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DVGW: Zukünftige Nutzungskosten für Wasserstoff geringer als für Strom

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Autor: Sophia Jenke

Ein Novum: Transformationskosten wurden in dieser Form noch nie berechnet und für Strom und Wasserstoff vergleichbar dargestellt
© Deutscher Verein des Gas- und Wasserfaches (DVGW)
Transformation des Netzausbaus im Vergleich

18. April 2024 | Der Deutsche Verein des Gas- und Wasserfachs (DVGW) hat die künftigen Nutzungskosten für das Wasserstoffnetz untersucht. Das Ergebnis der Studie: Die Gebühren, die Nutzer:innen von Wasserstoffinfrastrukturen zahlen müssen, dürften geringer ausfallen als die für das Stromnetz.

Der DVGW hat unter Beteiligung mehrerer Mitgliedsunternehmen eine Untersuchung zu Nutzungskosten des geplanten Wasserstoffnetzes durchgeführt. An der Analyse wirkten u.a. das Energiewirtschaftliche Institut an der Universität zu Köln (EWI), das Gastechnologische Institut gGmbH (DBI) und das Beratungsunternehmen ef.Ruhr mit. Die Grundlage der Untersuchung bildete ein modellbasiertes Szenario, in dem die Netze für Wasserstoff und Strom pro Bundesland unabhängig voneinander betrachtet wurden.

Die Netzexperten berechneten sowohl den Netzausbaubedarf als auch die daraus resultierenden Transformationskosten bis 2045. Der Kalkulation der Nutzungskosten für das Wasserstoffnetz unterlag dabei der Annahme, dass zwei Drittel (9,2 Mio.) der heutigen Hausanschlüsse (13,7 Mio.) für Haushalte und den Gewerbe-Handel-Dienstleistungssektor bestehen bleiben. Die Berechnung der Netznutzungskosten für Strom folgte hingegen dem Netzentwicklungsplan 2023.

Basierend auf dem Antragsentwurf zum H₂-Kernnetz der Fernnetzbetreiber (FNBs) vom November 2023 entstehen für den Aufbau des Netzes bis 2032 Investitionskosten in Höhe von 19,8 Mrd. Euro. Darüber hinaus sollen für die Ertüchtigung der bestehenden Gasverteilnetze für den Betrieb mit Wasserstoff weitere 4 Mrd. Euro bis 2045 anfallen. Unter Berücksichtigung der Kosten für die Instandhaltung des bestehenden Erdgasverteilnetzes, das laut DVGW größtenteils für den Wasserstoffbetrieb verwendet werden dürfte, fallen bis zum Jahr 2045 weitere 43 Mrd. Euro an.

DVGW-Szenario 2045

In dem angenommenen „DVGW-Szenario 2045” würden sich Transformationskosten für Wasserstoff wie folgt darstellen: Unter Einbeziehung der Aufwendungen, würden sich jährliche Vollkosten in Höhe von rund 6 bis 9 Mrd. Euro ergeben, abhängig von den Zinsen an den Kapitalmärkten. Die Aufwendungen setzen sich aus den bestehend Kapital- und Betriebskosten für das Kern- und Verteilnetz und den Kapitalkosten für die Restwerte zusammen.

Bei der Annahme eines Referenzzinses sind jährliche Investitionen von rund 7,3 Mrd. Euro notwendig. Für die Verbraucher*innen würde dies Gebühren für die Wasserstoffnutzung, abstrahiert von den Kundengruppen, in Höhe von ca. 1,8 Cent/kWh bedeuten. Mit den beschriebenen Maßnahmen steht eine Infrastruktur zur Verfügung, die über 9 Mio. Haushalte und Gewerbekunden sowie die Industrie und Gaskraftwerke mit Wasserstoff versorgen kann.

„Der Blick auf sogenannte Vorzugsregionen, die entweder Gas- oder Stromnetzausbau erfahren, lässt eine Indikation zu, wonach die Kosten für die Nutzung von Wasserstoff im Wettbewerb zu Aufwendungen für ein rein mit Strom betriebenes Versorgungsnetz deutlich geringer wären”, so Prof. Dr. Gerald Linke, Vorstandsvorsitzender des DVGW.

