Generic filters
Exact matches only
FS Logoi

Wasserstoffrat aktualisiert Bedarfsprognose und analysiert Gasnetz-Beimischung

Der Nationale Wasserstoffrat hat im Juni zwei Informations- und Grundlagenpapiere veröffentlicht. In denen hat das Gremium die technischen sowie regulatorischen Grenzen einer Wasserstoffbeimischung in bestehende Erdgasnetze aufgezeigt sowie die Wasserstoffbedarfe in Deutschland neu beziffert. Bis in die späten 2040er-Jahre rechnet der Rat mit einem Gesamtbedarf von 275 bis 555 TWh Wasserstoff und Wasserstoffderivaten, umgerechnet rund 8,25 bis 16,65 Millionen Tonnen. Beide Papiere fallen in den Abschluss der ersten Amtszeit des Gremiums, das die Bundesregierung am 10. Juni 2020 im Rahmen der Nationalen Wasserstoffstrategie berufen hat.

von | 22.07.26

Im Fernleitungsnetz ist eine Beimischung von Wasserstoff kaum möglich, im Verteilnetz gilt sie als realistischer.
© Gasunie
Wasserstoffrat aktualisiert Bedarfsprognose und analysiert Gasnetz-Beimischung

Der Nationale Wasserstoffrat (NWR) begründet die Aktualisierung der Bedarfsprognose mit der geopolitischen Lage, der Politik der US-Administration sowie neuen Schwerpunktsetzungen auf europäischer und bundesdeutscher Ebene. Bereits 2023 und 2024 hatte der Rat entsprechende Papiere vorgelegt und seitdem fortgeschrieben.

Gegenüber der ersten Prognose von 2023 verschiebt der NWR den Start des Wasserstoffhochlaufs auf die erste Hälfte der 2030er-Jahre. Als Gründe nennt der Rat den bislang unzureichenden regulatorischen Rahmen sowie schwierige finanzwirtschaftliche Rahmenbedingungen, die Investitionen bremsen. Für den Schwerlastverkehr wertet der NWR einen Förderaufruf des Bundesministeriums für Verkehr für Wasserstofftankstellen und schwere Lkw von Anfang 2026 als möglichen Impuls für den weiteren Hochlauf.

Kirsten Westphal mahnte: Für alle Sektoren müssten die rechtlich-regulatorischen Bedingungen noch geschaffen oder verbessert werden, bevor sich die genannten Bedarfe realisieren ließen. Sie verweist dabei auf die notwendige Fortsetzung der Arbeit durch den neuen Nationalen Wasserstoffrat.

Stahl- und Chemieindustrie treiben Nachfrage

Den größten Anteil am künftigen Bedarf beansprucht die Industrie mit 30 bis 55 TWh in den frühen 2030er-Jahren und bis zu 300 TWh in den späten 2040er-Jahren. Die Stahlindustrie setzt Wasserstoff vor allem als Reduktionsmittel bei der Eisenerz-Direktreduktion ein, wobei eine Tonne Wasserstoff dort rund 28 Tonnen CO₂ gegenüber Kokskohle einspart. Der NWR beziffert den potenziellen Wasserstoffbedarf der Stahlindustrie auf bis zu 400.000 Tonnen pro Jahr. Die Chemieindustrie verbraucht bereits heute bis zu 1,1 Millionen Tonnen beziehungsweise rund 37 TWh mehrheitlich fossil erzeugten Wasserstoff. Für 2045 erwartet der Wasserstoffrat einen Bedarf von 107 bis 243 TWh Wasserstoff und Wasserstoffderivaten in der Chemieindustrie. Der Wert liegt je nach Szenario 14 bis 28 Prozent unter der Prognose von 2024.

Mobilität und Strom- beziehungsweise Fernwärmeversorgung tragen jeweils 20 bis 25 Prozent zum Gesamtbedarf bei. Im Mobilitätssektor entfällt der größte Anteil auf den Schwerlastverkehr: Bis 2030 hält der NWR eine Flotte von einigen Tausend Wasserstoff-Lkw für erreichbar. In der kommenden Dekade rechnet der Rat mit den ursprünglich für 2030 erwarteten 38.000 Fahrzeugen und einem Energiebedarf von rund 17 TWh. Für die Luftfahrt beziffert der NWR den Bedarf an Wasserstoffderivaten auf rund 6 TWh in den späten 2030er- beziehungsweise frühen 2040er-Jahren, der bis in die späten 2040er-Jahre auf rund 27 TWh steigt. In der Strom- und Fernwärmeversorgung erwartet der Rat für 2035 einen Brennstoffeinsatz von 5 bis 30 TWh, der 2040 auf 30 bis 40 und 2045 auf 60 bis 120 TWh ansteigt.

