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„Wir schließen eine entscheidende Marktlücke“

Das 2022 gegründete Start-up REJOOL hat sich mit seinen kompakten Hochdruck-Kompressoren auf einen technologisch anspruchsvollen Nischenmarkt spezialisiert – und trifft damit einen wachsenden Bedarf. Im Interview erklärt CEO Luca Hillebrand, wie das Unternehmen erste Installationen erfolgreich umsetzen konnte – und damit eine Marktlücke schließt.

von | 07.08.25

Luca Hillebrand, Gründer und CEO von Rejool
© Rejool
Hillebrand

H₂News: Herr Hillebrand, auf dem Markt für Wasserstoffkompressoren sind schon mehrere Hersteller fest etabliert. Was unterscheidet Ihre Lösung von den anderen?

Luca Hillebrand: Die meisten Unternehmen fokussieren sich auf große Kompressoren: Ihre Anlagen arbeiten mit sehr hohen Fördervolumen und erreichen Drücke von 700 oder 900 bar. Unsere Kompressoren hingegen sind klein und kompakt.

H₂News: Wieso konzentrieren Sie sich auf diese Größe?

Hillebrand: Weil wir mit Kompressoren für kleinere Wasserstoffanwendungen eine vorhandene Marktlücke schließen. Wir sprechen über Fördervolumina zwischen 1 und 5, maximal 10 m³ pro Stunde.

H₂News: Und in diesem Segment gibt es noch keine Anbieter?

Hillebrand: Nur sehr wenige. Wenn man weitere Kriterien hinzunimmt, bleibt keiner übrig. Denn unsere Lösung ist nicht nur kompakt, sondern auch öllos oder trockenlaufend sowie dauerhaft technisch gasdicht. Es geht also im Vergleich zu anderen Kompressor-Lösungen kein wertvolles Produktgas verloren. Zudem gewährleisten wir durch die trockenlaufende Verdichtung eine 100%-ige Kontaminationsfreiheit des Wasserstoffs. Für Brennstoffzellen ist verunreinigter Wasserstoff nämlich ein absolutes Tabu.

H₂News: Auf welchen Druck können Sie maximal komprimieren?

Hillebrand: Unser Kompressor arbeitet mit einem zweistufigen Design, in dem der Wasserstoff schrittweise auf bis zu 350 bar verdichtet wird. Die komplett ölfreie, trockenlaufende Verdichtung stellt dabei eine besondere technische Herausforderung dar, die wir gezielt gelöst haben.

H₂News: Warum ist der ölfreie Betrieb so herausfordernd?

Hillebrand: Im Gegensatz zu konventionellen Kompressoren, die häufig auf Schmierung setzen, verzichten wir vollständig auf Öl oder andere Hilfsstoffe. Das macht die Verdichtung nicht nur technisch anspruchsvoller, sondern führt auch zu einer erhöhten Wärmeentwicklung im Betrieb. Diese Wärme muss zuverlässig abgeführt werden, was wir über eine sehr effiziente Luftkühlung realisieren. In zukünftigen Produktvarianten ist zudem eine gezielte Wärmeauskopplung vorgesehen – etwa zur energetischen Weiternutzung.

Hillebrand

Der P-202 Kompressor (Quelle: REJOOL)

H₂News: Wie lösen Sie das Problem der Gasdichtheit?

Hillebrand: Der Kompressor ist vollständig hermetisch gasdicht. Alle Dichtstellen sind Bestandteil unseres statischen Dichtkonzepts, das gezielt auf maximale Dichtigkeit ausgelegt ist. Im Gegensatz dazu erfordern konventionelle Systeme häufig zusätzliche Spül- und Rückgewinnungslösungen, um durch Leckagen verlorenes Gas in den Kreislauf zurückzuführen.

H₂News: Welche Anwendungen gibt es für Ihre Kompressoren?

