H₂News: Herr Rößner, angenommen, jemand hörte zum ersten Mal von H2APEX – was sollte er oder sie über Ihre Firma wissen?
Peter Rößner: H2APEX ist eines der wenigen Unternehmen, die tatsächlich die gesamte Wasserstoff-Wertschöpfungskette abdeckt. Wir sind in drei Geschäftsbereichen aktiv: Erstens bauen wir als General- oder EPC-Unternehmer Wasserstoffanlagen für Dritte. Zweitens bauen und betreiben wir eigene Anlagen, die im wettbewerbsfähigen Maßstab Wasserstoff produzieren – hier liegt unser strategisches Hauptziel. Und drittens entwickeln wir eigene Wasserstoffspeicherlösungen, sowohl physische Druckspeicher als auch innovative chemische Speicher.
H₂News: Wie verteilen sich diese Säulen prozentual?
Rößner: Derzeit generieren wir etwa 80 % unseres Umsatzes aus dem Anlagenbau und 10 % aus der Wasserstoffproduktion – hauptsächlich im Rahmen unseres Rebus-Projekts in Rostock. Perspektivisch wollen wir das umkehren: 80 % aus der großindustriellen Wasserstoffproduktion, 10 % aus dem EPC-Geschäft und 10 % aus dem Vertrieb unserer Speicher.
H₂News: Welche Vorteile bietet Ihre Integration verschiedener Geschäftsfelder?
Rößner: Vor allem Risikodiversifizierung. Reine Wasserstoffproduzenten haben es sehr schwer auf dem Markt, weil sie oft keine Abnehmer für ihre Moleküle finden und es ihnen schwerfällt, frisches Geld aufzutreiben. Hinzu kommt: Heute ist fast jede Anlage ein „first-of-its-kind“-Projekt und braucht viel empirische Betriebserfahrung. Wir haben durch unsere EPC-Projekte gute Kontakte zu fast allen Elektrolyseherstellern aufgebaut und wissen, womit man rechnen muss. Zudem konnten wir uns wichtige Assets sichern – sowohl Standorte als auch hochqualifizierte Mitarbeiter. Das baut eine gewisse Systemrelevanz auf: Man wird wahrgenommen und hat viele Stakeholder um sich herum. Das hebt uns von Marktbegleitern ab, die sich auf einen Bereich fokussieren.
H₂News: Welche Erfahrungen haben Sie bei Ihren bisherigen Projekten mit unterschiedlichen Elektrolyse-Technologien gesammelt – haben Sie bestimmte Präferenzen?
Rößner: Wir sind grundsätzlich technologieoffen und -agnostisch. Unsere erste Elektrolyse kam von McPhy – eine alkalische Druckelektrolyse. Heute ist der Hersteller insolvent, aber wir beherrschen die Technologie inzwischen selbst. Bei der PEM-Elektrolyse haben wir gute Erfahrungen mit einem US-Unternehmen gesammelt, das technologisch sehr stark aufgestellt ist. Darüber hinaus haben wir uns im Rahmen verschiedener Ausschreibungen mit so gut wie allen Herstellern auf dem Markt beschäftigt – sowohl mit den etablierten als auch mit den neuen und innovativen. Es gibt zum Beispiel Hersteller alkalischer Elektrolyseure, deren Elektroden keine Degradation mehr aufweisen sollen. Das ist faszinierend und ich glaube auch, dass das funktionieren kann.
H₂News: Gibt es Projekte, bei denen Sie auf diese innovativen Technologien setzen?
Rößner: Aktuell nicht. Denn letztlich kommen wir zu der entscheidenden Frage – welche Technologie ist bankable? Wenn ich einen Hersteller wähle, der eine Großanlage noch nie im industriellen Maßstab gebaut hat, finanziert das keine Bank. Die Levelized Costs of Hydrogen sind natürlich wichtig, aber die Bank fragt nicht nur nach den Kosten, sondern vor allem, ob die Technologie bewährt ist und ob es eine gute Infrastruktur für Service– und Maintenance gibt. Da bleiben am Ende nur drei bis vier Hersteller übrig.
H₂News: Lassen Sie uns zu Ihren Projekten kommen. Sie erwähnten bereits Ihre Kooperation mit der Rebus Regionalbus Rostock GmbH. Worum geht es da?
Rößner: Es geht um die größte zusammenhängende Wasserstoffbus-Flotte eines einzelnen Betreibers in ganz Europa. Rebus verfügt über insgesamt 150 Busse und hat ein Drittel davon – 52 Fahrzeuge – auf Wasserstoff umgestellt. Den dafür benötigten Wasserstoff produzieren wir mit einer 2-MW-Elektrolyse vor Ort. Auch die mit unserem Partner RESATO errichteten H2-Tankstellen auf den beiden Betriebshöfen der Rebus betreiben wir selbst. Wir fungieren somit nicht nur als EPC-Contractor und Wasserstofflieferant, sondern auch als Operator für den täglichen Betrieb und kümmern uns um Service und Maintenance.
