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„Wir schaffen die Blaupause für regionale Wasserstoffcluster in Deutschland”

Deutschlands größter Verteilnetzbetreiber Westnetz GmbH geht im Sauerland mit dem Projekt HydroNet neue Wege: Erstmals wird eine bestehende Erdgasleitung auf 100 % Wasserstoff umgestellt. Im Interview erklärt Dr. Andreas Breuer, wie Westnetz‘ 24.000 Netzkilometer von dem 11-Kilometer-Vorhaben profitieren könnten und warum das Verteilnetz für den H2-Hochlauf unverzichtbar ist.

von | 22.08.25

Dr. Andreas Breuer, Verantwortlicher für das Gesamtprojekt HydroNet und Head of Hydrogen bei der Westnetz GmbH
Bild: Westnetz GmbH
Breuer

H₂News: Herr Dr. Breuer, welche Rolle spielt Wasserstoff für Westnetz?

Dr. Andreas Breuer: Wir sehen in Wasserstoff eine hervorra­gende Perspektive für die Weiterentwicklung unserer Erdgas­netze. Wasserstoff wird ein wichtiger Teil der Energiewende sein – nicht die alleinige Lösung, aber ein zentraler Baustein. Und da 80 % der deutschen Industriebetriebe an das Verteil­netz angeschlossen sind, wird der H2-Transport immer wichti­ger, je stärker und konkreter diese Unternehmen ihre Pro­zesse dekarbonisieren wollen.

H₂News: Erhalten Sie von Ihren Industriekunden bereits Signale, die auf einen künftigen Bedarf hindeuten?

Dr. Breuer: Absolut. Wenn wir mit der Industrie sprechen, stellen wir fest: Nicht alles lässt sich elektrifizieren, besonders bei produzierenden Unternehmen mit hohen Prozesstemperatu­ren. Hier bleibt Wasserstoff unverzichtbar. Unsere Aufgabe als VNB ist es, diesen Wasserstoff möglichst effizient von der Elektrolyse zum Kunden zu bringen – das ist das Ziel von HydroNet.

H₂News: Können Sie die Geschichte des Projekts kurz zusammenfassen?

Dr. Breuer: Sie beginnt 2014. Durch die Marktraumumstellung im deutschen Gasnetz konnten wir Leitungsabschnitte identifi­zieren, die keine zwingende Versorgungsaufgabe mehr haben – damals fiel eine Gasqualität weg, und für einige Abschnitte ergaben sich neue Perspektiven. In Arnsberg fan­den wir eine solche, 11 km lange Leitung, die nach Balve im Sauerland führt. Der TÜV Nord kam in einem Gutachten zu dem Schluss, dass sie ohne Einschränkungen 100 % Wasser­stoff transportieren könne. 2014 gab es allerdings noch kei­nen Wasserstoffbedarf, sodass wir das Projekt erstmal hintan­stellten. 2021 änderte sich das schlagartig: Ukraine-Konflikt, Gasmangel, verschärfte Klimaziele: Plötzlich war der Bedarf da. Wir beantragten eine Förderung durch den Bund, die im Oktober 2024 bestätigt wurde. Kurz darauf begannen dann offiziell die Arbeiten.

Breuer

Verlauf der umzustellenden Bestandsleitung von Arnsberg nach Balve (Quelle: Westnetz)

H₂News: Und an der Leitung gab es tatsächlich keinerlei Umrüstungsbedarf?

Dr. Breuer: Genau. Wir haben in Deutschland einen historischen Vorteil: Als der Großteil unserer Gasnetze im 19. Jahrhundert gebaut wurde, transportierten die Leitungen noch Stadtgas mit einem Wasserstoffanteil von 50 %. Dementsprechend kamen damals wasserstofftaugliche Materialien zum Einsatz. Das Wasserstoffmolekül ist zwar nur ein Drittel so groß wie Methan, aber die Rohre können damit umgehen. Wir können Bestandsleitungen daher umstellen, ohne Rohre zu tauschen. An der Peripherie müssen wir andere Gasdruck- und Messeinrichtungen einsetzen, und bei Industrieunternehmen sind eventuell neue Brenner nötig. Aber grundsätzlich ist unsere Infrastruktur H2-ready.

