahl legte den Grundstein für den gesamten Korridor. Technologisch prägend war schließlich die erfolgreiche Begasung eines ersten 14-Kilometer-Abschnitts. Später haben wir die nächsten Abschnitte auf über 120 Kilometer ausgedehnt. Mit der initialen Wasserstoff-Befüllung der insgesamt rund 400 Kilometer langen Trasse in 2025 haben wir dann den Übergang von der Planung in den realen Betrieb vollzogen.

H₂News: Welche regulatorischen Hürden mussten sie vor Inbetriebnahme überwinden, und wie lief das Genehmigungsverfahren durch die Bundesnetzagentur ab? 

Flandrich: Genehmigungsseitig lag die Herausforderung vor allem darin, dass wir Neuland betreten haben. Wasserstoff-Leitungen dieser Dimension gab es in Deutschland bislang nicht. Die Bundesnetzagentur hat das Kernnetz genehmigt und mit den Netzbetreibern sehr konstruktiv zusammengearbeitet. Für die Erweiterung der bestehenden Planfeststellungsbeschlüsse auf Wasserstoff waren bei den zuständigen Behörden der Nachweis der technischen Sicherheit, die klare Trennung von Erdgas- und Wasserstoff-Betrieb sowie die Einbettung in das Wasserstoff-Kernnetz entscheidend. Insgesamt waren die Verfahren anspruchsvoll, aber sachlich und lösungsorientiert.

(© Gascade)

H₂News: Aus welchen Leitungsabschnitten setzt sich die umgestellte 400-km-Trasse zusammen?

Flandrich: Die rund 400 Kilometer, die 2025 auf Wasserstoff umgestellt wurden, bestehen aus der OPAL-Nord von Lubmin bis Radeland südöstlich von Berlin sowie einem anschließenden Abschnitt der JAGAL-Leitung von Radeland bis in den Raum Bobbau bei Bitterfeld. Diese Kombination bildet den nördlichen Startpunkt des Flow-Korridors.

H₂News: Welche technischen Anpassungen waren erforderlich, um die Erdgasleitung für den Wasserstofftransport tauglich zu machen?

Flandrich: Die gute Nachricht ist: Die Leitungen und Anlagen im Netz selbst waren schon wasserstofftauglich. Technologisch neu war insbesondere das Verfahren zur Begasung, also der kontrollierte Austausch von Erdgas durch Wasserstoff, das wir eigens simuliert und entwickelt haben.

H₂News: Wie viel günstiger ist die Umrüstung bestehender Leitungen im Vergleich zu einem Neubau und welche Kostentreiber haben Sie dabei überrascht?

FlandrichWir bewegen uns bei der Umstellung deutlich unter den Kosten eines Neubaus. Grob gesagt ist die Umstellung bestehender Leitungen um den Faktor fünf bis sieben günstiger. Kostentreiber waren weniger die Rohre als vielmehr Umbauten an Stationen und temporäre technische Lösungen wie mobile Einspeiseanlagen.

H₂News: Wie wird die Wirtschaftlichkeit des Betriebs sichergestellt, wenn der Wasserstoffmarkt sich noch im Hochlauf befindet und die Auslastung zunächst gering ist?

Flandrich: Das Wasserstoff-Kernnetz ist bewusst als Vorausleistung konzipiert. Die Wirtschaftlichkeit entsteht langfristig durch Skalierung. Kurzfristig helfen regulierte Netzentgelte und das Instrument des Amortisationskontos sowie die schrittweise Anbindung von Produzenten und Abnehmern. Das Amortisationskonto sichert ein relativ konstantes Netzentgelt, das über Jahrzehnte die Wirtschaftlichkeit erzielen soll, ohne am Anfang durch hohe Kosten prohibitiv zu sein. Deshalb können Netzbetreiber in Vorleistung gehen. Unser Ziel ist es, Angebot und Nachfrage zeitlich so zusammenzuführen, dass die Leitungen schnell genutzt werden.

H₂News: Welche Rolle spielt der Standort Lubmin als nördlicher Einspeisepunkt, und welche weiteren Einspeisepunkte entlang der Trasse sind geplant?

Flandrich: Lubmin ist ein Schlüsselstandort sowohl für heimische Elektrolyseprojekte als auch perspektivisch für Importe aus dem Ostseeraum über den Baltic Sea Hydrogen Collector (BHC): Dieser soll Wasserstoff aus Finnland und dem Baltikum nach Deutschland bringen. Hinzu kommt die Anbindung der Region des Rostocker Hafens mit ihren Elektrolyse- und Importprojekten.

H₂News: Wie groß ist die prognostizierte jährliche Transportkapazität der 400-km-Trasse, und welche Auslastungsziele verfolgen Sie bis 2030?

