Deloitte-Analyse: H2-Projektabsagen häufen sich, Ziele rücken in weite Ferne

Die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Deloitte hat eine Keynote-Präsentation mit dem Titel „Clean hydrogen: taking stock, looking ahead“ veröffentlicht. Die Kurzstudie von Dr. Johannes Trüby, Partner im Bereich Energy & Climate bei Deloitte SAS, gibt einen kompakten Überblick über den aktuellen Stand der Wasserstoffbranche. Dieser umfasst den globalen Klimarahmen als Treiber für Wasserstoff, die Entwicklung von Marktprognosen, den Stand der Projektpipeline, Investitionsvolumina sowie die zentralen Hemmnisse für die Skalierung des Sektors.

von | 04.03.26

Die Kurzstudie beschäftigt sich mit den Entwicklungen bis Ende 2025.
© Deloitte SAS
Deloitte-Analyse 2025: Stand der Wasserstoffwirtschaft

Die Wasserstoffwirtschaft steckt in der Krise: Projektziele werden verfehlt, Investitionen reichen nicht aus, und die Kosten bleiben hoch. Die Deloitte-Analyse zeigt, wo der Sektor steht – und was ihn bremst.

Rund 140 Länder, die 74 Prozent der globalen Treibhausgasemissionen und 77 Prozent des weltweiten BIP repräsentieren, haben sich Netto-Null-Ziele gesetzt. Trotz des US-Rückzugs aus dem Pariser Abkommen halten mehr als 190 Staaten an den Klimazielen fest. Wasserstoff gilt dabei als unverzichtbarer Baustein – vor allem in den Sektoren, in denen eine Elektrifizierung nicht möglich ist.

Nach Einschätzung von Deloitte ist der Einsatzbereich jedoch enger als oft propagiert: Für Passagierfahrzeuge, Gebäudeheizung und Stromerzeugung sei Wasserstoff keine sinnvolle Lösung. Das Potenzial liegt laut der Kurzstudie in Schifffahrt, Luftfahrt, Stahlerzeugung und der Chemieindustrie.

Projektpipeline: Vom Papier zur Realität ist der Weg weit

Laut der Deloitte-Analyse befinden sich weltweit mehr als 2.300 Wasserstoffprojekte in der Pipeline. Der Höhepunkt neuer Projektankündigungen lag im Jahr 2023. Seitdem wurden Projekte mit einer Kapazität von rund 11 Millionen Tonnen pro Jahr (Mtpa) abgesagt. Die Lücke zwischen angekündigten und Projekten, bei denen eine FID (Final Investment Decision) getroffen wurde, bleibt enorm.

Bis 2025 haben Projekte mit einer Kapazität von lediglich 3,3 Mtpa eine FID erreicht – gegenüber 37 Mtpa an Ankündigungen für 2030. Regierungen peilen 25 Mtpa bis 2030 an; realistisch seien laut der Veröffentlichung zwischen 5 und 6 Mtpa. Selbst bei einem starken Wachstumsszenario würden nur 10 Mtpa erreicht werden.

Investitionen wachsen – aber nicht genug

Die Investitionen in grünen Wasserstoff steigen laut Deloitte deutlich an: Von 0,5 Milliarden US-Dollar im Jahr 2021 auf knapp 8 Milliarden US-Dollar im Jahr 2025. Als besonders aussichtsreiche Produktionsstandorte nennt der Herausgeber die USA und China.

Dennoch reiche das Tempo nicht aus. Hinzukommen vier Faktoren, die den Sektor zusätzlich bremsen: Zu hohe Kosten, fehlende Nachfrage und Abnahmeverträge, politische Unsicherheiten sowie eine mangelnde Infrastruktur.

Gerade die hohen Kosten für Elektrolyseure sind ein zentrales Problem. Die Internationale Energieagentur (IEA) hat ihre Kosteneinschätzungen zwischen 2021 und 2025 mehrfach nach oben korrigiert – zuletzt um 16 Prozent im World Energy Outlook 2025. Günstige Lernkurveneffekte durch Skalierung bleiben aus, solange die Nachfrage ausbleibt.

Die Nachfrageseite ist das eigentliche Nadelöhr: Von den angekündigten 37 Mtpa Produktionskapazität für 2030 haben 95 Prozent noch keinen Abnahmevertrag – nur 1,6 Mtpa sind vertraglich gesichert.

Infrastruktur und Politik hängen hinterher

Auch eine ausreichende Infrastruktur fehlt. Laut IEA Global Hydrogen Review 2025 haben nur 4 Prozent der für 2030 geplanten Exportprojekte (16,5 Mtpa) eine FID erreicht. Bei Pipelineprojekten für 2035 (37.000 km) sind es 6 Prozent, bei Untertagespeichern (11 TWh) 5 Prozent.

