Der Tenor des Abends war eindeutig: Deutschland ist beim Wasserstoffhochlauf auf dem richtigen Weg – auch wenn das Thema in der öffentlichen Debatte zuletzt an Lautstärke verloren hat. Gerade deshalb, so die Botschaft aus dem Publikum aus Ministerien, Unternehmen und Verbänden, brauche es jetzt entschlossenes Handeln von Politik und Wirtschaft, um Wasserstoff als Energieträger in die Fläche zu bringen. Doch wie gelingt der Durchbruch?
Dr. Stefanie Kesting, Vorsitzende der Geschäftsführung der Thyssengas GmbH, widersprach auf dem Panel der verbreiteten Annahme, dass der Durchbruch scheitert, weil sich Industrie und Mittelstand der Transformation verweigern. Das Problem liege nicht am fehlenden Willen, sondern an den wirtschaftlichen Rahmenbedingungen:
„Nach meiner Erfahrung und Beobachtung ist es nicht so, dass Mittelstand und Industrie nicht wollen.“ Aber solange grüner Wasserstoff teurer ist als fossile Alternativen, zögern Unternehmen trotz Transformationsbereitschaft. Die Lücke auf der Nachfrageseite sei oft geringer als angenommen – „es geht um wenige Euros pro Kilo Wasserstoff, die überbrückt werden müssen.“
Doch manche Unternehmen haben bereits gehandelt, bevor die Politik die Weichen gestellt hat: Thyssengas sei als Netzbetreiber in Vorleistung gegangen und habe Investitionsrisiken übernommen. Kestings Appell an die versammelte Politik: Die Rahmenbedingungen müssten jetzt so gestaltet werden, dass diese Leitungen volkswirtschaftlich sinnvoll genutzt werden.
Jörg Döllekes, Geschäftsführer der Bochumer Härterei Reese, machte deutlich, dass viele mittelständische Unternehmen zwingend auf Gas – oder Wasserstoff – angewiesen seien, „und das planbar und bezahlbar“. Die größte Anlage des Betriebs lasse sich beispielsweise nicht auf Strom umrüsten. Er erwartet von der Politik ein verbindliches Datum für die Umstellung, Klarheit über den Preis und Gewissheit über den Netzanschluss des Werksgeländes. CDU-Abgeordneter Nicklas Kappe griff die Perspektive auf und betonte, dass es zentral sei, nicht nur die großen Stahlkonzerne zu berücksichtigen, sondern auch die Mittelständler.
Regionale Cluster als Hebel für den Mittelstand
Als möglicher Ansatz für den Durchbruch kristallisierten sich auf dem Panel regionale Cluster heraus – als Instrument, um gerade mittelständische Unternehmen beim Aufbau und bei der Förderung gezielt einzubinden.
Kesting hob die Standortvorteile des Ruhrgebiets zur Clusterbildung hervor: „Hohe Industriedichte, gewachsene Wertschöpfungsketten und geringe Distanzen ermöglichen tragfähige Cluster – mit direkter Wirkung für Industrie und Mittelstand.“ Kappe schloss sich an: „Das kann und muss ein Weg sein. Wenn verschiedene Player wie Abnehmer und Netzbetreiber sich als Cluster zusammentun, muss man das als Anschub verstehen und denen nicht noch Steine in den Weg legen.“
Diskutiert wurde auch die Rolle der Stadtwerke. SPD-Abgeordneter Mahmut Özdemir forderte, sie sollten ihre Marktmacht erkennen und sich beim Hochlauf stärker zusammenschließen. Stimmen aus dem Publikum widersprachen: Verteilnetzbetreiber hätten – anders als beim Aufbau des Wasserstoff-Kernnetzes – keine vergleichbare finanzielle Unterstützung, um aktiv zu werden.
Importstrategie als europäischer Stabilitätsfaktor
Grünen-Abgeordnete Katrin Uhlig übte Kritik an der Bundesregierung: Sie agiere zu langsam und nicht konsequent genug. Angesichts globaler Krisen und einer zunehmend unsicheren Energieversorgung argumentierte sie: Deutschland werde Wasserstoff importieren müssen, wenn es Industrienation bleiben wolle. Eine breite Diversifikation der Herkunftsländer sei dabei kein Risiko, sondern könne zum Stabilitätsfaktor für Europa werden.
Das Fazit des Abends fiel zweiteilig aus: Viele Unternehmen seien investitionsbereit – sobald Planungssicherheit besteht. Gleichzeitig laufen in Berlin und Brüssel Prozesse, die genau diesen Rahmen setzen sollen.
„Wir stehen gar nicht so schlecht da“, sagte Kesting. „Wir müssen jetzt in Richtung schnelle Skalierung denken und die notwendigen Schritte gehen.“