Zum Informations- und Grundlagenpapier „Wasserstoffbedarf“

Beimischung nur in engen Grenzen möglich

Das Papier zur Wasserstoffbeimischung ordnet die Diskussion um Erdgasnetze als Übergangspfad für den Markthochlauf ein. Der NWR unterscheidet dabei zwischen Fernleitungs- und Verteilnetzen, die sich in technischer Auslegung, Einbindung in europäische Strukturen und Nutzerstruktur grundlegend unterscheiden. Ohne eine Überarbeitung des gesetzlichen und regulatorischen Rahmens bleibt eine Beimischung auf beiden Netzebenen nach Einschätzung des Rats nur in sehr engen Grenzen möglich.

Die physikalischen Eigenschaften von Wasserstoff limitieren den Effekt einer Beimischung zusätzlich. Der volumetrische Brennwert von Wasserstoff liegt bei rund einem Drittel des Werts von Erdgas, komprimiert auf den Speicherdruck von 200 bar sinkt die Energiedichte auf ein Viertel. Ein Wasserstoffanteil von 10 Volumenprozent im Gasgemisch entspricht deshalb nur einem Energieanteil von etwa 3 Prozent, bei 20 beziehungsweise 30 Volumenprozent liegt der Energieanteil bei rund 7 beziehungsweise 11 Prozent. Die daraus resultierende Treibhausgasminderung beträgt bei 10 Volumenprozent Beimischung nur etwa 2 Prozent, bei 20 und 30 Volumenprozent rund 4 beziehungsweise 7 Prozent.

Europäische Vorgaben bremsen Beimischung im Fernnetz

Im Fernleitungsnetz begrenzen europäische Gasqualitätsanforderungen den zulässigen Wasserstoffanteil faktisch auf maximal 2 Volumenprozent, in Deutschland ebenso wie in vielen anderen europäischen Ländern. Industrielle Großabnehmer verschärfen die Restriktion zusätzlich: In der chemischen Industrie dient rund ein Viertel des eingesetzten Erdgases als Rohstoff und erfordert hohe Reinheitsgrade. Wasserstoffanteile oberhalb von etwa 2 Volumenprozent können dort Sicherheitsabschaltungen auslösen. Verdichteranlagen mit gasbetriebenen Turbinen sind in der Regel ebenfalls nicht für erhöhte Wasserstoffanteile ausgelegt, ein verbindlicher Grenzwert für das Fernleitungsnetz fehlt bislang.

Als Alternative benennt der NWR De-Blending-Technologien wie Hochleistungsmembranen kombiniert mit Druckwechseladsorption. Diese Verfahren extrahieren Wasserstoff aus Erdgasströmen mit einer Reinheit von bis zu 99,9999 Prozent und könnten ihn punktuell in das Wasserstoff-Kernnetz einspeisen. Für einen flächendeckenden Einsatz im gesamten Fernleitungsnetz hält der Wasserstoffrat die Technologie aufgrund des Energiebedarfs und der sinkenden Effizienz bei niedrigen Wasserstoffkonzentrationen jedoch nicht für wirtschaftlich.

Verteilnetze bieten größeren Spielraum

In Verteilnetzen hängt der maximal beimischbare Anteil von der Verträglichkeit der angeschlossenen Anwendungstechnik ab und reicht von 0 Volumenprozent bei bestimmten Industrieanlagen bis zu 20 oder 30 Volumenprozent bei moderneren Geräten im Wärme- und Gewerbesektor. Ein belastbarer H₂-Grenzwert für den Gasgerätebestand fehlt im DVGW-Regelwerk bislang, wodurch Netzbetreiber die Kompatibilität einzelner Anlagen kaum prüfen können. Der NWR verweist zudem auf offene Zertifizierungsfragen: Für RFNBO-Wasserstoff regelt die Massenbilanzierung nach der Erneuerbare-Energien-Richtlinie den Nachweis, für kohlenstoffarmen Wasserstoff befindet sich der Rechtsrahmen laut Rat noch im Aufbau. Alternative Book-and-Claim-Modelle könnten die Liquidität erhöhen, bergen aber laut Papier das Risiko sinkender Anreize für den Aufbau dedizierter Wasserstoffinfrastruktur.