H₂News: Möchten Sie die HydroNet-Leitung denn direkt auf 100 % Wasserstoff umstellen, oder planen Sie eine Zwischenphase mit Erdgas-Beimischung?

Dr. Breuer: Wir setzen auf 100 %. Beimischung ist technisch möglich, birgt aber eigene Herausforderungen: Jeder angeschlossene Kunde – vom Privathaushalt bis zur Industrie – muss prüfen, ob seine Anlagen mit der Beimischung zurechtkommen. Der einfachere Weg ist die vollständige Umstellung, zumal dann die CO2-Reduzierung deutlich größer ist.

H₂News: Wie ist das Projekt aufgebaut?

Dr. Breuer: Insgesamt sind 21 Partner im Projektkonsortium – wir sind tatsächlich das einzige Wasserstoffprojekt dieser Größenordnung, das keine EU-Förderung erhält. Das Investitionsvolumen liegt bei 75 Mio. Euro. Davon trägt Westnetz 29 Mio. Euro, 18 Mio. Euro kommen vom Bundeswirtschaftsministerium.

H₂News: Woher beziehen Sie den Wasserstoff?

Dr. Breuer: Wir entwickeln eine regionale Insellösung: Produktion, Transport und Nutzung finden vollständig im Projekt statt. Dieses Konzept ist in Deutschland auf der Verteilnetzebene einmalig. Konkret baut unser Partner Enertrag Elektrolyseure für die Wasserstoffproduktion, den wir über die umgestellten Leitungen an drei mittelständische Industriekunden in der Region transportieren: ein Automobilzulieferer, ein Hygienepapier-Hersteller und ein Stahlverarbeiter. Alle brauchen für ihre Prozesse sehr hohe Temperaturen und können sie daher nicht vollständig elektrifizieren.

H₂News: Wie sieht der Zeitplan aus?

Dr. Breuer: Seit dem Startschuss laufen mehrere Zeitschienen parallel: Enertrag arbeitet an den Elektrolyseuren, während wir uns um Transport und Anwendung kümmern. Die Bestandsleitung ist bereits erdgasfrei und vorbereitet, 2026 wollen wir die Netzanschlüsse bei den Industriekunden in Betrieb nehmen. Ab 2028 sollte die gesamte Infrastruktur bereitstehen, sodass wir die ersten Moleküle einspeisen und den Testbetrieb starten können. Insgesamt läuft das Projekt fünf Jahre, also bis Ende 2029. Dann soll das HydroNet-Cluster an das Wasserstoff-Kernnetz angeschlossen werden. Darüber hinaus entwickeln wir Mobilitätskonzepte – ein Teil unseres Konsortiums steht bereit, um Wasserstofftankstellen im Netzgebiet aufzubauen.

Breuer

HydroNet-Symposium in Arnsberg im April 2025 (Quelle: Westnetz GmbH)

H₂News: Wie reagiert die Bevölkerung auf Ihr Projekt?

Dr. Breuer: Sehr gut! Denn das Thema Wasserstoffumstellung ist aufgrund seiner guten Umweltbilanz positiv besetzt. Zudem hatten wir den Projektstart drei Jahre lang transparent vorbereitet und frühzeitig alle Maßnahmen kommuniziert. Bei der offiziellen Auftaktveranstaltung im Jahr 2021 in Arnsberg war Friedrich Merz anwesend und nannte HydroNet ein „wegweisendes Projekt“. Auch die behördliche Unterstützung vor Ort ist groß – von der Verwaltung bis zu den Bürgermeistern der beteiligten Kommunen.

H₂News: Werden auch Privathaushalte an das Wasserstoffnetz angeschlossen, etwa für den Heizbetrieb?

Dr. Breuer:  Unsere Priorität liegt bei der Industrie, und dann im Mobilitätsbereich. Rein theoretisch sehe ich bei einer flächendeckenden Umstellung auch ein Potenzial für den Einsatz von Wasserstoff im Wärmemarkt. H2-ready Heiz­geräte gibt es ja bereits. Allerdings dürfte das etwas länger dauern, da das Kernnetz aktuell im Aufbau ist, was Basis für eine flächendeckende Umstellung ist.

