Der Konflikt im Nahen Osten beeinträchtigt laut dem Global Hydrogen Review die globale Produktion und den Handel mit wasserstoffbasierten Produkten erheblich. Die Region stellt rund ein Sechstel der weltweiten Wasserstoffproduktion. Sie erzeugt mehr als zehn Prozent der globalen Raffineriekapazität sowie der Ammoniak- und Harnstoffproduktion und fast 17 Prozent der weltweiten Methanolproduktion. Mehrere Raffinerien und petrochemische Anlagen haben den Betrieb eingestellt, weil Exporte nicht mehr möglich sind oder militärische Angriffe Produktionsanlagen beschädigt haben.
Die Sperrung der Straße von Hormus trifft den Handel mit Ammoniak, Harnstoff und Schwefel besonders stark. Die Region liefert über ein Viertel des weltweiten Ammoniakhandels, fast 40 Prozent des Harnstoffhandels und fast 45 Prozent des Methanolhandels. Auch Angriffe auf die Hafeninfrastruktur außerhalb des Persischen Golfs schränken Exportkapazitäten weiter ein. Zwischen Januar und Mai 2026 haben sich die Harnstoffpreise verdoppelt. Länder wie Marokko, die ihren gesamten Ammoniakbedarf importieren, beziehen davon 40 Prozent aus der Region. Brasilien, Australien, Südafrika und Thailand decken ihren Harnstoffbedarf zu 40 bis 85 Prozent über Importe aus dem Nahen Osten.
Wasserstoff kann Energiesicherheit stärken, aber nicht kurzfristig
Die IEA sieht in emissionsarmem Wasserstoff einen Beitrag zur Diversifizierung der Energieversorgung. Länder können mit Elektrolyse statt Erdgas oder Kohle Düngemittel, Methanol sowie Schiffs- und Flugkraftstoffe herstellen. Regierungen können damit neue Lieferketten aufbauen und den Kreis der Anbieter gegenüber Öl und Gas erweitern.
Kurzfristig kann der Sektor akute Marktverwerfungen jedoch nicht auffangen. Die bestehende und fest zugesagte Produktionskapazität reicht laut dem Global Hydrogen Review nicht aus, um unmittelbaren Druck auf den Energiemärkten zu lindern. Mehrere große Projekte gehen zwar vor 2030 in Betrieb, der Aufbau ausreichender Skalierung benötigt aber Zeit. Zusätzlich fehlt vielerorts die Infrastruktur für Speicherung, Transport und Verteilung.
Politische Unterstützung bleibt notwendig, um die Kostenlücke zu fossilen Alternativen zu schließen. Außerhalb Chinas bleibt emissionsarmer Wasserstoff in den meisten Weltregionen teurer als fossil erzeugter Wasserstoff. Steigende Preise für fossile Energieträger könnten diese Lücke verkleinern, ebenso wie sinkende Produktionskosten für emissionsarmen Wasserstoff. Dafür braucht es laut IEA jedoch anhaltend hohe fossile Energiepreise über einen längeren Zeitraum.
IEA kürzt Prognose für emissionsarmen Wasserstoff um 40 Prozent
Die weltweite Wasserstoffnachfrage überschritt 2025 erstmals 100 Millionen Tonnen. Industrie und Raffinerien trugen fast die gesamte Nachfrage. Neue Anwendungen wachsen zwar schneller, machen aber weiterhin nur einen kleinen Anteil der globalen Nachfrage aus. Hohe Kosten, unsichere Nachfrage, unklare Regulierung und fehlende Infrastruktur bremsen laut dem Global Hydrogen Review den Hochlauf.
Die Produktion von emissionsarmem Wasserstoff stieg 2025 um 20 Prozent auf knapp eine Million Tonnen. 2026 soll die Produktion einen neuen Rekord erreichen und erstmals mehr als ein Prozent der globalen Wasserstoffproduktion ausmachen. Verantwortlich dafür sind erste Förderprogramme in China und Europa sowie der Aufbau internationaler Lieferketten in Japan.