Hillebrand: Der klassische Use Case findet sich bei kleinen gewerblichen Unternehmen. Viele von ihnen betreiben eigene PV-Anlagen auf dem Dach, generieren im Sommer einen Stromüberschuss und entscheiden sich dann, ein kleines 10-20 kW Elektrolysesystem aufzustellen. Damit erzeugen sie Wasserstoff und nutzen ihn als saisonale Speicherlösung – das klassische Power-to-X-Inselkonzept. Wir haben aber auch schon Universitäten und Labore beliefert, die kleine Elektrolyseeinheiten betreiben und für Forschung oder Lehrzwecke Wasserstoff in geringen Mengen erzeugen. Hinzu kommen Notstromversorgungseinrichtungen in entlegenen Gebieten. Auch für dezentrale Kleinstmobilität wurden bereits Projekte umgesetzt.

H₂News: Wie funktioniert der Vertrieb?

Hillebrand: Unsere Kunden sind in der Regel nicht die Endnutzer, sondern Systemintegratoren und EPC-Dienstleister. Diese kaufen bei uns den Kompressor und bei anderen OEMs den Elektrolyseur, die Brennstoffzelle, Gasflaschen, Fittings und so weiter. Aus diesen Komponenten erstellen sie dann eine Komplettlösung, die sie als Paket an zum Beispiel Gewerbetreibende verkaufen. Manchmal wird unser Kompressor auch zur Nach- bzw. Aufrüstung von Systemen genutzt, die aktuell auf Niederdruckbasis laufen.

H₂News: Wie fertigen Sie Ihre Kompressoren?

Hillebrand: Momentan fertigen wir noch in präziser Einzelbzw. Kleinserie. Die kritischen Komponenten wie Gehäuse, Triebwerk und Kolben lassen wir bei spezialisierten Feinwerkmechanik- Betrieben in der Region fertigen – da sind die Toleranzen im Mikrometerbereich entscheidend. Die Endmontage und Qualitätskontrolle führen wir in unserer Produktionshalle selbst durch. Anschließend durchläuft jeder Kompressor einen mehrstündigen Prüflauf unter Volllast, bevor er das Haus verlässt.

H₂News: Wie sind Sie bei der Entwicklung vorgegangen – sind Sie ein klassisches „Garagen-Start-up“?

Hillebrand: In gewisser Weise trifft das zu. Wir haben im März 2022, während der Corona-Pandemie, mit der Entwicklung begonnen. Zunächst erfolgte die Arbeit im Homeoffice, wobei der Schwerpunkt ohnehin auf computergestützten Tätigkeiten lag – insbesondere in den Bereichen Konstruktion, Simulation und Auslegung. Nachdem das Design des ersten Prototyps abgeschlossen war, begann die Suche nach geeigneten Zulieferern. Das erwies sich als anspruchsvoll, da die Kompressoren aufgrund ihrer kompakten Bauweise besondere Anforderungen stellen. Glücklicherweise konnten wir auf ein starkes Netzwerk im Bereich der Feinmechanik in der Region Göttingen zurückgreifen und qualifizierte Partner in unmittelbarer Nähe gewinnen. Der erste Prototyp wurde schließlich noch unter einfachen Bedingungen gefertigt. Anfang letzten Jahres konnten wir in eine geeignete Produktionshalle umziehen, dort unsere Testumgebung aufbauen, eine Montagelinie etablieren und Teststände für Langzeittests in Betrieb nehmen.

H₂News: Wie kamen Sie persönlich zu dem Thema?

Hillebrand: Erneuerbare Energien haben mich schon früh fasziniert – sowohl auf persönlicher Ebene als auch akademisch. Entsprechend habe ich meinen Studienschwerpunkt gezielt auf Energiesysteme und nachhaltige Technologien gelegt Bereits während meines Studiums konnte ich erste praktische Erfahrungen in diesem Bereich sammeln, insbesondere im Kontext innovativer Energiespeicherlösungen. Die Idee, ein eigenes Unternehmen zu gründen, reifte parallel dazu – mit dem klaren Anspruch, nicht nur theoretisch über die Energiewende zu sprechen, sondern aktiv zur technischen Umsetzung beizutragen. In Gesprächen mit meinem Vater, der über langjährige Erfahrung im Bereich Wasserstoff- und Power-to-Gas-Technologien verfügt, wurde schnell deutlich, dass insbesondere im Bereich der Wasserstoffverdichtung großer Entwicklungsbedarf besteht. Daraus entstand schließlich der Impuls, einen neuartigen, hocheffizienten Kompressor zu entwickeln – als fehlendes Bindeglied in der Wasserstoff-Wertschöpfungskette.