Politische Unsicherheiten verstärken das Problem. In der EU verzögert sich die Umsetzung der RED-III-Mandate für grünen Wasserstoff in nationales Recht. In den USA hat das Energieministerium Fördermittel in Höhe von 7,5 Milliarden US-Dollar für Hunderte von Projekten gestrichen. Internationale Initiativen zur Reduktion von Schiffsemissionen wurden ebenfalls zurückgestellt.

Langfristprognosen nach unten korrigiert

Die langfristigen Marktprognosen haben sich seit 2022 deutlich verändert. Die Ausblicke aus den Jahren 2022 und 2023 sahen den globalen Wasserstoffbedarf bis 2050 bei durchschnittlich rund 600 Mtpa. Aktuelle Prognosen von 2024 und 2025 liegen im Schnitt nur bei rund 400 Mtpa.

Deloitte zieht folgende Schlussfolgerungen:

  1. Die Klimaziele als „Daseinsberechtigung“ für den Einsatz von grünem Wasserstoff bleiben bestehen.
  2. Die Betrachtung der effektivsten und sinnvollen Anwendungsfälle hat die Markterwartungen nach unten korrigiert.
  3. Politische Maßnahmen müssen die Kostendifferenz überbrücken, damit der großflächige Einsatz zu Skalierungseffekten führt und so die Kosten senken kann.
  4. Bestehende Förderinstrumente reichen für einen großflächigen Einsatz von Wasserstoff nach wie vor nicht aus.

 

(Quelle: Deloitte Touche Tohmatsu Limited/2026)

Bildquelle, falls nicht im Bild oben angegeben:

Jetzt Newsletter abonnieren

Brennstoff für Ihr Wissen, jede Woche in Ihrem Postfach.

Hier anmelden

H2-Projekte in Ihrer Region

Mehr als 300 Wasserstoff-Projekte in Deutschland und Europa

Hier geht's zur interaktiven Karte

„Wir sehen in LH2 den Schlüssel zur Dekarbonisierung der Schifffahrt“
„Wir sehen in LH2 den Schlüssel zur Dekarbonisierung der Schifffahrt“

Raumfahrttechnik für die Schifffahrt: Im EU-geförderten Projekt NavHyS entwickelt ein Konsortium aus 14 europäischen Partnern unter der Koordination der ArianeGroup ein Speicher- und Treibstoffsystem für Flüssigwasserstoff (LH2), das unter Deck installiert werden soll. Als erster Anwendungsfall dienen Service Operation Vessels (SOVs), die für Offshore-Windparks eingesetzt werden. Im Interview erklären Lennart Seifert und Gustavo Moreno von der ArianeGroup GmbH, wie sich Raketentechnik für den Einsatz an Bord von Schiffen anpassen lässt und was politisch und wirtschaftlich passieren muss, damit Flüssigwasserstoff flächendeckend einen Beitrag zur Dekarbonisierung der Schifffahrt leisten kann.

mehr lesen
Baustart in Dresden: Neues Prototypenzentrum für Elektrolysetechnologien
Baustart in Dresden: Neues Prototypenzentrum für Elektrolysetechnologien

Das Fraunhofer-Institut für Fertigungstechnik und Angewandte Materialforschung IFAM hat Ende September mit dem Bau eines Prototypenzentrums für Elektrolysetechnologien begonnen. In dem Zentrum sollen großformatige Elektroden für die alkalische Wasserelektrolyse entwickelt und erprobt werden. Nach Institutsangaben handelt es sich um die deutschlandweit erste Forschungsinfrastruktur dieser Art. Die Fertigstellung des Zentrums ist für Sommer 2028 vorgesehen.

mehr lesen
Cytok beantragt Insolvenz und prüft Zukunft von PtG-Technologie
Cytok beantragt Insolvenz und prüft Zukunft von PtG-Technologie

Das GreenTech-Unternehmen Cytok GmbH hat am 15. September beim Amtsgericht Rostock einen Insolvenzantrag gestellt. Trotz erprobter PtG-Technologie (Power-to-Gas) und bestehender Projekte fehlte die Finanzierungsbasis für die Skalierung. Nun sucht das Unternehmen nach Investoren und strategischen Partnern.

mehr lesen

H2 Talk

„Wir sehen in LH₂ den Schlüssel zur Dekarbonisierung der Schifffahrt“
„Die technische Machbarkeit ist nachgewiesen, die größte Herausforderung liegt im Markthochlauf“
„Wir wollen e-Fuels vom teuren Nischenprodukt zu einer wettbewerbsfähigen Lösung entwickeln“

Publikationen