Die Pipeline angekündigter Projekte für emissionsarmen Wasserstoff bis 2030 ist auf 27 Millionen Tonnen geschrumpft, unter anderem durch Verzögerungen und Streichungen. Seit dem Vorjahresbericht (GHR-25) haben rund 300.000 Tonnen zusätzliche Jahreskapazität eine finale Investitionsentscheidung (FID) erreicht. Die Zahl der Projekte mit hoher Wahrscheinlichkeit, bis 2030 den Betrieb aufzunehmen, sank von zehn auf gut 6 Millionen Tonnen gegenüber dem Vorjahresbericht. Rund 80 Prozent dieser Kapazität entfällt auf die Produktion von Chemikalien, den Einsatz in Raffinerien und die Herstellung emissionsarmer Kraftstoffe. Weitere 22 Millionen Tonnen angekündigter Kapazität drohen, ihre Chance auf einen Betriebsstart bis 2030 zu verlieren, wenn Investitionsentscheidungen nicht bis Anfang 2027 fallen. Zwei Drittel dieser gefährdeten Kapazität liegen in Europa, Nordamerika und Lateinamerika.
China treibt Elektrolysekapazität, aber mit sinkenden Margen
Die weltweit installierte Elektrolysekapazität verdoppelte sich 2025 auf über 4 GW. China stellte fast drei Viertel der neu installierten Kapazität. Niedrige Technologiekosten und Erfahrung mit Großprojekten begünstigen das Wachstum im Land. Gleichzeitig führt ein Überangebot an Fertigungskapazität zu einer Konsolidierung des Marktes. Neue finale Investitionsentscheidungen für Produktionsprojekte gingen 2025 erstmals zurück.
Die globale Fertigungskapazität für Elektrolyseure stieg von 46 GW pro Jahr im Jahr 2024 auf knapp 58 GW pro Jahr im Jahr 2025. Chinesische Hersteller stellen den größten Anteil dieser Kapazität, gefolgt von Europa mit 20 Prozent. Die verfügbare Fertigungskapazität übersteigt die für 2030 erwartete Nachfrage deutlich. Rund 64 Prozent der 58 GW Jahreskapazität liegen bei großen, breit aufgestellten Unternehmen.
In China klafft eine Lücke zwischen Fertigungskapazität von mehr als 35 GW pro Jahr und gebuchter Nachfrage von 4,7 GW im Jahr 2025. Diese Überkapazität drückt die Preise. Gebote für reine Elektrolysestacks fielen Ende 2025 auf unter 80 US-Dollar pro Kilowatt. Das entspricht einem Viertel der Referenzpreisspanne von 290 bis 380 US-Dollar pro Kilowatt außerhalb Chinas. Komplettsysteme kosten in China zwischen 170 und 200 US-Dollar pro Kilowatt, Stacks mit Gasaufbereitung zwischen 100 und 170 US-Dollar pro Kilowatt.
Der Preisdruck trifft einzelne Anbieter bereits konkret. Der Elektrolyseurhersteller GuofuHee mit einer Fertigungskapazität von 3,5 GW pro Jahr nahm im März 2026 nach Gewinnwarnungen Eigenkapital mit Abschlag auf, um Betriebsmittel zu stärken und Kredite zu bedienen. Gleichzeitig expandieren chinesische Hersteller international, wenn auch bislang in begrenztem Umfang: Exporte machten 2025 weniger als 7 Prozent der Gesamtbestellungen aus, umgerechnet gut 300 Megawatt.
Im November 2025 unterzeichneten 40 chinesische Elektrolyseurhersteller die Initiative für eine gesunde Entwicklung der Branche. Sie verpflichten sich darin, von einer volumengetriebenen Wachstumsstrategie zu einer qualitätsorientierten Entwicklung zu wechseln und Angebote unterhalb der Herstellungskosten zu beenden.
China könnte bei grünem Wasserstoff die Kostenparität erreichen
Die IEA-Analyse zeigt, dass grüner Wasserstoff in Teilen Nordchinas bis 2030 Produktionskosten von unter 2 US-Dollar pro Kilogramm erreichen könnte. Grundlage sind optimierte Kombinationen aus Solar- und Windkraft. Australien und Teile der USA profitieren ebenfalls von niedrigen Kapitalkosten und starkem Ausbaupotenzial für erneuerbare Energien. Im Nahen Osten, in Indien und in Chile liegen die erreichbaren Produktionskosten zwischen 3 und 4 US-Dollar pro Kilogramm.
Sinkende Investitionskosten für Elektrolyseure tragen außerhalb Chinas bis zu 60 Prozent zu den erwarteten Kostensenkungen bei, sinkende Strompreise aus erneuerbaren Quellen bis zu 40 Prozent. Weil die Elektrolyseurkosten in China bereits niedrig liegen, tragen dort beide Faktoren etwa gleichermaßen zur weiteren Kostensenkung bei.
In Europa und Südostasien, die auf Gasimporte angewiesen sind, bleibt die Kostenlücke zu fossil erzeugtem Wasserstoff laut IEA voraussichtlich bestehen. In einigen europäischen Regionen könnten die Produktionskosten für erneuerbaren Wasserstoff bis 2030 auf 3,5 US-Dollar pro Kilogramm sinken.