H₂News: Wie läuft der Betrieb im Alltag?
Rößner: Obwohl die Mobilität aus meiner Sicht nicht der primäre Anwendungsfall für Wasserstoff ist, zeigt das Rebus-Projekt: Die Technologie funktioniert. Selbstverständlich traten während der Transformation auch Herausforderungen auf – hin und wieder musste auch mal ein konventioneller Dieselbus reaktiviert werden. Dies ist bei einer Umstellung im laufenden Betrieb aber normal, wir hatten eben keine kontrollierten Laborbedingungen. Mittlerweile läuft der Betrieb aber rund. Die ursprüngliche Anlage war als Demonstrationsanlage zu Lern- und Testzwecken konzipiert; heute haben wir mit Rebus einen langfristigen Abnehmer. Das macht das gesamte Geschäftsmodell wirtschaftlich darstellbar.
H₂News: Fungiert Rostock auch als Showcase-Projekt für andere Verkehrsbetriebe?
Rößner: Absolut. Es ist zum einen ein Vorzeigeprojekt, bei dem sich Interessenten anschauen können, wie das System funktioniert. Es ist aber gleichzeitig auch ein Akquiseprojekt: Wir nutzen die dort gesammelten Erfahrungen, um ein Gesamtkonzept zu entwickeln und es am Markt anzubieten. Aktuell sind wir an zwei Ausschreibungen beteiligt, bei denen wir das Modell in einem größeren Maßstab, aber im Prinzip analog umsetzen könnten. Die Interessenten sind Stadtwerksverbünde aus zwei bis drei Stadtwerken, die die Wasserstoffinfrastruktur direkt betreiben und auch die Verkehrsunternehmen in ihrer Trägerschaft haben. Die Verbünde suchen also nur noch einen externen Generalunternehmer, der das System plant, baut und initial betreibt, bevor sie selbst den langfristigen Betrieb übernehmen.
H₂News: Wie wichtig ist es für Sie als Betreiber und Produzent, dass der Wasserstoff, den Sie zum Beispiel einem Verkehrsunternehmen wie der Rebus anbieten, eine RFNBO-Zertifizierung hat?
Rößner: Das ist ganz zentral: Ohne Zertifizierung gibt es keine THG-Quoten. Deshalb ist die Zertifizierung fest in unserem Wirtschafts- und Finanzmodell eingepreist. Die 2-MW-Anlage in Rostock ist aktuell noch nicht zertifiziert, aber wir befinden uns mitten im Prozess. Unser Ziel ist eine Zertifizierung bis Jahresende. Die Herausforderung bei der Anlage war es, RFNBO-konforme Stromabnahmeverträge (PPAs) zu strukturieren: Für viele PPA-Anbieter war der relativ kleine Bedarf unseres Elektrolyseurs zunächst uninteressant. Wir haben mittlerweile aber einen Partner, welcher uns den Strom zur Verfügung stellt. Zudem befindet sich ein PV-Park mit 11 MW Leistung in unserem Besitz.
H₂News: Wie bewerten Sie das Marktpotenzial für RFNBO-zertifizierten Wasserstoff?
Rößner: Momentan ist es groß: Nach RFNBO-zertifiziertem Wasserstoff suchen derzeit alle. Langfristig ist die Frage, wie groß der THG-Quotenmarkt tatsächlich wird. Deutschland hat sich zu 12 % RFNBO-konformen Kraftstoffen verpflichtet, während die EU nur 4 % vorsieht. Das ist ein starkes Signal, aber es bleibt abzuwarten, wie viele Tonnen das sein werden. Sicher ist: Die Ersten am Markt haben das größte Momentum, weil sie sich die wenigen verfügbaren Mengen abgreifen können. Es macht also Sinn, schnell zu sein. Bei neuen Anlagen denken wir die Zertifizierung daher von Anfang an mit. Die Herausforderung dabei: Für die Zertifizierung brauche ich den konkreten Elektrolyseur und dessen technische Spezifikationen. Bevor der Hersteller feststeht, kann ich also keinen Zertifizierungsprozess starten.
H₂News: Eines Ihrer Neubauprojekte hat kürzlich für Schlagzeilen gesorgt: Seit dem 1. Juli ist H2APEX Eigentümerin der HH2E Werk Lubmin GmbH und ihres dort geplanten 1-GW-Projekts. Wie kam es dazu?