Wirtschaftlich stuft der NWR das Kosten-Nutzen-Verhältnis im Fernleitungsnetz als ungünstig ein, im Verteilnetz hält er es je nach lokalen Bedingungen für vorteilhafter. Strategisch ordnet der Wasserstoffrat die Beimischung als Übergangslösung ein, die vor allem für Verteilnetze relevant bleibt, während für Fernleitungsnetze der Aufbau dedizierter Wasserstoffnetze bereits beschlossen ist.

Zum Informations- und Grundlagenpapier „Beimischung von Wasserstoff in Erdgasnetzen“

(Quelle: Nationaler Wasserstoffrat/2026)

Bildquelle, falls nicht im Bild oben angegeben:

Jetzt Newsletter abonnieren

Brennstoff für Ihr Wissen, jede Woche in Ihrem Postfach.

Hier anmelden

H2-Projekte in Ihrer Region

Mehr als 300 Wasserstoff-Projekte in Deutschland und Europa

Hier geht's zur interaktiven Karte

Thyssenkrupp Nucera steigert Auftragseingang und gibt SOEC-Serienfertigung auf
Thyssenkrupp Nucera steigert Auftragseingang und gibt SOEC-Serienfertigung auf

Die Thyssenkrupp Nucera AG & Co. KGaA hat den Auftragseingang in den ersten neun Monaten des Geschäftsjahres 2025/2026 von 241 Millionen auf 471 Millionen Euro beinahe verdoppelt. Eine zentrale Rolle dafür spielt laut dem Anlagenbauunternehmen das Segment Grüner Wasserstoff (gH2). Gleichzeitig gibt Thyssenkrupp Nucera den geplanten Aufbau einer eigenen Serienproduktion für die Hochtemperatur-Elektrolyse (HTE) auf.

mehr lesen
Übernahme bündelt Messtechnik für Gas- und Wasserstoffnetze
Übernahme bündelt Messtechnik für Gas- und Wasserstoffnetze

Die Vorwerk Gas Technology GmbH hat zu August den Geschäftsbetrieb der Meter-Q Solutions GmbH aus dem hessischen Friedberg übernommen. Mit dem Zukauf hat das Unternehmen sein Angebot an Mess- und Analysetechnik für Erdgas, Wasserstoff und Biogas erweitert. Der Kaufvertrag steht noch unter dem Vorbehalt der Zustimmung der Gläubigerversammlung von Meter-Q.

mehr lesen
Cellcentric: Lars Ljungström ist neuer CFO
Cellcentric: Lars Ljungström ist neuer CFO

Bei dem Brennstoffzellen-Unternehmen Cellcentric GmbH & Co. KG gab es Änderungen in der Geschäftsführung. Das Joint-Venture der Daimler Truck Holding AG und Volvo Group hat Lars Ljungström zum neuen Chief Financial Officer (CFO) ernannt. Ljungström hat im August die Nachfolge von Niklas Ekström angetreten.

mehr lesen

H2 Talk

„Versorgungssicherheit und Klimaschutz sind keine Gegensätze“
„Das Engagement hat riesige Fortschritte für die Elektrolysetechnologie gebracht“
„Unsere neue H₂-Trainingsstrecke nimmt eine europäische Vorreiterrolle ein”

Publikationen

Netzmeister 2023

Netzmeister 2023

Erscheinungsjahr: 2023

Für die Instandhaltung der Gas-, Wasser- und Fernwärmerohrnetze, die den mit Abstand größten Teil des Anlagevermögens von Versorgungsunternehmen ausmachen, trägt der Netzmeister die Verantwortung. Um den täglichen Anforderungen gerecht werden zu ...

Zum Produkt

Wasserstoff in der Praxis, Bd. 2: Gebäude- und Messtechnik

Wasserstoff in der Praxis, Bd. 2: Gebäude- und Messtechnik

Erscheinungsjahr: 2022

Das Buchreihe „Wasserstoff in der Praxis“ vermittelt Praktikern wichtige Informationen über den Stand der Technik und zukünftige Entwicklungen. Im 2. Band stehen die Themen „Gebäudetechnik“ und „Messtechnik“ im Fokus. Das ...

Zum Produkt

Wasserstoff in der Praxis, Bd. 1: Infrastruktur

Wasserstoff in der Praxis, Bd. 1: Infrastruktur

Erscheinungsjahr: 2021

Das Buchreihe „Wasserstoff in der Praxis“ vermittelt Praktikern wichtige Informationen über den Stand der Technik und zukünftige Entwicklungen. Im 1. Band werden die Herausforderungen dargestellt, die Wasserstoff an die Gasinfrastruktur und den ...

Zum Produkt