Transformationskosten für Strom

Zur Abschätzung des Netzausbaubedarfs im Verteilnetz wurde die zukünftige Zubauleistung auf das Betrachtungsgebiet verteilt und die notwendige Netzinfrastruktur bestimmt. Daraus ergebe sich eine Anzahl an zusätzlichen Leitungskilometern und Transformatoren. Diese ermögliche entsprechend bepreist eine indikative Abschätzung der Netzausbaukosten.

Für Deutschland wurde so ein Netzausbaubedarf über alle Netze und Bundesländer hinweg von rund 730 Mrd. Euro ermittelt. Darin enthalten sind die für das Übertragungsnetz veröffentlichten Netzausbaukosten in Höhe von 301 Mrd. Euro. Allein im Verteilnetz würde dies einen jährlichen Investitionsbedarf von 20 Mrd. Euro bedeuten. Das wäre eine Vervierfachung der Ausgaben aus dem Jahr 2022.

Nach Berechnungen des EWI führt der höhere Investitionsbedarf im Jahr 2045 zu einem Anstieg der Netznutzungsentgelte über alle Verbrauchergruppen hinweg. In einem Basisszenario würden die Netzentgelte für Industriekunden um 7,0 Cent/kWh, für Gewerbekunden um 15,2 Cent/kWh und für Haushaltskunden um 18,0 Cent/kWh steigen.

Nutzungskosten für Wasserstoff geringer als für Strom

Andreas Schick, Geschäftsführer der Netze-Gesellschaft Südwest und Landesbotschafter Baden-Württemberg H2vorOrt, betonte: „Es geht nicht um Wasserstoff oder Strom. Zu Erreichung der Klimaziele werden wir beides in erheblichem Umfang benötigen. Aber angesichts der zu erwartenden hohen Kosten ist es dringend erforderlich, keine Wege zu verschließen, sondern vorhandene Infrastruktur zu nutzen und sektorübergreifend zu denken und zu handeln.“

Die Schlussfolgerung von DVGW-Chef Linke lautet, dass Wasserstoff und grüne Gase nicht nur aus dem Blickwinkel des Klimaschutzes, sondern auch rein aus wirtschaftlichen Überlegungen mehr als nur eine Option darstellen. Der entscheidende Punkt seien letztendlich die Netzkosten für Wasserstoff und nicht nur die reinen Produktionskosten. Die Analyse zeige, dass die Versorgung mit grünen Gasen insgesamt deutlich kostengünstiger ist als die Versorgung mit Strom. Linke führt weiter aus, dass aus Sicht des DVGW die Technologieoffenheit unerlässlich sei, um sicherzustellen, dass die Energiewende für Unternehmen und private Verbraucher erschwinglich bleibt.

Die Gasverteilnetze seien zur Sicherung der Grundlast im Stromnetz notwendig, heißt es vom DVGW-Chef. Ein gutes Argument hierfür seien Gaskraftwerke im zukünftigen Betrieb mit Wasserstoff, die an das Verteilnetz angeschlossen werden müssen. Über 80 % dieser Anlagen – und damit rund drei Viertel der Gesamtleistung von 62 GW– befänden sich in über einem Kilometer Entfernung vom bestehenden Fernleitungsnetz. Jede Forderung, die den Rückbau der Wasserstoff-kompatiblen und bilanziell bereits mehrfach abgeschriebenen Gasinfrastruktur betreffe, sei fahrlässig, so Prof. Dr. Linke. Er argumentierte, dass solche Maßnahmen Investitionsanreize gefährden und dem Standort Deutschland insgesamt schaden würden. Linke betont weiterhin, dass Gasverteilnetze der größte Hebel für die Energiewende seien.

Zu den Untersuchungsergebnissen der Transformationskosten
(Quelle: Deutscher Verein des Gas- und Wasserfaches (DVGW)/2024)

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