Flandrich: Die Trasse ist auf mehrere zehn Terawattstunden pro Jahr ausgelegt. Bis 2030 rechnen wir mit einem sukzessiven Hochlauf; nicht mit Volllast von Beginn an, aber mit einer stabil steigenden Auslastung parallel zum Hochlauf der Industrie.

(© Gascade)

H₂News: Welche Industriesektoren stehen als erste Abnehmer der transportierten Wasserstoffmengen bereit, und gibt es bereits konkrete Lieferverträge?

FlandrichAls Netzbetreiber stellen wir die Infrastruktur bereit und schaffen für Händler und Importeure so die Möglichkeit, Wasserstoff zu Abnehmern zu transportieren. Im Fokus stehen industrielle Großabnehmer aus der Stahl-, Chemie- und Raffinerieindustrie. Besonders im Osten Deutschlands, wo wir 2025 mit den Umstellungen begonnen haben, aber auch entlang des Rheins im Westen, gibt es sehr konkrete Bedarfe. Erste Reservierungsverträge für unsere Transportkapazitäten konnten wir bereits abschließen. Wie auch im Erdgas fokussiert sich Gascade in ihren Wasserstoff-Projekten vor allem auf eine Transitrolle. Einerseits durch die Erschließung der Importkorridore der Nord- und Ostsee. Andererseits durch die Schaffung von großvolumigen Ferngasleitungen, an die sich Netzbetreiber anschließen, die den Wasserstoff in die Fläche und zu den Verbrauchern bringen.

H₂News: Wie stellten sie sicher, dass ausschließlich grüner Wasserstoff im Kernnetz transportiert wird?

Flandrich: Die Herkunft des Wasserstoffs wird grundsätzlich über Zertifizierungssysteme und bilanzielle Buchführung sichergestellt, wie sie europaweit gerade etabliert werden. Das liegt primär in der Verantwortung von Händlern und Produzenten. Langfristig ist das gesellschaftlich gewünschte Ziel klar: grüner Wasserstoff. Kurzfristig ist jedoch entscheidend, dass das Kernnetz verfügbar ist und der Markthochlauf gelingt. Unsere Aufgabe ist es, dafür die Transport-Infrastruktur bereitzustellen.

H₂News: Wie wird die Gasqualität beziehungsweise die Reinheit des Wasserstoffs entlang der Trasse sichergestellt?

Flandrich: Die Grundlage dafür ist zunächst die physische Trennung von den Erdgasnetzen. Darüber hinaus setzen wir auf klare Qualitätsanforderungen an den Einspeisepunkten sowie kontinuierliche Messungen entlang der Trasse. Wasserstoff reagiert sensibel; entsprechend hoch sind unsere technischen Standards.

H₂News: Gascade bezeichnet die Umstellung als bisher einzigartig. Welche Länder oder Unternehmen haben bereits Interesse an einem Technologietransfer oder ähnlichen Projekten bekundet?

Flandrich: Wir stehen im Austausch mit mehreren europäischen Netzbetreibern. Besonders das Thema Umstellung bestehender Großleitungen stößt international auf großes Interesse, etwa in Osteuropa und Skandinavien, aber auch in Großbritannien.

H₂News: Wie koordinieren sie sich mit anderen Netzbetreibern beim Aufbau des deutschlandweiten Wasserstoff-Kernnetzes?

Flandrich: Sehr eng. Das Programm Flow – making hydrogen happen ist kein Soloprojekt. Wir stimmen die Trassenführung, Zeitpläne und technischen Standards mit Ontras, Terranets bw und weiteren Partnern sowie übergreifend mit der Bundesnetzagentur ab. Für das initial genehmigte Wasserstoff-Kernnetz gibt es inzwischen auch einen Prozess zur Netzentwicklungsplanung, wobei Gas- und Wasserstoff-Netze unter der Klammer des KO.NEP gemeinsam betrachtet werden.

H₂News: Ist der Aufbau des restlichen Kernnetzes noch realistisch? Welche Herausforderungen müssen in den nächsten Jahren zwingend gelöst werden, damit der Wasserstoff-Hochlauf in Deutschland gelingt?

Flandrich: Ja, der Aufbau des Kernnetzes ist noch realistisch, wenn die richtigen Weichen gestellt werden. Entscheidend sind Planungssicherheit, Genehmigungen, Finanzierung und vor allem der Markthochlauf. Wasserstoff braucht klare politische Signale, verlässliche Rahmenbedingungen und mutige Erstnutzer. Dann wird der Hochlauf gelingen.

H₂News: Vielen Dank für das Interview, Herr Flandrich!

 

Hier erfahren Sie mehr die Wasserstoff-Aktivitäten von Gascade in Deutschland

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