H₂News: Wie war es, als der erste funktionierende Kompressor vor Ihnen stand?

Hillebrand: Es war ein äußerst zufriedenstellender Moment, insbesondere vor dem Hintergrund, dass wir eine völlig neuartige Technologie entwickelt haben. Die ersten Schritte im Entwicklungsprozess waren erwartungsgemäß herausfordernd und geprägt von iterativen Anpassungen. Umso bedeutender war es, nach nur anderthalb Jahren unsere Kompressoren auf der Hydrogen Technology Expo in Bremen präsentieren zu können – entwickelt von einem kleinen Team in kurzer Zeit. Hervorzuheben ist dabei die Kombination aus modularer Reihenbauweise und einem vollständig hermetischen, druckfesten Gehäuse bei 100 % ölfreiem Betrieb – dieses Design ist bislang einzigartig.

H₂News: Womit haben Sie Ihren Kompressor bei den ersten Durchgängen getestet – war von Anfang an Wasserstoff im Einsatz?

Hillebrand: Zunächst haben wir Helium als Testmedium verwendet. Dies ist ein gängiges Vorgehen, da Helium – obwohl seine Dichte etwas höher als die von Wasserstoff ist – dem Wasserstoff im Periodensystem sehr nahesteht und gleichzeitig ein deutlich geringeres Risiko hinsichtlich Explosionsgefahr mit sich bringt.

H₂News: Aber aktuell machen Sie mehr als nur die Lizenzierung?

Hillebrand: Genau. Für den Nachweis der Funktionsfähigkeit unserer Technologie müssen wir einmal die gesamte Prozesskette selbst errichten und betreiben. Das ist klassischer Anlagenbau. Wir sehen uns aber nicht primär als Anlagenbauer, sondern wollen unsere Kunden in erster Linie auf dem Weg der Projektentwicklung bis hin zur Inbetriebnahme und Optimierung ihrer Assets mit hochwertigen Dienstleistungen unterstützen.

H₂News: Demnach kann Ihr Kompressor auch andere Gase komprimieren?

Hillebrand: Der Kompressor arbeitet zuverlässig mit Helium, aber auch mit Stickstoff und anderen Edelgasen – Gase, die in industriellen Prozessen wertvoll sind und daher rückgewonnen sowie nachverdichtet werden müssen. Mitzunehmender Molekularmasse des Gases steigt die Herausforderung, das gewünschte Druckniveau zu erreichen, insbesondere im ölfreien Trockenlaufbetrieb.

H₂News: Demnach kann Ihr Kompressor auch andere Gase komprimieren?

Hillebrand: Der Kompressor arbeitet zuverlässig mit Helium, aber auch mit Stickstoff und anderen Edelgasen – Gase, die in industriellen Prozessen wertvoll sind und daher rückgewonnen sowie nachverdichtet werden müssen. Mitzunehmender Molekularmasse des Gases steigt die Herausforderung, das gewünschte Druckniveau zu erreichen, insbesondere im ölfreien Trockenlaufbetrieb.

H₂News: Welche Pläne haben Sie für die Zukunft?

Hillebrand: Unser Fokus liegt darauf, das Produkt kontinuierlich zu optimieren. Darüber hinaus planen wir, sowohl zusätzliche Baugrößen als auch Varianten des bestehenden Modells anzubieten, um verschiedene Anwendungsbereiche besser abzudecken. Die ersten wichtigen, fundamentalen Schritte nach unserer Gründung 2022 sind erfolgt – nun gilt es, das Wachstum zu beschleunigen und unsere Position als verlässlicher Lösungsanbieter und Partner im Markt auszubauen.

H₂News: Herr Hillebrand, vielen Dank für das Interview!

 

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