H₂News: Herr Rispens, was ist das Cluster Erneuerbare Energien Hamburg?
Jan Rispens: Das Cluster Erneuerbare Energien Hamburg ist im Kern eine Plattform für Netzwerkaktivitäten. Mit rund 300 Mitgliedern sind wir eines der aktivsten Energie-Netzwerke in Nordd-Deutschland. Wir vermitteln zwischen Hochschulen und Unternehmen bei Innovationsfragen, knüpfen internationale Kontakte und bringen gezielt Akteure zusammen. Das geschieht über verschiedene Veranstaltungsformate von kleinen Workshops bis hin zu Konferenzen mit mehreren hundert Teilnehmern.
H₂News: Wann und wie kam es dazu, dass Sie das Thema Wasserstoff aufgenommen haben?
Rispens: Das war eine Entwicklung auf mehreren Ebenen. Offiziell haben wir 2021 Wasserstoff als Schwerpunkt aufgenommen, aber die Wurzeln liegen früher. Ab 2016 haben wir uns intensiv mit dem Bereich der Sektorenkopplung beschäftigt. Das war gewissermaßen die Vorstufe. Einerseits hatten wir zu der Zeit schon Mitglieder, für die Wasserstoff bereits ein Thema war, andererseits kam der entscheidende Impuls von der Freien und Hansestadt Hamburg: Sie brauchte eine Antwort darauf, wie die nicht elektrifizierbaren Bereiche des Industrie- und Hafenstandortes mit schwer vermeidbaren Emissionen klimaneutral werden können. Als die Stadt 2021 auf uns zukam, hatten wir bereits die Strukturen und das Netzwerk, um das Thema mit Tempo aufzubauen, statt bei null anfangen zu müssen.
H₂News: Was macht Hamburg als Wasserstoffstandort strukturell besonders?
Rispens: Was Hamburg strukturell auszeichnet, ist die räumliche Dichte. Hier ist die gesamte Wertschöpfungskette auf engem Raum vorhanden. Das ist keine Selbstverständlichkeit. Andernorts entsteht eine Wasserstoffinfrastruktur oft dort, wo Produzent und Abnehmer identisch sind, wie bei den meisten großen Elektrolyseprojekten in Deutschland an Raffinerie-Standorten. Oder die Infrastruktur muss erst mühsam zusammengebracht werden. In Hamburg ist das anders: Hier bedienen verschiedene Produzenten ein offenes Ökosystem aus diversen Abnehmern. Das ist organisatorisch komplexer, aber strategisch langfristig viel wertvoller.
H₂News: Sie haben rund 300 Mitglieder in Ihrem Netzwerk. Wie viele kommen aus dem Wasserstoffsektor?
Rispens: Das können wir nicht exakt beziffern, da einige Unternehmen in mehreren Sektoren tätig sind und sich nicht ausschließlich mit Wasserstoff beschäftigen. Nach unserer Einschätzung sind aber etwa ein Drittel unserer Mitglieder in der Wasserstoffbranche aktiv.
H₂News: Sie haben kürzlich den Wasserstoff-Marktplatz „Localizer“ für die Metropolregion Hamburg veröffentlicht. Was steckt dahinter?
Rispens: Im Grunde ist der Localizer eine digitale Erweiterung unserer Kernfunktion. Oft wissen Unternehmen oder Hochschulen, die gut zusammenarbeiten könnten, schlicht nicht voneinander. Auf dem Wasserstoff-Marktplatz können Unternehmen ihre Produkte, Dienstleistungen oder ihren Bedarf eintragen und geolokalisiert nach Partnern suchen. So wird auf einen Blick sichtbar, ob ein Unternehmen in der direkten Nachbarschaft genau das anbietet, was gesucht wird.
H₂News: Was kann der Localizer im Detail?
Rispens: Der Localizer bildet die gesamte Wertschöpfungskette ab – von Produktion über Transport, Speicherung bis zu Anwendungen. Um innerhalb dieser Kette gezielt suchen zu können, haben wir eine Reihe von Filtermöglichkeiten integriert. Man kann beispielsweise nach Reinheitsgraden, Derivaten oder verfügbaren Flächen suchen. Auch wasserstoffnahe Dienstleistungen lassen sich eintragen. Wir wollten ein Werkzeug schaffen, das die Komplexität der Wasserstoffwirtschaft vollständig widerspiegelt.
H₂News: Warum haben Sie den Localizer bewusst regional konzipiert?
Rispens: Zum einen gilt: Je kürzer die Transportwege, desto günstiger wird der Wasserstoff. Regionale Nähe spielt also immer eine Rolle. Zum anderen wollten wir zunächst ein Angebot für unsere Mitglieder und lokale Akteure schaffen. Der Localizer ist aber auch für Unternehmen außerhalb der Metropolregion offen, die Kundenbeziehungen in Hamburg haben oder entwickeln wollen.
H₂News: Wie wird der Localizer bisher angenommen?