Rößner: Ursprünglich wollten wir nicht das gesamte Projekt oder gar die ganze HH2E Werk Lubmin GmbH kaufen. Aber dann merkten wir, dass sich aufgrund der vorhandenen Assets – unter anderem Verträge für die Stromanbindung, die Wasserversorgung oder die Einspeisung ins Gasnetz, aber auch gute Mitarbeiter – extrem interessante Synergien mit unserem vorhandenen Projekt an dem Standort ergaben. Seit Juli 2023 planen wir ja bereits ein eigenes Großprojekt in Lubmin. Durch die HH2E-Akquisition sparen wir nun jede Menge Geld, etwa den Baukostenzuschuss für die Netzanbindung. Es ist quasi so, als würden Sie ein Grundstück kaufen, bei dem Wasser-, Strom- und Internetanschluss bereits vorhanden sind – und Sie diese Anschlüsse für ihr eigenes Grundstück nebenan kostenlos mitnutzen können.
H₂News: Welche strategische Bedeutung hat der Standort Lubmin für Sie?
Rößner: Lubmin ist derzeit der interessanteste Standort für die inländische Wasserstoffproduktion. Hier gibt es direkten Anschluss an Offshore-Windparks und damit nachhaltigen Strom in ausreichenden Mengen. Hinzu kommt die Anbindung an das Wasserstoff-Kernnetz über das „flow“-System der Gascade. Bei den Pipelines finden gerade die ersten Betriebstests statt. Da ist wirklicher Fortschritt zu sehen, und durch die HH2E-Akquisition sind wir ausgewählter Partner der Gascade für den Hochlauf geworden. Zudem ist der Standort politisch und medial stark präsent – Stichwort Nord Stream 2 – und bietet Möglichkeiten für den Bau anderer kritischer Infrastrukturen wie Rechenzentren oder Batteriespeicher. Deshalb sind in Lubmin so viele Player präsent, und es werden immer mehr.
H₂News: Welche Pläne verfolgen Sie konkret an dem Standort?
Rößner: Wir planen den Bau einer 100-MW-Anlage bis 2028, die mittelfristig auf 1.000 MW erweitert werden kann. Zusätzlich entwickeln wir seit 2023 eine weitere 100-MW-Elektrolyse, die ebenfalls bis 2028 fertig sein soll. Wir verfügen in Lubmin jetzt also über zwei Stromanschlüsse an ein 380-kV-Spannwerk mit insgesamt 2 GW Leistung. Das haben in Deutschland nur BASF in Ludwigshafen und die „kleine“ H2APEX.
H₂News: Was passiert mit Ihrem „älteren“ Großprojekt in Rostock-Laage?
Rößner: Das lassen wir nicht fallen – im Gegenteil. Das Laage-Projekt wurde im vergangenen Jahr von der EU als IPCEI eingestuft. Wir sind das einzige mittelständische Unternehmen unter den deutschlandweit 24 IPCEI-Großprojekten, das diese Förderung erhält. In Laage wollen wir ab 2029 produzieren und ins Kernnetz einspeisen. Für uns ist es ein besonderes Anliegen, gerade in Mecklenburg-Vorpommern Wertschöpfung zu schaffen.
H₂News: Auch die Bundesregierung scheint sich wieder stärker zum Wasserstoff zu committen: Am 8. Juli hat das Wirtschaftsministerium einen neuen Entwurf für das Wasserstoffbeschleunigungsgesetz vorgelegt. Wie stehen Sie dazu?
Rößner: Das Gesetz war ja schon bei der Vorgängerregierung in der Diskussion, wurde aber bislang nicht verabschiedet. Jetzt hat man es farboffen gestaltet, was absolut richtig ist: Natürlich vorkommenden oder„weißen“ Wasserstoff zu fördern macht Sinn, denn wenn man ihn abbauen und nutzen kann, handelt es sich um die günstigste und klimafreundlichste Wasserstoff-Variante überhaupt. Ich bin auch ein Anhänger des blauen Wasserstoffs, weil wir ohne ihn keinen Hochlauf schaffen werden.
Wir können ja nicht einmal genug grünen Wasserstoff produzieren, um den grauen zu ersetzen. Jedes Kilogramm grauer Wasserstoff verursacht heute etwa 10 Kilogramm CO₂-Emissionen – diese Mengen müssen wir als erstes ersetzen. Aber allein die 2 Millionen Tonnen grauen Wasserstoff, die jährlich in der deutschen Industrie zum Einsatz kommen, würden 20 GW Elektrolysekapazität erfordern. Wir wären schon mehr als froh, wenn wir bis 2030 10 GW schaffen, was aber jetzt schon nicht mehr realisierbar ist.