Abnahmeverträge bleiben der zentrale Engpass
Neue Abnahmeverträge für emissionsarmen Wasserstoff blieben 2025 mit rund 1,7 Millionen Tonnen weitgehend unverändert gegenüber dem Vorjahr. Nur etwa 20 Prozent der neu abgeschlossenen Mengen basieren auf verbindlichen vertraglichen Zusagen. Diese konzentrieren sich auf Raffinerien, Industrie und Stromerzeugung.
Basierend auf zugesagten Projekten sollen bis 2030 rund 2,5 Millionen Tonnen emissionsarmer Wasserstoff in Raffinerien und Industrieanlagen verbraucht werden. Das entspricht 60 Prozent der weltweit zugesagten Produktion. Maßnahmen zur Nachfrageschaffung in der Raffinerie- und Industriebranche entstehen vor allem in Europa und China, ihre Umsetzung verläuft jedoch häufig langsam.
Afrika: Wasserstoff als Chance für Entwicklung und Ernährungssicherheit
Der Bericht widmet sich in einem eigenen Fokuskapitel den Chancen und Herausforderungen für neue Lieferketten emissionsarmer Wasserstoffprodukte in Afrika. Fast 600 Millionen Menschen auf dem Kontinent haben keinen Zugang zu Elektrizität, das Stromnetz bleibt vielerorts unterentwickelt. Emissionsarmer Wasserstoff könne laut dem Global Hydrogen Review die industrielle Entwicklung, Ernährungssicherheit und den Handel des Kontinents stärken. Afrikas Düngemittelverbrauch liegt unterhalb des globalen Durchschnitts, viele Länder sind auf Importe angewiesen. 35 Prozent dieser Importe stammen aus dem Nahen Osten. Der Ausbau wettbewerbsfähiger heimischer Ammoniakproduktion könnte den Zugang zu Stickstoffdüngern verbessern und die Abhängigkeit von Preisschwankungen verringern.
Die Wasserstoffnachfrage in Afrika erreichte 2024 rund 3,1 Millionen Tonnen, etwa 3 Prozent der weltweiten Nachfrage. Ägypten, Algerien und Nigeria führen diese Nachfrage an. Ammoniakproduktion macht fast drei Viertel des Wasserstoffeinsatzes aus, überwiegend auf Basis von Erdgas. Aktuell werden rund 6.000 Tonnen emissionsarmer Wasserstoff in Afrika produziert. Von 31 für 2030 angekündigten Projekten hat bislang nur eines eine finale Investitionsentscheidung erreicht.
IEA formuliert Handlungsempfehlungen
Die IEA aktualisiert in ihrem Bericht die politischen Empfehlungen für Regierungen. Sie rät dazu, Ziele für 2030 zu überprüfen und langfristige Ambitionen an die Marktentwicklung anzupassen. Zudem empfiehlt die Agentur, die Umsetzung von Förderpolitik zu beschleunigen, um Nachfrage in Schlüsselsektoren zu schaffen, etwa über Quoten, Beimischungspflichten und öffentliche Beschaffung. Die Unterstützung für Produktionsprojekte soll sich auf baureife Vorhaben konzentrieren, die skalierbar sind. Der Ausbau der Wasserstoffinfrastruktur soll durch effiziente Genehmigungsverfahren und bessere Koordination zwischen Behörden beschleunigt werden. Schließlich empfiehlt die IEA, Schwellenländer beim Aufbau eigener Wertschöpfungsketten für emissionsarme Wasserstoffprodukte zu unterstützen, etwa durch Partnerschaften für neue Anwendungen in der Düngemittelproduktion und neue Exportmöglichkeiten.
Der Global Hydrogen Review 2026 erscheint zusammen mit aktualisierten Daten der Hydrogen Production and Infrastructure Projects Database und dem Hydrogen Tracker der IEA. Beide Werkzeuge enthalten projektbezogene Informationen zu angekündigten und laufenden Vorhaben sowie Angaben zu mehr als 1.000 wasserstoffbezogenen Politikmaßnahmen weltweit, die seit 2020 angekündigt oder umgesetzt wurden. Die IEA erstellt den Report im Rahmen der Hydrogen Initiative des Clean Energy Ministerial. Er dient als Grundlage für das Hydrogen Energy Ministerial Meeting, das Japan ausrichtet.
Zum gesamten Global Hydrogen Review 2026