Rispens: Die erste Resonanz ist sehr positiv. Bereits eine Reihe von Unternehmen hat sich registriert, und wir merken, dass der Bedarf nach genau diesem Instrument da war. Die Plattform wächst und je mehr Akteure sich eintragen, desto wertvoller wird das Netzwerk für alle.

HGHH Grundsteinlegung 100 MW Elektrolyseur (© Cluster Erneuerbare Energien Hamburg)
H₂News: In den letzten Jahren war viel vom Ende des Hypes die Rede – Projekte wurden eingestellt, Unternehmen zogen sich zurück. Was haben Sie beobachtet?
Rispens: Diese Entwicklung ist typisch für Innovationszyklen. Das kennen wir aus anderen Technologiefeldern. In der Startphase malt man die große Vision aus und viele steigen ein. Mit der Zeit konkretisieren sich dann die Rahmenbedingungen und nur ein kleiner Bruchteil der Projekte wird tatsächlich weiterverfolgt. Die Spreu hat sich vom Weizen getrennt, aber die wichtigsten Projekte laufen. In dieser Phase sind wir gerade. In Hamburg sehen wir, dass sich das Ökosystem gut entwickelt. Die zwei zentralen Infrastrukturprojekte, der 100-MW-Elektrolyseur im Hamburg Green Hydrogen Hub (HGHH) am Standort Moorburg und das Hamburger Wasserstoffindustrienetz (HH-WIN), befinden sich im Bau und werden 2027 in Betrieb gehen.

HH WIN Leitungsbau (© Cluster Erneuerbare Energien Hamburg)
H₂News: Was haben Sie richtig gemacht, dass es zum Baustart dieser zwei zentralen Projekte kam?
Rispens: Ich würde die Frage etwas weiter fassen – es geht nicht nur darum, was wir als Cluster richtig gemacht haben, sondern auch die Stadt und unsere Mitglieder. Die Freie und Hansestadt Hamburg hat sehr frühzeitig die richtigen Entscheidungen getroffen und eine Perspektive entwickelt. Sie hat beispielsweise den Standort Moorburg von Vattenfall zurückgekauft. Für den HGHH und für HH-WIN haben der Bund und die Freie und Hansestadt Hamburg eine Förderung von insgesamt über 250 Millionen Euro gewährt. Unsere Rolle war es, die Akteure effektiv zusammenzubringen, damit Unternehmen die richtigen Ansprechpartner, Dienstleister und Forschungspartner finden.
H₂News: Was muss passieren, damit diese Projekte keine Insellösungen bleiben?
Rispens: Dafür sind drei Dinge entscheidend: der Anschluss an das Wasserstoffkernnetz, eine Skalierung der Elektrolysekapazität und konkrete Abnahmeverträge. In Hamburg sehen wir bei allen drei Punkten konkrete Fortschritte. Die Stadt soll bis 2028 ans Kernnetz angebunden werden, was die Marktliquidität erheblich erhöhen wird. Am Standort Moorburg ist eine Erweiterung der Elektrolyseanlage auf bis zu 800 MW möglich. Und auf der Abnehmerseite bewegt sich ebenfalls etwas: Die Beiersdorf-Tochter Tesa hat sich bereits für einen Anschluss an das Wasserstoffindustrienetz angemeldet. Andere zögern noch, da grüner Wasserstoff derzeit noch drei- bis fünfmal teurer ist als grauer.
H₂News: Was braucht es auf der politischen und regulatorischen Ebene für den Markthochlauf?
Rispens: Hier kommt es vor allem auf zwei Punkte an: Zum einen müssen die Differenzkosten zwischen grünem und fossilem Wasserstoff überbrückt werden. Tesa hat das über die Klimaschutzverträge gelöst. Ohne diese operative Förderung wird kaum ein Industrieunternehmen den Schritt wagen.
H₂News: Und der zweite Punkt?
Rispens: Der Delegated Act der EU, also die Kriterien für den Bezug von Grünstrom zur Wasserstoffproduktion, ist für das aktuelle Marktstadium massiv überreguliert. Der Strom darf beispielsweise nur aus neuen Erzeugungsanlagen stammen. Dabei laufen viele 20 Jahre alte Windparks noch einwandfrei, der daraus produzierte Wasserstoff wäre deutlich günstiger. Hinzu kommt ab 2030 die stündliche Bilanzierungspflicht für den Strombezug. Dieser zwingt die Elektrolysebetreiber dazu, eine enorme Anzahl von Stromlieferverträgen abzuschließen. Unterm Strich machen diese Regeln den grünen Wasserstoff schätzungsweise 50 Prozent teurer als nötig.
H₂News: Was ist Ihre Botschaft an die Politik?
Rispens: Das Wichtigste ist, dass die Politik eine Linie konsistent durchzieht und keine Zweifel aufkommen. Investitionen in diesem Markt sind Milliarden-Entscheidungen für Jahrzehnte. Wenn die Politik auch nur leichte Signale der Unentschlossenheit aussendet, werden diese Investitionen nicht getätigt. Das wäre eine Self-Fulfilling-Prophecy, die wir uns nicht leisten können.
H₂News: Vielen Dank für das Interview, Herr Rispens!
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