H₂News: Angenommen, Sie wären Wirtschaftsminister und könnten die Regularien für den Wasserstoffhochlauf festlegen – was würden Sie optimieren?
Rößner: Drei Punkte wären für mich prioritär: Erstens würde ich die Technologieoffenheit konsequent durchsetzen. Das neue Wasserstoffbeschleunigungsgesetz geht dabei in die richtige Richtung. Zweitens – und das ist entscheidend – würde ich die RED-III-Vorgaben pragmatisch anpassen. Die aktuelle Regelung ist kontraproduktiv: Nach RFNBO-Kriterien darf ich keinen abgeregelten Windstrom nutzen, selbst wenn dieser praktisch kostenlos verfügbar ist. Stattdessen muss ich teure PPA‚s abschließen, die den grünen Stromerzeuger bilanziell exakt abbilden. Diese regulatorische Hürde macht Wasserstoff unnötig teuer. Unsere Anlagen könnten mit ca. 6.000 Volllaststunden pro Jahr betrieben werden, davon 1.000 Stunden mit vor Ort abgeregeltem Strom. Das würde Wasserstoffgestehungskosten von unter 5 Euro pro Kilogramm ermöglichen statt der aktuell mindestens erforderlichen 6 Euro.
H₂News: Das klingt ja schon sehr konkret. Was wäre Ihre dritte Maßnahme?
Rößner: Drittens würde ich strategische Leitmärkte definieren, in denen Wasserstoff prozessbedingt unverzichtbar ist. Die Ammoniakproduktion für Düngemittel ist das beste Beispiel: Die Landwirtschaft ist bereits heute subventioniert, hier könnte man verpflichtend auf grünen Wasserstoff umstellen und so einen stabilen Abnehmermarkt schaffen. Von diesem Leitmarkt ausgehend würden andere Sektoren nachziehen. Das ist effizienter, als Wasserstoff in allen denkbaren Anwendungen gleichzeitig fördern zu wollen.
H₂News: Über die ersten beiden Säulen Ihres Unternehmens haben wir gesprochen – kommen wir zur dritten Säule, Ihrem F&E-Feld der chemischen Wasserstoffspeicherung. Worum handelt es sich dabei genau?
Rößner: Unser Ansatz basiert auf Kaliumbikarbonat – praktisch Backpulver. Gegenüber anderen Speichermedien wie Methanol oder Ammoniak bietet es entscheidende Vorteile: Es ist ungiftig, hat einen geringen Energiebedarf und lässt sich problemlos in Kunststoffbehältern lagern.
H₂News: Und wie kommen Sie mit der Entwicklung voran?
Rößner: Letztes Jahr hatten wir einen beinah exponentiellen Durchbruch in Sachen Effizienz. Zudem haben wir den Bereich in die Tochtergesellschaft AKROS Energy GmbH ausgegliedert und sechs Patente generiert, davon zwei in Kooperation mit dem Leibniz-Institut für Katalyse in Rostock. Aktuell arbeiten wir an einem Container, mit dem wir nicht mehr am gleichen Ort ein- und ausspeichern müssen, sondern echten Transport ermöglichen. Und mit Johannes Emigholz haben wir im Mai einen neuen CEO für AKROS Energy gewonnen. Zudem steht ein großer deutscher Chemiekonzern als F&E-Partner bereit. Ende des Jahres soll unser bis dato größter Demonstrator fertig sein… und danach geht es an die Kommerzialisierung.
H₂News: Also gibt es in allen Geschäftsfeldern Highlights, auf die wir gespannt sein können. Werfen wir noch einen Blick auf das große Ganze – wo steht die Wasserstoffwirtschaft im Moment?
Rößner: Wir waren im Tal der Tränen, aber aktuell weicht die Unsicherheit. Auch wenn es nach der Regierungsbildung erstmal ein paar dämpfende Signale aus dem Wirtschaftsministerium gab, merken wir langsam, dass eine sinnvolle Strategie dahintersteckt: Man will sich breit aufstellen, um technologieoffen und resilient zu sein. Wir merken derzeit ein echtes Momentum am Markt. Es kommen wieder mehr Anfragen, gerade für große Wasserstoffmengen. Zudem gibt es wieder News aus dem Elektrolysebereich: Investoren wollen wirklich bauen. Dabei geht es um realistische, gut durchdachte Projekte, nicht mehr x-beliebig viele mit unrealistischen Volumina. Ich glaube, wir erleben einen positiven Aufschwung – und haben damit die Chance, uns nachhaltig und energieunabhängig aufzustellen.
H₂News: Herr Rößner, vielen Dank für das Interview!
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