H₂News: Brauchen Sie mit Ihrem Verteilnetz-Wasserstoffcluster überhaupt noch einen Zugang zum Kernnetz?

Dr. Breuer: Unbedingt – es besteht eine starke wechselseitige Abhängigkeit. Das Kernnetz braucht das Verteilnetz, um Wasserstoff zum Kunden zu bringen, und umgekehrt benötigt das Verteilnetz das Kernnetz, um den wachsenden H2-Bedarf zu decken. Meine Strategie wäre: Parallel hochfahren! Das Kernnetz ist in der Umsetzung, und gleichzeitig bauen wir auf der Verteilnetzseite regionale Cluster auf. Wenn die Industrie dann innerhalb der Cluster vorbereitet ist, können wir den Anschluss ans Kernnetz herstellen. Wenn wir warten, bis das Kernnetz fertig ist, verschenken wir viele Jahre.

H₂News: Schauen wir uns die technischen Unterschiede an. Für Fernnetzbetreiber liegt die Herausforderung bei grünem Was­serstoff darin, die volatile Einspeisung mit der Notwendigkeit eines konstanten Hochdrucks im Netz zu vereinbaren. Gibt es diese Schwierigkeit auch im Verteilnetz?

Dr. Breuer: Nein, im Verteilnetz können wir stärker mit dem Druck in der Leitung spielen. Wir produzieren Wasserstoff, wenn die günstigsten Bedingungen herrschen, und können dann durch eine betriebliche Druckanpassung einen Teil davon im Netz zurückhalten. Mehr Druck bedeutet dabei mehr gespeicherte Menge. So puffern wir die Einspeiselücken ab und entkoppeln Wasserstofferzeugung und -verbrauch.

H₂News: Sie sind bei der Initiative H2vorOrt aktiv, die den Wasser­stoffhochlauf im Verteilnetz auf nationaler Ebene umsetzen will. Welche Rolle spielt sie für Westnetz?

Dr. Breuer: Eine sehr wichtige! Bei jeder Pionierarbeit ist der Aus­tausch essenziell. Zudem gibt H2vorOrt dem Verteilnetz eine Stimme. Der politische Fokus liegt heute stark auf dem Kern­netz, aber 80 % der Industrie werden von uns versorgt. Wir brauchen daher dringend regulatorische Rahmenbedingun­gen für Investitionen in das Verteilnetz. Für den Aufbau des Kernnetzes hat man 2024 das Amortisationskonto entwickelt, aber für unsere Umstellungsbemühungen fehlt ein vergleich­bares Modell.

H₂News: Wird das Verteilnetz aus Ihrer Sicht vernachlässigt, wenn es um Wasserstoff geht?

Dr. Breuer: Vernachlässigt‘ würde ich nicht sagen. Man musste Prioritäten setzen, und das Kernnetz kam eben zuerst – als übergeordnete, nationale Transportinfrastruktur inklusive des regulatorischen Rahmens. Aber jetzt sollte das Verteilnetz in den Vordergrund rücken. Mit HydroNet gehen wir als Pioniere voran, ohne vorhandene Regularien. Auf diese Erfahrungen können wir in den kommenden Diskussionen zurückgreifen. Diese müssen jetzt aber dringend stattfinden, denn die Bedarfe in Industrie und Mobilität sind da.

H₂News: Wie soll es mit dem Wasserstoff bei Westnetz weitergehen?

Dr. Breuer: Als Infrastrukturbetreiber bereiten wir uns weiter auf mögliche Umstellungen der Bestandsinfrastruktur auf Wasserstoff vor. Wie groß der Anteil der Umstellung genau sein wird, lässt sich jetzt noch nicht sagen – das hängt von der Nachfrage ab. Wir führen viele Gespräche mit Unternehmen und identifizieren weitere mögliche Cluster. Aber keines ist so weit, dass wir morgen den Startschuss geben könnten. Klar ist nur, dass wir die Herangehensweise von HydroNet auf die nächsten Projekte übertragen werden. Das Ziel ist, mit HydroNet eine transparente Blaupause herzustellen, die an anderen Stellen repliziert werden kann – als skalierbares Modell für ganz Deutschland.

H₂News: Herr Dr. Breuer, vielen Dank für das Interview!

 

Weitere Informationen zu Westnetz

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